Ameisenschutzwart aktiv: „Millionenfache Rettung“ durch Umsiedlung eines Volks an die Wegscheide

Mit vier Plastikfässern rettet er Millionen das Leben: Siegfried Winkler aus Mörlenbach ist einer von nur sechs Ameisenschutzwarten in ganz Südhessen und im ganzen Odenwald unterwegs. Er wird immer dann angefordert, wenn ein Volk durch Baumaßnahmen gefährdet ist und „umgetopft“ werden muss. Oder, wie jetzt in Weiten-Gesäß, direkt an der Straße liegt und durch Umweltsünder gefährdet ist.

Zusammen mit Revierleiter Burkhardt Klose ging Winkler bei Wind und Wetter zu Werke, um das Ameisenvolk einzusammeln. Es wurde auf die Wegscheide an den Wanderweg Richtung Obermossau (Lärmfeuer) gebracht. Dort gibt es laut Winkler bereits einen „Baumartenweg“ mit den „Bäumen des Jahres“, angelegt vom Forstamt Michelstadt.

Der ehemalige Birkenauer Förster Winkler hatte die neue Stelle bereits vorbereitet. Zusammen mit Klose, der Reichelsheimer Revierleiterin Renate Lang und dem Forstamts-Büroleiter in Michelstadt, Jürgen Gießke, wurde das Volk wieder ausgesetzt. Auf dessen Initiative hin war die Rettungsumsiedlung auch in Gang gekommen.

Das Einfüllen am ursprünglichen Platz sei gar nicht so einfach, berichtete Winkler. Denn das Ameisenvolk „sitzt auf einem Reisighaufen“. Erst einmal müsse das Reisig entfernt werden, „damit wir das Nestmaterial in die Tonnen bekommen“. Das sei „echte Arbeit“, meinte der Ameisenschutzwart augenzwinkernd. Schlechte Wetterbedingungen kamen noch dazu.

Winkler und Klose rückten mit vier großen Plastiktonnen an. Das Nest wurde dann von ihnen in drei Teilen von oben nach unten „mit Hacke und Schaufel“ in die Tonnen verfrachtet und dann an der neuen Stelle in umgekehrter Reihenfolge wieder ausgekippt. „Ich suche mir vorher immer einen Stock und lockere die Erde auf“, lächelte Winkler. Denn die Königinnen „wollen sich gleich verkriechen“.

Laut Winkler gibt es einige Arten von Waldameisen in den hiesigen Wäldern leben. Sie seien in der Regel auf die erwähnten Läuse angewiesen. In reinen Buchenwäldern finde man deshalb praktische keine Völker. Umgesiedelt werden darf laut Winkler bei Straßen- und Wegebaumaßnahmen sowie bei Hausbauten am Waldesrand – immer erst nach Genehmigung durch die Naturschutzbehörde.

Ein Erfolg sei fast sicher, „wenn es sich wie hier um die kleine rote Waldameise handelt“, sagt der 67-Jährige. Denn die habe mehrere hundert bis über 1000 Königinnen und sei Kolonien bildend. Im Gegensatz zur großen Schwester: die große rote Waldameise habe nur eine Königin – diese bei einem Transport zuerst zu erwischen und dann auch noch heil wieder auszusetzen, sei eine Herausforderung. Die „Kleine Rote Waldameise“ sei im Gegensatz zur bekannteren großen Schwester „polygyn“ und vermehrt sich laut Winkler „auch durch Tochternestbildung“.

