Tag der Deutschen Einheit: Welche Bedeutung hat er für den Menschen in der Region?

Sabine Wegehingel, 51, Neckarsteinach-Neckarhausen: Vor 25 Jahren erschien mir die Vollendung der deutschen Einheit als fast unlösbare Problematik. Heutzutage ist das überhaupt kein Thema mehr. Für die jüngere Generation ist ein vereintes Deutschland eine Selbstverständlichkeit und kaum noch vorstellbar, dass es überhaupt mal ein geteiltes Land gab. Den 3. Oktober 1990 sehe ich eher als „vertraglichen Abschluss“ dessen, was im Jahr 1989 begann und im November durch die Maueröffnung seinen Höhepunkt fand. Diese Bilder bewegten mich damals sehr.

Ralf Kern, 56, Neckarsteinach: Auch nach 25 Jahren Wiedervereinigung ist eine wirkliche Einheit noch nicht erreicht. Unterschiede sehe ich gerade derzeit im Umgang mit der Flüchtlingsfrage. Hier sind die Ostdeutschen kritischer gegenüber den Asylsuchen eingestellt. Rechtsradikalismus ist im Osten wie im Westen gleichermaßen verbreitet, aber im Osten haben die Politiker in den vergangenen 25 Jahren zu wenig dagegen getan. Die Einheit ist auch im Fußball noch nicht verwirklicht. Viele Clubs wie Rostock, Dresden oder Leipzig spielen nur zweitklassig. Hier sollte sich etwas tun. Für mich ist der „wirkliche“ Tag der Einheit nach wie vor der 17. Juni 1953. Ich sehe mit Blick auf den 3. Oktober eher die Bilder von 1989 aus Ungarn oder Tschechien vor mir.

Anja Stangl, 46, Hirschhorn: Heutzutage verbinde ich den 3. Oktober vor allem mit dem Florianstag der Freiwilligen Feuerwehr unserer Stadt, in der ich ehrenamtlich aktiv bin. Vor 25 Jahren war das natürlich etwas ganz anderes – wobei mir der Tag selbst nicht so prägend in Erinnerung ist wie der 9. November 1989, als die innerdeutschen Grenzen fielen. Das war ein sehr bewegender Moment. Ob 25 Jahre danach die deutsche Einheit wirklich vollbracht ist? Ich kann es nicht endgültig sagen: Eigentlich ja, doch manchmal wird mir doch noch bewusst, dass es gewisse Mentalitätsunterschiede zwischen West- und Ostdeutschen gibt. Aber spätestens nach weiteren 25 Jahren sind die auf jeden Fall vergessen.

Gert Heiss, Langenthal: Als Bürger Westdeutschlands hatte ich bis 1989 keinen besonderen Grund, mir über die damalige DDR große Gedanken zu machen – bis im Frühsommer 89 ein junger Mann in meiner Nachbarschaft auftauchte, der aus der DDR kam. Mit diesem jungen Mann habe ich dann einen Kontakt aufgebaut und erfahren, dass er im Stasi-Gefängnis in Bautzen gesessen hatte und von der BRD freigekauft worden war. Als dann die Mauer fiel, haben wir mitten in der Nacht vor dem Fernseher gesessen und geweint. Die Tränen sind getrocknet, aber die Verbindung besteht noch nach so vielen Jahren. Der 3. Oktober ist für mich kein Feiertag, aber ein Tag zum Nachdenken. Ich freue mich auf Menschen in Ost und West, die friedlich miteinander umgehen.

Corinna Johe, 27, Rothenberg: Am Tag der Wiedervereinigung war ich zwei Jahre alt, habe also noch keine bewussten Erinnerungen daran. Natürlich habe ich mich im Nachhinein damit beschäftigt, aber nachfühlen, wie das damals war, kann ich nicht. Viele Dinge kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Man sieht Reportagen und hört Zeitzeugen, doch durch die Jahre mit den immer gleichen Berichterstattungen stumpft man doch etwas ab. Das rührt vermutlich auch daher, dass ich die Zeit nicht bewusst erlebt habe und keine Erinnerungen abrufen kann. Für die meisten Jüngeren ist es wohl einfach ein Tag, an dem sie nicht in die Schule oder zur Arbeit gehen müssen. Doch vor dem Hintergrund der Flüchtlingskrise und anderen Konflikten sollte man sich doch ernsthaft Gedanken machen, was Einheit bedeutet. Sind nicht auch damals Menschen (aus der DDR) geflohen? Auch sie waren Flüchtlinge, die in Sicherheit und mit einer Perspektive leben wollten. Damals waren viele Dinge noch selbstverständlicher als heute, das sollte doch jedem zu denken geben.

Carsten Ahlers, 24, Hirschhorn: Der 3. Oktober ist für mich ein freudiger Tag, an dem zusammenkam, was zusammen gehörte. Er ist eine logische Folge der historischen Entwicklung und zeigt, dass der Wille eines Volkes nicht ignoriert werden kann und nicht ignoriert werden darf. Vor allem beendete er auch eine Diktatur, die niemand mehr auf deutschem Boden ertragen konnte und wollte. Obwohl er für die Einheit Deutschlands steht, erinnert er Jahr für Jahr aufs Neue an die schreckliche Geschichte, die diesen Tag erst notwendig machte.
 

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