Hirschhorns „Freier Platz“ stand immer wieder im Zentrum historischer Ereignisse

Der Name „Freier Platz“, den heute jeder Hirschhorner kennt, „ist eigentlich keine offizielle Bezeichnung“, sagt Uli Spiegelberg. Denn diese lautete schlicht und einfach „Viehmarkt“, weiß der städtische Geschichtskenner. Wobei der Hirschhorner Viehmarkt 1836 auf dem ehemaligen Zimmerplatz angelegt wurde – ungefähr heute im Bereich des Château-Landon-Platzes und seiner Verlängerung. Die Bezeichnung „Freier Platz“ finde sich schon auf einem Lageplan von 1859 und habe sich somit im 19. Jahrhundert eingebürgert.

Bis 1800 war Hirschhorn laut Spiegelberg „quasi in seinen mittelalterlichen Mauern geblieben“. Einige alte Bebauungen standen im Bereich der Mühlen in den Seitentälern oder am Anfang des neueren Schlossweges. Die Stadt begann am Böcklestor mit seiner Wehranlage, der noch im 18. Jahrhundert wiederhergestellten Zugbrücke und dem Stadtgraben. Dieser wurde in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts aufgefüllt – um dann später teilweise bebaut zu werden, nachdem man die Grabengasse vom Gelände abgetrennt hatte. Vor dem Tor lag ein zweiter Friedhof. Er wurde Anfang des 19. Jahrhunderts als Berg(not-)friedhof auf den Schlossberg verlegt. Hier konnte bei Hochwasser und Eisgang beerdigt werden, wenn der Neckar Richtung Ersheimer Friedhof nicht zu überqueren war.

1803 wurde Hirschhorn hessisch. Es entstand Spiegelberg zufolge die Neustadt mit erster Bebauung im Bereich des „Freien Platzes“, von dort aus in die Seitentäler, zuletzt Richtung Neckarsteinacher Straße. Es entstanden eine Reihe repräsentativer Bauten, die dem Platz sein Gepräge gaben. Dieser selbst wirkte weniger gedrängt und damit „frei“. Hier bildete sich auch ein kleiner Verkehrsknotenpunkt, weil die Straßen von und nach Wald-Michelbach und Beerfelden mit der Neckartalstraße und der zum Neckarlauer zusammenstießen.

Man könnte sagen, so der Geschichtskenner, dass der „Freie Platz“ mit seiner Bebauung zum Symbol des nunmehr hessischen, „modernen“ Hirschhorns wurde. Das Ensemble des Großherzoglichen Forstamts entstand 1806: mit Forsthof, Nebengebäuden, Brunnen und neckarwärts Forstgarten. Es war laut dem Historiker damals eines der größten des Großherzogtums – entsprechend wurde auf den repräsentativen Charakter Wert gelegt.

Auf der anderen Seite der Grabengasse lag das Kaufhaus des Balthasar Zipp mit seinen Nebengebäuden. An der Zipp’schen Scheuer war stets eine Station der Fronleichnamsprozession. Richtung Schlossberg folgten einige Bürgerhäuser, sie verbinden sich mit den Namen Lohnes (im 19. Jahrhundert Geometer), Massot, Langbein (Bürgermeister Karl Langbein I., ein Vetter des sogenannten „Naturalisten“) und Berthold.

Am Aufgang zur Schlossstraße stand Spiegelberg zufolge die seit 1823 betriebene Hirsch-Apotheke, von deren Existenz noch heute das Geweih über dem Eingang kündet. Das Eckhaus war das Zipp’sche Gasthaus „Zur Sonne“, in Verlängerung standen der „Erbach-Fürstenauer Hof“ und die Bäckerei Dotzauer. In der „Sonne“ war in den 60er und 70er Jahren noch die Volksbank untergebracht – und hier spielte sich laut dem Kenner der Stadtgeschichte der einzige Hirschhorner Banküberfall ab. Davor stand Gemüsefrau Dörr – eine unangenehme Kindheitserinnerung, da Spiegelberg zufolge Kinder stets hier sehr lange warten mussten, bis sie endlich einmal nach den sich ständig vordrängelnden Erwachsenen bedient wurden.

Neben der „Sonne“ erhalten hat sich das sogenannte „Zuckerhäusel“. Kaum ein Hirschhorner dürfte wissen, dass es das erste Postamt der Stadt war, mit einer 1837 eingerichteten Postexpedition. Eine Zeit lang war in diesem Gebäude auch die evangelische Konfessionsschule untergebracht. Der „Freie Platz“ stand auch immer wieder im Mittelpunkt historischer Ereignisse. Während der Revolution 1849 soll – laut unsicherer Überlieferung – ein Freiheitsbaum auf ihm errichtet worden sein. Er war besonderer Ort bei Umzügen, Empfängen und Kundgebungen, besonders gerne in der NS-Zeit. I seinem Umfeld waren nach den Worten von Spiegelberg auch Hirschhorner Zivilopfer beim Einmarsch der Amerikaner 1945 zu beklagen. (Fotos: Stadtarchiv Hirschhorn)

Hauptstraße 6 Lohnes

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