Waldinnen- oder -außenränder, sowohl mit Sonne als auch mit Schatten, seien als Standort optimal. Und die Nähe zu Fichte, Kiefer, Eiche, Lärche oder Weißtanne. In deren Nähe fühle sich die kleine rote Waldameise besonders wohl, weil sie auf den Bäumen Lauskolonien vorfinde. Diese würden gemolken und der damit gewonnene Honigtau zu einer der zahlreichen Königinnen gebracht. „Die größten Waldameisenkolonien gibt es in Tannen- und Fichtenwäldern.“

Wie Förster Klose erläuterte, „werden auf der benachbarten Straße jährlich Tausende von Waldameisen überfahren“. Außerdem werde die kleine Ausweichstelle von Umweltsündern immer wieder benutzt, um dort Müll und Grünschnitt abzuladen – „was die Ameisen gefährdet“. Er wolle außerdem, so Klose, mittelfristig die dortigen, bis an den Bachlauf reichenden Fichten durch Laubhölzer ersetzen. Damit soll der Säureeintrag in den Bach vermindert werden. Jedoch hätten Laubhölzer kaum oder keine „Lecanien“ oder „Lachniden“, ergänzte Winkler: Rinden- oder Schildläuse in ausreichender Anzahl, um die Ameisen zu ernähren.

„Das kleine Zeitfenster für eine Umsiedlung ist jetzt im Frühjahr“, schilderte der Ameisenschutzwart die begrenzten Möglichkeiten. Dann, wenn die Königinnen nach der Winterruhe vom Nestgrund nach oben wandern, um Sonne zu tanken. „Jetzt kann man die etwa 200 erforderlichen Königinnen gut unter der Nestkuppe erwischen“, erläuterte Winkler. Um somit die Existenz des Nestes an einer neuen Stelle zu sichern.

Stichwort: Ameisenschutzwart

Ameisenschutzwart – ein eher ungewöhnlicher Beruf. Der im Mörlenbacher Ortsteil Weiher wohnende Siegfried Winkler hat ihn im Rahmen seiner Ausbildung gelernt. „Vor über 40 Jahren habe ich meine erste Rettungsumsiedlung durchgeführt“, erzählt der ehemalige Birkenauer Revierförster. Damals im Zuge von Wegebaumaßnahmen im Bereich des Forstamts Herborn. Eine Population, die er zu späterer Zeit aus dem Taunus mit dem Kleinbus in den Odenwald karrte, „lebt heute noch in der Nähe des Höhenwanderwegs Weinheim-Buchklingen“.

Etwa 40 Rettungsumsiedlungen hat der 67-jährige Winkler im Laufe seiner Berufsjahre über die Bühne gebracht. Eigentlich ist er ja inzwischen schon im Ruhestand, hilft aber trotzdem gerne aus, wenn er angefragt wird. Die „Retter“ müssen eine entsprechende Fachausbildung vorweisen. Denn „Waldameisen sind streng geschützt“. Bevollmächtigte mit Lehrgängen bei den Ameisenschutzwarten „sind Voraussetzung“.

Drei bis fünf Millionen Arbeiterinnen kann ein großes Nest haben, dazu 1000 bis 1500 Königinnen. Wird der Druck innerhalb zu groß, „wandert ein Teil davon ab“, erläutert Winkler. So entstünden die natürlichen Ableger. „Ich habe mich schon immer für Insekten interessiert“, verdeutlicht er seine Motivation, neben seiner Ausbildung zum Förster als knapp 20-Jähriger einen ersten Lehrgang zum Thema Ameisen in Würzburg bei Prof. Karl Gößwald zu besuchen, der dort die Ameisenschutzwarte ins Leben gerufen hatte.

Auch mit dem Forstzoologen Gustav Wellenstein von der Uni Freiburg habe er bis zu dessen Tod in engem Kontakt gestanden, erzählt Winkler. Beide waren Winkler zufolge „die Ameisenprofessoren“ ihrer Zeit schlechthin und durch viele Publikationen bekannt. Später habe er zwei Lehrgänge bei Dr. Dieter Bretz besucht, „einer der profiliertesten Ameisenschützer in Hessen“. Dadurch besitze er die „Ausnahmegenehmigung“ für Eingriffe in die geschützte Ameisenwelt durchs Regierungspräsidium, veranlasst durch die Ameisenschutzwarte Hessen.

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