Viele feierten das 200. Jubiläum der Martinskirche Beerfelden

„Das war ein Gottesdienst wie an Weihnachten“, freut sich Pfarrer Roger Frohmuth noch Stunden später über die Resonanz des vormittäglichen Andrangs in der Kirche. „Ich bin total glücklich über den tollen Besuch“, spricht er auch seinen Pfarrerkollegen Roland Bahre und Claudia Borck aus der Seele, dass die Feierlichkeiten zum 200-jährigen Bestehen der Martinskirche so gut frequentiert wurden.

Am Nachmittag schloss ein Fest rund um den Marktplatz an, bei dem die Gäste gerne länger verweilten. Und dabei auch kräftig konsumierten, wie an den sich ausdünnenden Essensangeboten zu bemerken war. Das Jubiläum eröffnet hatte am Vorabend Heimatkundlerin Ute Löb, die die vergangenen zwei Jahrhunderte der evangelischen Martinskirche Revue passieren ließ. Architektin Stefanie Holschuh-Rundel aus Beerfelden erläuterte die von ihr betreuten Turmrenovierungs-Arbeiten der vergangenen Jahre.

Im Vorfeld des Kirchenfests am Erntedank-Wochenende hatte der Vorbereitungskreis mit seiner Vorsitzenden Andrea Breidinger-Braner alle Hände voll zu tun. „Für Leib und Seele“ hieß der Untertitel – und der war durchaus wörtlich zu nehmen. Pfarrer Bahre bezeichnete in seiner Predigt die Gemeinde als „Früchte und Ernte der Kirche“.

Es sei immer schön, bei Geschenken das „Glänzen in den Augen zu sehen“, stellte Bahre den Bezug zu Erntedank her und thematisierte auch den fließenden Heilsbrunnen. Der Kirchenchor unter Leitung von Iris Thierolf und der Posaunenchor unter Dieter Knoll sorgten für die Umrahmung des Gottesdienstes, in dem Bahre daneben auf „200 Jahre bewegte und lebendige Kirchengeschichte“ einging.

Die sich anschließenden Kirchenführungen durch Ute Löb stießen auf sehr gute Resonanz. Der eigentlich geplante Turnus von einer Stunde wurde aufgrund der Nachfrage verkürzt. Viele Besucher wollten auch den renovierten Turm besteigen und an diesem schönen Sonntag von dort aus den Rundumblick über die Oberzent genießen.

Um die Verpflegung kümmerten sich Helfer aus der gesamten Kirchengemeinde. Der Männerkochkurs tischte eine wohlschmeckende Kartoffelsuppe auf: „Sehr gut und sehr sättigend“, meinte Pfarrer Bahre nach dem „Selbstversuch“. Die von den Gemeindegliedern betreuten Flüchtlinge waren mit einem Waffelstand vertreten. Deftig ging’s bei den Rotariern zu: Das schon früh am Morgen aufgehängte 96-Kilo-Wildschwein hatte am Nachmittag sehr stark abgenommen.

„Gemeinsam dankbar sein und ins Gespräch kommen“ stehe als Motto über dem Tag. Und deshalb habe man auch die muslimische Gemeinde aus der Stadt eingeladen, so Pfarrer Bahre. Er freute sich daneben über den Besuch der Bürgermeister auch aus umliegenden Orten und des Grafen zu Erbach Fürstenau.

Die Beerfelder Heimatkundlerin Löb machte in ihrem Vortrag deutlich, dass die Martinskirche in den vergangenen zwei Jahrhunderten fast immer eine Baustelle war. Bereits kurz nach Fertigstellung traten ihren Worten zufolge erste Bauschäden am Dach auf. 1924, also nur gut 100 Jahre nach Errichtung, „erfolgte die fünfte Renovierung des Dachs“, so Löb.

Sie zeichnete gleichsam die enge Verbindung nach, welche die Beerfelder mit ihrer Kirche pflegen. Denn der Vorgängerbau war 1810 zusammen mit der gesamten Stadt einem verheerenden Brand zum Opfer gefallen. In Rekordzeit ging es danach an den Wiederaufbau: Bereits im August 1812 wurde der Grundstein dafür gelegt. Die Fertigstellung innerhalb von drei Jahren dürfte auch so manchen heutigen Großprojekten zur Ehre gereichen.

Großzügige Spenden von in die USA ausgewanderten Beerfeldern trugen laut Löb dazu bei, dass 1887 der Turm mit Uhr, heute Stadtbild prägend, fertiggestellt werden konnte. „Eine eigene, viel Geduld und Nerven kostende Geschichte“, sagte die Heimatkundlerin. Denn dem frühen Baubeginn folgten Jahrzehnte, in denen zuerst nur der untere, statisch unsichere Teil als Fragment dastand.

Viel Mühe und Recherchearbeit investierte Ute Löb in den vergangenen Monaten, um diese Fülle an Material zusammenzutragen. Schwierig sei es oft gewesen, die Handschriften vergangener Jahrhunderte zu entziffern. Original-Dokumente wie Briefe und Urkunden lasen an diesem Abend die beiden Pfarrer Bahre und Frohmuth. Für die musikalische Gestaltung sorgte Kantorin Iris Thierolf an Klavier und Orgel sowie mit Gesang.

martinskirche-beerfelden1 - Kopie martinskirche-beerfelden6 - Kopie

Advertisements