Beerfelder Religionsklassen der Oberzent-Schule gedenken dem vor 71 Jahren durch ein SS-Standgericht hingerichteten Herbert Creutzburg

Das Gedenken an das Grauen wachhalten und für die Zukunft mahnen: Auf Anregung der neunten und zehnten Religionsklassen der Oberzent-Schule soll im Frühjahr für Herbert Creutzburg ein sogenannter „Stolperstein“ von Gunter Demnig vor der evangelischen Martinskirche verlegt werden. Der 22-jährige Creutzburg war fast auf den Tag genau vor 71 Jahren Ende März vier Tage vor dem Einrücken der Amerikaner in Beerfelden durch ein SS-Standgericht zum Tode verurteilt und hingerichtet worden. Die Schüler beschäftigen sich schon seit vergangenem Jahr hin mit dem Thema.

„Ein junger Mensch wurde aus dem blühenden Leben gerissen“, sagte Religionslehrer Bernd Siefert während einer Gedenkveranstaltung auf dem Marktplatz. Einer, „der die Nase voll hatte vom Krieg“, der die Truppe nach eigenen Angaben verlassen hatte, um zu seiner Verlobten zu fahren und Hochzeitvorbereitungen zu treffen. Die Täter wurden laut Siefert „nie zur Rechenschaft gezogen“, Creutzburg nicht rehabilitiert. Der Stolperstein solle direkt neben der Kirche verlegt werden, wo der Soldat damals gehängt wurde.

Da Gunter Demnig dies erst im Frühjahr 2017 vornehmen könne, wolle man die Verlegung in Eigenregie unter Mitwirkung des Bauhofs noch in diesem Schuljahr durchführen. „Sonst wären die jetzigen Schüler, die sich mit dem Thema beschäftigten, nicht mehr dabei“, sagte Siefert. Der Künstler Demnig erinnert an die Opfer der NS-Zeit, indem er Gedenktafeln aus Messing ins Trottoir einlässt. Inzwischen liegen Stolpersteine in 1099 Orten Deutschlands und in 20 Ländern Europas.

Wie Siefert erläuterte, wurde er durch eine Akte im Beerfelder Archiv auf das Schicksal des geflohenen Soldaten aufmerksam. Er stieß beim Aktenstudium aber auf den Namen Franz Ulm. Der war damals als 21-Jähriger in Beerfelden im heutigen Bürgerhaus stationiert. Ulm wurde mit Creutzburg in eine Zelle gesperrt und an ihn gefesselt, damit dieser keinen Selbstmord begehen konnte. Er schrieb noch ein Gnadengesuch für den Gefangenen, das aber nicht angenommen wurde. „Franz Ulm war nicht am Standgericht beteiligt“, betonte Siefert.

Durch seine Recherchen machte der Lehrer den über 90-Jährigen vor zwei Jahren in Köln aus. „Ich habe ihn angerufen und einen Termin für ein Interview ausgemacht“, berichtete er von seinem Treffen mit dem Zeitzeugen. „Franz Ulm konnte sich noch sehr gut an das Ereignis erinnern“. Dem ehemaligen Soldaten sei das „präsent gewesen, als ob es gestern war“. Siefert hatte das Gefühl, als wolle sich dieser alles von der Seele reden. Das späte Gedenken durch einen Stolperstein erlebt Franz Ulm aber nicht mehr: Er starb Mitte vergangenen Jahres.

Um die damalige Zeit zu beschreiben, griff Siefert auf die Chronik der evangelischen Kirchengemeinde zurück. Die schrieb zu dieser Zeit Karl Ludwig May, Pfarrer in Beerfelden von 1944 bis 1946. Der berichtete darin von Gerüchten vom Palmsonntag, 25. März 1945, dass die Amerikaner bereits zur Wegscheide vorgedrungen seien. Trotzdem mussten 13- bis 15-Jährige als letztes Aufgebot noch Schießübungen am Galgen abhalten. „Wie alt seid ihr?“ fragte Siefert in die Runde – wissend, dass die heutigen Neunt- und Zehntklässler genau dieses Alter haben.

May schilderte in der Chronik auch den Zeitpunkt der Hinrichtung und äußerte seine Abscheu über den „grässlichen Anblick“. Das Erlebnis könne er „nur als Mord empfinden“, so der Pfarrer. „Umstehende Leute, die laut protestiert hatten, wurden von bewaffneten Soldaten zum Weitergehen aufgefordert“, beschrieb May die Tat.

„Das Ereignis wurde im Unterricht thematisiert“, erläuterte Siefert die Annäherung ans Thema. Aktenstücke wurden gelesen und vorgestellt. Die Religionsklassen gedachten der Hinrichtung, legten ein Gedenkschreiben nieder (siehe Text anbei) und zündeten Kerzen an. Mit Pfarrer Roger Frohmuth beteten die Versammelten im Anschluss das Vater Unser. Siefert erläuterte, dass zur Finanzierung der Verlegung Gelder verwendet würden, die noch aus der Spendensammlung für die anderen Stolpersteine vorhanden seien.

Zeitzeugen-Berichte:

Hilde Bormuth und Dr. Elisabeth Kellner berichteten als Zeitzeugen von der damaligen Tat und Zeit. Bormuth, deren Familie damals die Gastwirtschaft „Glocke“ oberhalb der Martinskirche betrieb, erlebte als 14-Jährige die Hinrichtung mit. Sie war von dem Lärm aufgeschreckt worden, der damit einherging, ging zum Marktplatz und bekam noch den Abschluss der Hinrichtung mit. Die 85-jährige Bormuth forderte die Schüler auf, ein Zeichen zu setzen und der Tat zu gedenken.

Einen flammenden Appell unter dem Motto „Wehret den Anfängen“ richtete die 92-jährige Dr. Elisabeth Kellner an die Jugendlichen. Sie habe diese schlimme Zeit miterlebt, meinte sie. „Seid auf der Hut“, meinte sie an die Schüler gewandt. „Glaubt nicht denjenigen, die euch eine einfache Lösung versprechen“, spannte sie einen Bogen zu den politischen Entwicklung der heutigen Zeit. Denn: „So ging’s mit Hitler auch einmal los.“

Gedenkschreiben: Erinnerung an Herbert Creutzburg

Am Palmsonntag, 25. März 1945, wurde in Beerfelden der 22-jährige Unteroffizier Herbert Creutzburg von einem SS-Standgericht zum Tode verurteilt und auf dem Marktplatz vor der Martinskirche hingerichtet. Er hatte sich von seiner Truppe beim Rheinübergang in Mannheim-Käfertal entfernt, war an der Bahnüberführung Richtung Gammelsbach bei Eberbach von Feldgendarmen festgenommen und nach Beerfelden gebracht worden.

 

 

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