Für den Rathausbau mussten die Hirschhorner im 15. Jahrhundert kräftig einen über den Durst trinken

An ehemaligen Rathäusern hatte Hirschhorn seit der Stadtgründung 1391 einige. Was die Anzahl anbelangt, dürfte die Neckarstadt Spitzenreiter im Kreis sein. Die Hirschhorner Ritter begannen zügig das Privileg König Wenzels umzusetzen, das unter ihrer Burg Hirschhorn gelegene Dorf zu befestigen und eine Stadt zu gründen, die mit den Rechten und Freiheiten der anderen, umliegenden Städte ausgestattet werden sollte, weiß Geschichtskenner Uli Spiegelberg.

Sie hatten der Stadt das sogenannte Ungeld, eine Verbrauchssteuer im Wesentlichen auf Bier und Wein, überlassen. Gleichzeitig lieferte der von der Herrschaft an die Stadt übergebene Stadtwald das nötige Bauholz. So konnte eine Stadtwehranlage errichtet werden – und ein Haus, in dem das Stadtgericht tagen sollte. „Wenn man so will, hat der Durst der Hirschhorner ihren Stadtmauerbau und das Rathaus finanziert“, meint Spiegelberg.

Das Raumangebot in der entstehenden Stadt war knapp, auch war die Hanglage topographisch ungünstig für einen öffentlichen Platz. Deshalb wurde auf einen großflächigen Marktplatz verzichtet. Er findet sich zunächst ungünstig gelegen im südwestlichen Winkel an der Stadtmauer, gleichzeitig in Neckarnähe und damit in Hochwassergefahr, was der Stadtsäckel immer wieder zu spüren bekam. Dieser Marktplatz, auch als alter Markt bezeichnet, ist das Areal zwischen heutiger Marktkirche und ehemaligem Amtsgericht.

An der Stadtmauer, sie ist die westliche Mauer der Marktkirche, standen laut dem Historiker noch Bürgerhäuser. Mit der Anlage der Vorstadt und des neuen Marktplatzes im ersten Viertel des 15. Jahrhunderts bekam das Rathaus dann doch eine Lage in der Stadtmitte. Das 1426 erstmals nachweisbare Rathaus stand an Stelle des Amtsgerichts-Gebäudes. Ein Bericht aus dem Jahr 1783 über die Baufälligkeit des Rathauses nennt ein Baudatum von 1484. Es müsse daher offen bleiben, ob 1484 ein neuer Rathausbau, damit Rathaus Nummer 2, oder ein größerer Rathausumbau erfolgt sei.

Vom mittelalterlichen Hirschhorner Rathaus sind dem Geschichtskenner zufolge bisher keine Abbildungen bekannt. Es war ein multifunktionelles Gebäude mit zwei Fachwerk-Obergeschossen. Neben der Stube für das Ortsgericht sowie die Rats- und Bürgerversammlungen war der untere Teil wohl halboffen gebaut, vergleichbar dem Michelstädter Rathaus. Hier wurde geschlachtet, auch stand hier die städtische Waage, zum Teil war die Örtlichkeit vermietet, etwa 17. und 18. Jahrhundert für Salzhandel. Teilweise wurden Räumlichkeiten auch als „Klassenzimmer“ benutzt, da das Schulgebäude mehrfach in desolatem Zustand war.

Die Bürger hatten auch die Möglichkeit, die Rathausstube für private Feiern zu mieten. Vor allem für Hochzeiten zum Preis von einem Gulden – so viel war etwa der Tageslohn eines Handwerkermeisters. „Da die Rathausstube durch das Tanzen bei den Hochzeiten sehr verwüstet worden, auch Tische und Bänke zerschnitten werden, soll der Tanz nit mehr darin gehalten werden“, entschied der Stadtrat 1683.

Ebenfalls wohnte im Dachgeschoss des Rathauses der Fährmann. Neben dem Rathaus gibt es auch heute noch das sogenannte „Färchertürchen“ in der Stadtmauer, hier waren die Tarife für die Fähre angeschlagen. Mehrfach im Jahr musste die Bürgerschaft zu den Gerichtstagen vor dem Rathaus erscheinen. Hier wurde die Bürgertafel vorgelesen, Neubürger mussten den Bürgereid ableisten, die herrschaftlichen Verordnungen wurden vorgelesen und über die Belange der Stadt, auch über vorgetragene Missstände, Beschwerden und Streitigkeiten entschied das Stadtgericht. Teilnahme hierzu war Bürgerpflicht, Fehlen ohne Entschuldigung und triftigen Grund wurde mit 30 Kreuzer Bußgeld bestraft.

1715 beklagte sich die Bürgerschaft, sie habe auf dem Rathaus keine besondere Stube, so dass sie wegen der scharfen Kälte sich nicht miteinander bereden könne. Sie erhielt den Bescheid „in Geduld zu stehen, bis etwa ein anderes Rathaus gebaut werde“. 1770 wurde Spiegelberg zufolge nochmals ausdrücklich beschlossen, dass die Stadträte sich zu den Sitzungen pünktlich und im Ratsmantel einzufinden hätten.

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