Ein Blick auf alte Gebäude durch junge Augen: Die 15-jährige Flora Berger aus Beerfelden ist Stadtführerin

Auf halber Höhe der Rollgasse bleibt Flora Berger stehen und deutet auf ein altes, schon in die Jahre gekommenes Haus auf der rechten Straßenseite. „Das ist das älteste Gebäude in Beerfelden“, erläutert sie im Rahmen ihrer Stadtführung der etwa 50-köpfigen Zuhörergruppe. Die ist ungefähr im gleichen Alter wie die 15-Jährige – und das ist die Besonderheit der Tour: Flora Berger ist die jüngste Stadtführerin im Odenwaldkreis. An diesem Morgen zeigt sie den zwei Religionskursen der Oberzent-Schule mit den Lehrern Bernd Siefert und Roger Frohmuth die Stadt am Berg.

Um auf das älteste Haus mit den weißen Holzschindeln zurückzukommen: Das wurde im Jahr der französischen Revolution, 1789, erbaut. Seine Besonderheit liegt darin, dass es als einziges den großen Brand von 1810 überstand, der ansonsten die komplette Altstadt vernichtete. Von der Schule kommend, war der erste zentrale Punkt auf der Tour der heutige Zwölf-, frühere Acht-Röhren-Brunnen. Dessen Bedeutung für die städtische Wasserversorgung bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war existenziell, so Flora Berger.

Nur ein paar Meter weiter, am selben Platz, führen ein Stufen hinauf zum Oberzentmuseum.  Geschichtliche Zeugnisse der Region und ihrer Bürger sind dort zu sehen, erläutert Flora. Weiter geht’s danach die Rollgasse hinauf bis zum Bürgerhaus. Das, weiß die 15-jährige, „war früher das Rathaus und noch früher die Volksschule“. 1886 wurde es umgebaut und erhielt damals ein weiteres Stockwerk.

Vor der evangelischen Martinskirche ist natürlich Pfarrer Roger Frohmuth in seinem Element. Er weist zum einen auf das 200. Jubiläum der Wiedereinweihung 1815 hin – auch die Kirche war 1810 abgebrannt. Zum anderen erläutert er, dass davor ab 1876 ein Kriegerdenkmal für die Gefallenen des deutsch-französischen Kriegs von 1870/71 stand, das jetzt auf der Sensbacher Höhe zu finden ist.

Flora Berger bietet seit etwa einem Jahr Stadtführungen an – nicht nur für Kinder und Jugendliche, sondern auch für Familien. Als sie selbst an einer teilnahm und an einer Stelle „mehr als der Stadtführer wusste“, sei sie von Renate Löw angesprochen worden, ob sie nicht selbst eine durchführen wolle. Gesagt, getan. „Die Stationen habe ich mir selbst ausgesucht“, erklärt Flora. Auf Spickzetteln hat sie die jeweiligen Daten parat.

Neben dem Pfarrhaus zeigt sie den Interessierten auch andere Stadtbild prägende Gebäude, „die in ihrer Art typisch für die Bauweise nach dem Brand waren“. Die ehemalige Jugendherberge im blauen Haus (von 1941 bis 1971) liegt ebenso auf dem Weg wie der „Beerfelder Knast“. Den gab es dort zwischen 1859 und 1923. Knackis nicht nur aus Beerfelden, sondern auch aus anderen Teilen des Odenwaldkreises saßen dort ein.

„Es macht Spaß, den Leuten etwas zu erzählen“, erzählt Flora über ihre Motivation. „Ich interessiere mich selbst für die Stadtgeschichte“, verbindet sie das Angenehme mit dem Nützlichen. Normalerweise, lacht die 15-Jährige, mache sie die Führungen in typisch Odenwälder Tracht. Aber an diesem grauen Morgen „war es mir einfach zu kalt“.

„Sechs Mal“, zählt Flora nach, hat sie bisher Gruppen durch Beerfelden geführt. Eine davon mit Kindern im Rahmen des Ferienspaßes. Die, schmunzelt sie, zeigten großes Interesse – mehr als manche Gleichaltrige. Aber ihre Schulkameraden waren an diesem Morgen auch nur am Bibbern. Deshalb folgten alle bereitwillig Pfarrer Frohmuth zum Aufwärmen in die Kirche.

Der wies beim Hineingehen darauf hin, „dass früher der Eingang ein Stockwerk höher war“. Denn eine große Treppen habe direkt ins erste Obergeschoss geführt, von wo aus geradeaus ins Kirchenschiff weitergeht. „Als der Marktplatz umgestaltet wurde, fiel ihm die Treppe zum Opfer“, so Frohmuth. Der Sandstein-Bau habe deshalb ein abwechslungsreiches Aussehen, „weil die Steine aus unterschiedlichen Steinbrüchen stammen“. Sogar Material von der Ruine Freienstein sei verwendet worden.

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