Wasser marsch: Anja Hinrichs aus Kortelshütte ist eine der wenigen Feuerwehr-Kommandantinnen in der ganzen Region

Alles begann mit einer verlorenen Wette: Ohne die hätte die Freiwillige Feuerwehr heute keine Kommandantin und Anja Hinrichs wäre mit dieser Position in einer sonst eher männerdominierten Vereinigung keine Exotin – nicht nur im Odenwaldkreis. Auf ihre Kollegen lässt sich aber nichts kommen: „Wir sind ein tolles Team“, sagt die 51-Jährige. Und in punkto Frauenquote kann sich mancher Dax-Vorstand eine große Scheibe von den Odenwälder Brandschützern abschneiden: Hier teilen sich fünf Männer und fünf Frauen die Arbeit.

Ohne die Verwandtschaft im Rothenberger Ortsteil wäre die gebürtige Ostfriesin vor knapp 20 Jahren mit ihren drei Kindern erst gar nicht in den Odenwald gekommen. Und somit zur Feuerwehr, die im Dorf „sehr präsent“ ist. Einige Jugendfreizeiten als Betreuerin später machte sie zur Jahrtausendwende erst ihren Grund-, dann Funk- und gleich noch Atemschutzlehrgang – alles in einem Jahr.

„Ich habe immer gesagt, wenn ich den einen bestehe, mache ich den nächsten“, zählt Anja Hinrichs die stolze Liste von 14 absolvierten Lehrgängen auf. Darunter auch der zur Gruppen- und Zugführerin. Der prädestinierte sie 2009 als Kommandantin. Denn ihr Vorgänger hörte auf, gleichzeitig war dieser Lehrgang aufgrund neuer Bestimmungen Voraussetzung für den Posten. Und den hatte bisher in Kortelshütte nur sie absolviert.

„Kommandantin war eigentlich nie mein Ziel“, sagt Hinrichs. Doch nur sie hatte die nötige Qualifikation. Unter der Voraussetzung, dass ihr damaliger und auch jetziger Stellvertreter Timo Fink den Kurs auch absolvieren würde, schlug sie ein. Ihr Vorbild machte Schule: „Danach trauten sich immer mehr junge Frauen in Lehrgänge“, hat die 51-Jährige beobachtet. Etwa Atemschutz, Funk oder Truppführer. „Das Vorbild hat gezogen.“

Und zieht immer noch, sogar von der Pike auf: „Gerade vor vier Wochen hat eine junge Frau den Grundlehrgang abgeschlossen“, freut sie sich. Zwei 17-Jährige aus der Jugendabteilung wollen noch in diesem Jahr nachziehen. In der Einsatzabteilung seien derzeit acht Frauen tätig, von denen zwei gerade pausierten. „Frauen packen genauso an wie Männer“, weiß die Kommandantin. Die Gleichberechtigung auf allen Ebenen, schmunzelt sie, „funktioniert in Kortelshütte problemlos“.

Daneben ist ihrer Erfahrung nach eine hohe Frauenquote gut für die Tagesalarmbereitschaft. Denn die weiblichen Brandschützer arbeiten oftmals wohnortnah, manchmal zuhause, manchmal in Betreuungsberufen, wo sie leichter abkömmlich seien. „Ich bin morgens schon einen Einsatz gefahren, da waren nur Frauen an Bord“, berichtet sie. In Kortelshütte seien außerdem über die Feuerwehr „Freundschaften fürs Leben entstanden“, lächelt Hinrichs.

Der hohe Frauenanteil ist in vielen anderen Wehren oftmals noch eine Seltenheit, hat die Kommandantin allerdings festgestellt. Im Odenwaldkreis fällt ihr spontan nur eine weitere Frau an einer Wehrspitze ein. Und bei Lehrgängen an der hessischen Landesfeuerwehrschule in Kassel sei sie oftmals allein auf weiter Flur. Auch bei Delegiertenversammlungen oder höheren Lehrgängen repräsentiert Hinrichs stellvertretend das weibliche Geschlecht. „Deshalb sind wir hier alle sehr stolz darauf“, betont sie mit Blick auf den hohen Frauenanteil in Kortelshütte.

Oft hörten junge Frauen aus persönlichen Gründen mit der Feuerwehrarbeit auf, wenn sie etwa eine Familie gründeten. Dabei werde es von Feuerwehrseite aus „sehr begrüßt“, wenn weibliche Mitglieder mit ihm Boot seien. Hinrichs Engagement strahlte auf die Familie aus: Ihre beiden Töchter und der Sohn gingen ebenfalls zur Feuerwehr, Tochter Janna leitet derzeit die Jugendabteilung. Aber auch junge Männer, beobachtete sie, „ziehen jetzt bei höheren Lehrgängen nach“.

Was die Kommandantin auf die gute Jugendarbeit in der Kortelshütter Wehr zurückführt: „Es rücken immer wieder junge Leute nach.“ Das sei für die Brandschützer auch ganz wichtig: „Die Jugendfeuerwehr ist die Einsatzabteilung von morgen“, betont sie. Jetzt Kinder und Jugendliche zu begeistern, „zahlt sich in einer paar Jahren aus“. Die Ortsteiljugendwehr hat derzeit acht Mitglieder. Passenderweise auch hier paritätisch besetzt: vier Jungen und vier Mädchen.

 

Zur Person: Anja Hinrichs, 51, drei Kinder, gebürtige Ostfriesin aus Norddeich/Mole, zog 1997 aus familiären Gründen nach Kortelshütte. In die Freiwillige Feuerwehr stieg sie im Jahr 2000 ein. Ein paar Jahre war sie im Vorstand unter anderem als Schriftführerin und Jugendfeuerwehrwartin tätig. 2009 wurde sie zum ersten Mal als Kommandantin der Kortelshütter Wehr gewählt, 2014 im Amt bestätigt. Mit einer reinen Frauenmannschaft nahm sie 2006 als Premiere an den Odenwaldkreisweiten Leistungswettkämpfen teil.

 

 

 

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