Hessen Forst hebt Betreuungsentgelte für Privatwald drastisch an: Forstamt Beerfelden verschickt Benachrichtigungen

Über 600 Privatwald-Besitzer aus dem Bereich des Forstamts Beerfelden bekommen in diesen Tagen einen „blauen Brief“, wie dessen Leiter Norbert Sasse bedauernd sagt. Hintergrund: Hessen Forst hebt zum 1. Dezember die Betreuungsentgelte für den Privatwald drastisch an. Im Frühjahr waren die entsprechenden Pläne bereits auf Versammlungen vorgestellt worden. Schon damals hatte sich lautstarker Protest dagegen geregt, geht es doch im Schnitt um eine Verzehnfachung der bisherigen Beträge. Doch Änderungen gab es nicht mehr.

Norbert Sasse kann den Ärger der Privatwald-Besitzer über die Vorgehensweise nachvollziehen, auch wenn er die Anhebung „in der Sache für unterstützenswert“ hält. Denn in der Vergangenheit sei die Bewirtschaftung sehr stark subventioniert worden. Das Land habe sich nun entschlossen, „vor dem Hintergrund der in Verfassung verankerten Schuldenbremse eine freiwillige Leistung auf den Prüfstand zu stellen“.

Sasse machte dies an den von Hessen Forst vorgelegten Zahlen fest: Demnach seien landesweit mit der Privatwald-Bewirtschaftung 2013 nur 730.000 Euro eingenommen worden. Dieser Summe stünden aber Ausgaben von 7,3 Millionen Euro gegenüber. Ziel der Landesregierung sei nun eine hälftige Kostendeckung von 3,5 Millionen Euro.

„Die Einbeziehung von Waldbesitzern und Verbänden in die Beratungen wäre sinnvoll gewesen“, so der Forstamts-Chef. So aber „wurde nur ein Ziel vorgegeben“. Die Privatwald-Eigentümer seien damit vor vollendete Tatsachen gestellt worden. Sasse hätte sich daneben vorstellen können, „die Anhebung in mehreren Schritten vorzunehmen“ – und nicht alles auf einmal.

„Für eine Dienstleistung muss etwas bezahlt werden“, macht Sasse auf der anderen Seite deutlich, dass in der Vergangenheit die Waldbesitzer etwas „verwöhnt“ worden seien. Die Zeit der „kostenlosen Beförsterung“ sei einfach vorbei. Denn wie die Berechnung durch Hessen Forst zeige, habe die Allgemeinheit bisher die Bewirtschaftung stark subventioniert. Das Beerfelder Forstamt betreut derzeit etwa 3700 Hektar Privatwald, erläutert er.

Sasse sieht ein Problem darin, „dass es keine Ausweichmöglichkeit gibt“. Denn neben Hessen Forst existierten keine privaten Anbieter, die die Aufgaben übernehmen könnten. Und selbst wenn es sie gäbe, würden diese voraussichtlich um einiges teurer arbeiten müssen und sich die Rosinen aus dem Kuchen picken. Sprich: nur große, zusammenhängende Waldgebiete bewirtschaften. Die Kleinen, die die Erhöhung besonders spürten, würden sowieso nicht profitieren.

Das Forstamt Beerfelden sieht sein Chef in einer Zwitterrolle: „Die Leute wissen, dass wir nichts dafür können, aber wir verschicken trotzdem die Briefe mit der Erhöhungsankündigung.“ Er befürchtet einen Vertrauensverlust gegenüber Hessen Forst. Die Behörde habe durch ihr Monopol vollendete Tatsachen geschaffen. „Überall sonst wird von Bürgerbeteiligung geredet“, aber in diesem Fall nicht praktiziert, sieht Sasse Defizite in der Kommunikation. „Das kam wie ein Blitz aus heiterem Himmel.“

Das Forstamt Beerfelden bezeichnet er im Vergleich als Hausarzt, der seinen Patienten 30 Jahre lang bestens betreut und immer die gleichen Medikamente verschrieben habe. Plötzlich gebe es ohne Vorwarnung einen Zusatzbeitrag, seien die früheren Medikamente kostenpflichtig, dürfe nicht mehr alles abgerechnet werden – kein Wunder, dass Ärger ins Haus stehe.

Eine Abgeltung für die Naherholungsfunktion, wie sie der Privatwaldbesitzer-Verband forderte, sei nicht aufgenommen worden. Dieser habe auf die Nutzung dieser Waldbereiche durch Wanderer, Radler oder Pilzesammler hingewiesen. Außerdem, macht Sasse keinen Hehl aus der Problematik, sei das Forstamt auf einen einheitlichen Waldbereich angewiesen. Dann wenn einzelne ausscherten und nicht über Hessen Forst betreut würden, gäbe es einige organisatorische Schwierigkeiten. „Wenn an einem Weg zehn Grundstücke liegen, aber vier davon keinen Vertrag mit Hessen Forst haben, wie regeln wir es dann mit einer Wege-Erneuerung?“, fragt er rhetorisch.

Für die Privatwald-Besitzer gerade mit wenigen Hektar Fläche hat Norbert Sasse zwei Tipps parat: Zum einen habe der bisherige Vertrag eine Kündigungsfrist von einem halben Jahr. Wer also nicht gleich verlängere, gewinne sechs Monate zu den alten Bedingungen, bis er auslaufe. Und könne dann man immer noch überlegen, ob er Mitte 2016 „in den sauren Apfel beißt“. Oder zum anderen erst einmal zwei oder drei Jahre ins Land gehen lassen und dann frisch unterzeichnen. Diese Zeit habe ein Waldbesitzer dann kostenmäßig gespart.

Waldbesitzer-Infoveranstaltungen zum Thema Erhöhung der Betreuungsentgelte durch Hessen Forst: Montag, 16. November, 20 Uhr, Finkenbach, Gasthaus „Zum Goldenen Löwen“; Donnerstag, 19. November, 20 Uhr, Ober-Sensbach, Gasthaus „Maiers Bauernstube“; Montag, 23. November, 20 Uhr, Wald-Michelbach, Hotel „Birkenhof“. Weitere Themen: Holzmarkt und –ernte, Waldschutz und –bau, forstliche Förderung.

 

  • Für einen Waldbesitzer bis 4,99 Hektar Fläche ergibt sich eine Verzwölffachung der jährlichen Kosten (Holzeinschlag vorausgesetzt, denn ein Flächenbeitrag wird nicht erhoben). Statt bisher 50 Cent für den Festmeter Holz werden nun sechs Euro plus Mehrwertsteuer in Rechnung gestellt.
  • Waldbesitzer ab fünf Hektar Forstbetriebsfläche zahlen zukünftig 12,50 Euro netto pro Hektar (vorher 2,50 Euro) jährlichen Flächenbeitrag bei Mitgliedschaft in einer Forstbetriebsgemeinschaft (sonst 17,50 Euro), somit das Fünf- bis Sechsfache. Auch hier greift die Erhöhung pro eingeschlagenem Festmeter von 50 Cent auf sechs Euro.
  • Pro Festmeter Nadelholz kann ein Privater laut Sasse derzeit etwa 60 Euro/Festmeter erlösen. Mit weiteren Abzügen wie Abfuhr, Verwertung, Wegebau etc. verbleibe etwa die Hälfte der Einnahmen als Erlös.

 

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