Der Raubacher Jockel ist auch noch 150 Jahre nach seiner Geburt im Gedächtnis der Menschen lebendig geblieben

Auf den Tag genau jährte sich am 5. Mai der 150. Geburtstag eines Odenwälder Originals: des Raubacher Jockels. Ihm haben der ehemalige Landrat Horst Schnur aus Olfen und der Finkenbacher Rolf Reutter ein Büchlein gewidmet, das in einer Feierstunde im ehemaligen Schulhaus vorgestellt wurde. „Wir wollen nicht nur erzählen“, betonte Horst Schnur. Sondern es sei ihm und Reutter darum gegangen, „historische Belegstellen zu finden“. Er sei sehr gespannt auf die Reaktionen zum Buch.

Inzwischen habe es bereits durch noch lebende Zeitzeugen weitere Informationen gegeben, „die wir in eine zweite Auflage einfließen lassen“, so Schnur schmunzelnd. Als ärmlicher, aber lebensfroher Tagelöhner aus dem Rand der Gesellschaft sei der Jockel im Gedächtnis der Menschen der Region lebendiger geblieben als viele Prominente hoch zu Pferd. Er wusste einiges vom hintersinnigen Humor des Originals zu berichten.

In seinen Betrachtungen ging der ehemalige Landrat auch auf die Raubacher Schule ein, die der Jockel besuchte. Die sei nicht immer gleichmäßig besetzt gewesen und diente auch der Strafversetzung von Lehrern. Andererseits sei interessant, „dass ein kleines Dorf wie die Raubach immer eine Schule hatte“. Das hatte seinen Worten auch damit zu tun, dass bei den dortigen Familien viele Pflegekinder Unterkunft gefunden hätten.

Nach den Worten von Schnur erlebte Jakob Ihrig viele Umbrüche. Erst das Kaiserreich mit Bismarck, dann den Ersten Weltkrieg, die Weimarer Republik, die Nationalsozialisten und in seinem Lebensabend den Zweiten Weltkrieg. Seine ersten Lebens-Jahrzehnte seien bestimmt gewesen durch „die arme Zeit“ mit häufiger Auswanderung der Landbevölkerung. Obwohl ein „ganz kleines Dörfchen“, sei die Raubach nicht von der Außenwelt abgeschnitten gewesen und habe sich dynamisch entwickelt, sagte der Autor.

Unter den Anekdoten, die Schnur zum Besten gab, war auch die aus dem Jahr 1912. Da erschien der Jockel wie auch der Hauptmann von Köpenick 1911 in Uniform auf einer Postkarte, was die Obrigkeit auf den Plan rief. Geschehen wohl aus Übermut an einem Kerwemontag, früher der höchste dörfliche Feiertag überhaupt. Aber geschickt wie die Raubacher waren, wurden die Postkarten einfach vernichtet und es gab keinen Beweis mehr…

Erwähnung findet im Büchlein auch die enge Verbindung von Jakob Ihrig nach Olfen. Nicht nur, dass seine Mutter aus dem Weiler stammte, auch viele seiner befreundeten Musikanten waren in dem heutigen Beerfeldener Stadtteil zu Hause. Namentliche Nachweise gebe es zwar keine mehr, so Schnur, aber die Spitznamen plus die Instrumente seien noch erhalten.

Die Raubacher Dachkammer, in der der Jockel seine letzten Lebensjahre verbrachte, sei voll mit Uhren gewesen, wusste Schnur zu berichten. „Einen Kleiderschrank gab es nicht, sondern nur Nägel.“ Er sei von den Familien des Dorfs versorgt worden und bekam „eine stattliche Beerdigung“ – woraus der Autor schloss, „dass der Jockel ein anerkannter Mann war“. Noch heute lebe im Gedächtnis der Bevölkerung fort.

Rolf Reutter ergänzte noch zwei Geschichten: Eine davon drehte sich darum, wie Jakob Ihrig in der Finkenbacher Wirtschaft von Reutters Eltern immer wieder seine Ziehharmonika versetzen musste, weil die Einnahmen aus dem Musizieren nicht für die Begleichung der Rechnung reichten. Aber sie dann doch immer wieder vom Wirt ausgeliehen bekam, um bei der Kerwe aufs Neue auftreten zu können….

Die Broschüre enthält zudem Informationen zur Gründung des Dorfes Raubach im Jahre 1749, Erinnerungen an viele Odenwälder Originale und eine unveröffentlichte Schilderung des Zeitzeugen Gustav Siefert aus dem Jahre 1936. Die Autoren verzichten auch nicht auf die Beschreibung der Rolle des Raubacher Jockels in vielfältigen literarischen Veröffentlichungen und Theaterstücken.

 

„Der Raubacher Jockel“: Lebensgeschichte eines Odenwälder Originals von Horst Schnur von Rolf Reutter

Aus Anlass des 150. Geburtstags des im Odenwald weithin bekannten Originals haben die Heimatschriftsteller Horst Schnur und Dr. Rolf Reutter eine Broschüre über Leben und Wirken des bekanntesten Sohns der Gemeinde verfasst. Im Sterberegister der evangelischen Pfarrei Beerfelden findet sich hinter seinem Namen die Bezeichnung „Original des hinteren Odenwaldes, Musikant, Köhler, Uhrmacher, Totengräber“. Sein unstetes Leben erzählen Schnur und Reutter mit zahlreichen Begebenheiten und Anekdoten lebendig.

Der Text begleitet den Raubacher Jockel mit seiner Familiengeschichte durch den Wandel der Zeit bis zu seinem Lebensende in der Dachkammer und der Versorgung durch die Dorfgemeinschaft mit der heute noch vielfach bekannten „Jockel-Suppe“. Die Lebensgeschichte des Jakob Ihrig, der am 5. Mai 1866 geboren und am 24. Oktober 1941 im Alter von 75 Jahren gestorben ist, wird auf 73 Seiten mit zahlreichen Bildern illustriert. Das Büchlein ist mit zahlreichen Quellenangaben und Literaturhinweisen versehen. Es ist im Buchhandel und in den Touristikstellen zum Preis von 4,90 Euro erhältlich.

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