Gedenktafel für die Neckarsteinacher Euthanasie-Opfer: „Den Opfern ihren Namen und ihre Würde zurückgeben“

„Es geht nicht ums Aufrechnen, sondern ums Erinnern und Gedenken“, sagte der evangelische Pfarrer Norbert Feick bei der Enthüllung der Gedenktafel für die Neckarsteinacher Euthanasie-Opfer. Mit Blick auf die Zukunft gelte es deutlich zu machen, so Feick: „Wir wollen so etwas nie wieder.“ Es gehe darum, „den Opfern ihren Namen und ihre Würde zurückzugeben“, machte er während der Feierlichkeiten deutlich.

Zu diesen hatte sich eine große Anzahl Neckarsteinacher am Bürgerhaus „Zum Schwanen“ eingefunden, an dessen Wand die Tafel künftig ihren Platz hat. Besonders beeindruckend waren die Worte von Michael Nollert, der vor einigen Jahren das Projekt ins Rollen brachte. Denn seine Großmutter Barbara gehörte zu den sechs Neckarsteinacher Bürgern, die unter den Nazis ihr Leben ließen. Nollert, der heute in der Schweiz wohnt, schilderte in bewegenden Worten die Familiengeschichte.

Mit der Aufarbeitung wurde Professor Erhard Hinz betraut, der sich in mühevoller Kleinarbeit durch Schriftstücke, Krankenakten und Urkunden wühlte. Seine Ergebnisse sind auch in den aktuellen Geschichtsblättern des Kreises Bergstraße (Nummer 47) unter dem Titel „Die Aktion T4, die Täter und ihre Neckarsteinacher Opfer“ ab Seite 236 nachzulesen.

Bürgermeister Herold Pfeifer sagte in seiner Einführung, dass im Dritten Reich etwa 300.000 kranke und behinderte Menschen der sogenannten „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ in ganz Europa zum Opfer gefallen seien. „Die Verbrechen der Nationalsozialisten aufzuarbeiten, ihrer Opfer zu gedenken und die Erinnerung auch in nachfolgenden Generationen wach zu halten, ist und bleibt eine immerwährende Aufgabe und moralische Verpflichtung der Bundesrepublik Deutschland“, habe bereits Kulturstaatsministerin Monika Grütters zur Eröffnung des Gedenk- und Informationsortes für die Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Morde gesagt.

Michael Nollert habe sich kurz nach seinem Amtsantritt bei ihm gemeldet, so Pfeifer, und vom Schicksal seiner Großmutter berichtet. Damit diese Gräueltat nicht in Vergessenheit gerate, regte Nollert an, in Neckarsteinach für seine Großmutter und die anderen Opfer ein Gedenksymbol aufzustellen. Prof. Hinz sei dann Ende 2013 beauftragt worden, „dieses düstere Kapitel aus der NS-Zeit aufzuklären“. Auf der Grundlage seiner Recherchen habe der Heimat- und Kulturverein nach einem Entwurf von Elisabeth Hinz eine Tafel mit den Namen sowie den Geburts- und Todesdaten der Neckarsteinacher Mordopfer herstellen lassen.

Nach dem Auftrag durch den Magistrat habe er mit seinen Recherchen begonnen, verdeutlichte Prof. Hinz. Dies vor allem beim Stadtarchiv Berlin und in den Opferlisten verschiedener Gedenkstätten. Dabei habe er die sechs jetzt auf der Tafel aufgeführten Namen gefunden. Er blickte zurück auf den „Euthanasie-Wahn der Nationalsozialisten“, eine minutiös geplante und vorbereitete Aktion in den Jahren 1940 und 1941 mit dem Namen T4. Diesen habe sie von der Adresse der entsprechenden Behördendienststelle in der Tiergartenstraße 4.

Die aus Neckarsteinach abtransportierten Bürger seien zuerst in die „Zwischenanstalten“ Weilmünster oder Eichberg gekommen, so Hinz. Von dort ging es meist weiter in die Tötungsanstalt Hadamar. Die Euthanasie-Tötungen seien auf Druck der Kirchen 1941 beendet, ein Jahr später unter anderem Namen aber wieder aufgenommen worden, berichtete Hinz.

Es sei schwierig, „zu diesem Thema emotionslos etwas zu sagen“, bekannte Michael Nollert. Seine Großmutter habe heute 40 Nachkommen, sagte er, darunter fünf Enkel in Kanada und ihn in der Schweiz. „Es gibt auch noch Verwandte in Neckarsteinach“, von denen einige zur Gedenkfeier erschienen seien. Nollert bedauerte, dass sich die Nachforschungen so lange hingezogen hätten.

Denn die Namen seien bereits seit 1990 bekannt gewesen, aber erst 2002 öffentlich gemacht worden. Und dies auch nur, weil ein israelischer Journalist die Verschwiegenheitspflicht gebrochen habe. Er sei „empört, dass es über 70 Jahre gedauert hat, bis es endlich eine Würdigung der Opfer gibt“. Es sei höchste Zeit, so Nollert, „ihnen endlich ihren Namen und ihre Würde als Menschen zurückzugeben“.

Wie verschämt mit den damaligen Ereignissen während der Nazi-Zeit auch in der eigenen Familie umgegangen wurde, stellte Michael Nollert schon als Kind fest. In den 60 Jahren „war ich oft zum Spielen im Hirtweg“, wo das Zuhause der Großmutter war. Auf Fragen, was mit ihr passiert sei, wurde ihm geantwortet, „die ist in Heppenheim im Krankenhaus gestorben“. Doch ihm sei klar gewesen: „Da stimmt was nicht“. Und eines Tages habe er den Namen der Oma in den Opferlisten gefunden.

Nollert machte deutlich, wie traumatisierend der Verlust für seine Mutter gewesen sei. Die habe mit drei Jahren ihre Mutter, seine Großmutter, verloren. Denn Barbara Nollert sei 1936 zuerst nach Wiesloch eingewiesen worden, kam dann 1939 nach Heppenheim, wurde dort zwangssterilisiert und schließlich 1941 über die Zwischenstation Weilmünster in Hadamer ermordet. Dank der Nachforschungen von Hinz sind inzwischen sogar die Namen der verantwortlichen Ärzte bekannt. Michael Nollert bedauerte sehr, dass seine vor einem Jahr gestorbene Mutter der heutigen Gedenkstunde nicht mehr beiwohnen konnte.

Als „guten Tag für unsere Stadt und die Bürger“ würdigte Pfarrer Feick die Einweihung. Für ihn als Jahrgang 1972 seien die damaligen Verhältnisse kaum vorstellbar. Er wünschte sich, den „Schwung der Einigkeit in den politischen Gremien“, als es um die Gedenktafel gegangen sei, mitzunehmen, um auch den durch die Nazis ermordeten Menschen jüdischen Glaubens sowie Schwulen und Lesben zu gedenken. Neckarsteinach mache mit der heutigen Aktion deutlich: „Es geht auch anders“, formulierte der Pfarrer.

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