Das Hirschhorner Rathaus bekam Ende des 18. Jahrhunderts ein „Instrumentarium für Ertrunkene“

Das schwere Neckarhochwasser von 1784 hatte dem baufälligen Rathaus den Rest gegeben, so dass man sich endgültig 1786 für dessen Abriss entschloss, der schon lange gefordert worden war. Ein Neubauriss von 1783 des Heidelberger Baumeisters Morath war von der Mainzer Hofkammer als „sehr disproportionirlich“ abgelehnt worden. Nach dem Entwurf des Baumeisters Vill aus Aschaffenburg wurde nun das Rathaus durch den Maurermeister Becker aus Miltenberg und Beteiligung der örtlichen Handwerksmeister erbaut.

Die Baukosten rechneten sich auf etwa 1700 Gulden hoch. Finanziert wurden sie aus zusätzlichen Holzschlägen aus dem Stadtwald. 1787 konnte das Rathaus bezogen werden, ein Stock wurde an den Amtsvogt als Wohnung vermietet, was der Stadt Mieteinnahmen von 20 Gulden jährlich einbrachte. Der Fährmann erhielt eine neue Wohnung im sogenannten Kanzleihäuschen über dem Fischertor. Man leistete sich auch den Luxus, sechs neue Sessel für die Ratsstube anzuschaffen, die in der Dreherei Gilbert aus Mannheim angefertigt wurden. Hinzu kam ein neuer und, wie der noch vorhandene Schreinerriss zeigt, stattlicher Registraturschrank zum Preis von etwa 28 Gulden, ein Schreibpult mit Schubladen sowie zwei neue Kisten mit Schlössern und Schubladen.

1789 kam noch ein Instrumentarium für Ertrunkene hinzu, denn das Rathaus lag ja in unmittelbarer Nähe des Neckars und der Fähre. Über die Wirksamkeit dieses ersten „Hirschhorner-Erste-Hilfe-Sets“ liegen keine Nachrichten vor. Es bestand aus „einer Klistiermaschine samt zwei Röhrchen, einem Röhrchen zum Lufteinblasen, einer Matratze, einer wollenen Decke, einer Flasche Branntwein, zwei Unzen Salmiakgeist, zwei Rollen Tabak und etlichen Leinentüchern“. Auch das neue Rathaus bekam seine besondere Lage bald zu spüren. 1790 mussten 6 Gulden 45 Kreuzer aufgewendet werden zur Wiederherstellung des beim Hochwasser 1789 unter Wasser gesetzten Ratszimmers.

Etwa 70 Jahre diente das Gebäude nun als Rathaus. Hirschhorn war mittlerweile hessisch geworden. Der Mainzer Amtsvogt war ausgezogen, die Wohnung war an den hessischen Land- bzw. Amtsrichter vermietet. 1862 bis 69 wurde das Gebäude zum Großherzoglich Hessischen Amtsgericht umgebaut und erweitert. Die Hirschhorner verloren damit ihr Rathaus. Das Gasthaus „Zum Hirsch“ diente in dieser Zeit als Ersatz und nach dem Gottesdienst wurde mit der Glocke zur Gemeindeversammlung aufgerufen.

Hirschhorn 1875

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