Jürgen Poth lässt beim Jockelsfest in der Raubach das Odenwälder Original in Liedern und Geschichten lebendig werden

Jürgen Poth lebt seinen Jockel. Der wurde ihm quasi mit der Geburt am 5. Mai auch in die Wiege gelegt: Denn der Mundart-Barde von den Odenwald-Nordhängen kam am gleichen Tag wie das Odenwälder Original „Raubacher Jockel“ auf die Welt – nur knapp 100 Jahre später. Aber Grund genug, zum 150. Geburtstag des Jakob Ihrig mit einem Jockel-Programm für einen guten Zweck durch die Lande zu tingeln. So auch beim „Jockelsfest“ der Raubacher Dorfgemeinschaft, mit dem diese dem berühmtesten Sohn des Dorfes gedachte.

Poth, als „de Guggugg“ unterwegs, unternimmt diese kleine Tour ganz im Gedenken an den Jockel und seine Raubacher Dorfgemeinschaft, die ihn in den letzten Lebensjahren umsorgte. Der damalige „Wandeltisch“ in der Form, dass sich wochenweise eine andere Familie des Jockel-Geburtsorts um das Wohlbefinden des über 70-Jährigen kümmerte, sieht der Mundartsänger als Vorläufer der heutigen Hospizvereine. „Für die damalige Zeit war das etwas Besonderes“, so Poth, und habe Eingang in seine (traurigen) Lieder gefunden. Deshalb gehen alle Erlöse seiner Konzerte an die beiden Organisationen im Odenwaldkreis, die Hospizvereine in Erbach und Rothenberg.

Bei der Raubacher Dorfgemeinschaft war man mit dem Fest sehr zufrieden. „Schon um 11“ waren die ersten vor Ort. Zu denen gestellten sich den ganzen Tag über etliche Gäste und ließen sich von Harald Walz mit bekannten Schlagern unterhalten. Zehn bis zwölf Personen zählte der harte Organisationskern, der vielfältige Hilfe aus dem Ort, aber auch den benachbarten Orten Finkenbach und Schönmattenwag bekam. So schaffte etwa der MGV Sängerbund Unter-Schönmattenwag sein großes Festzelt in die Raubach. „Alles hat super geklappt“, freute sich Petra Klein seitens der Initiatoren am späten Nachmittag.

In Odenwälder Tracht und nur mit seiner Gitarre unterwegs, näherte sich Jürgen Poth der Zeit vor 100 Jahren aber nicht nur musikalisch. Die Lieder über die Heimat, die Armut, die gesellschaftlichen Zwänge und das Zwischenmenschliche reicherte er bei seinem Auftritt im Festzelt auch mit vielen Hintergrundgeschichten an. Und natürlich der Mundart. Die zelebriert „de Guggugg“ förmlich. „Den Darmstädtern muss ich immer erklären, wo die Raubach ist“, meinte er schmunzelnd. Erst der Hinweis „zwischen Mannheim und Würzburg“ sorge für ein Aha-Erlebnis.

„Welche Lieder wurden gesungen und woher kamen diese?“, hat Poth den Jockel und seine Zeit erforscht. Vor allem wohl solche aus Familie und Nachbarschaft. Aber Raubach, Beerfelder Land und Überwald seien Ende des19. Jahrhunderts bereits Reiseziele gewesen, sodass es durchaus Einflüsse von außen gegeben habe könne. Schließlich sei Mark Twain schon 1878 den Neckar hinabgefahren und habe diese Reise in seinem „Bummel durch Europa“ verewigt. Die Straße in die Raubach sei aber erst 1929 gebaut worden.

Natürlich gab’s zwischen den Stücken auch viele Anekdoten über den Jockel zu hören. Vor allem sein etwas gespaltenes Verhältnis zur Obrigkeit und den geistlichen Würdenträgern ist vielfältig in Gestalt seiner despektierlichen Äußerungen überliefert. Aber auch die Geschichten des einfachen Mannes bringen selbst heute noch die Zuschauer immer wieder zum Schmunzeln.

Etwa die, wie der Jockel in der Raubach einem Besucher die Kastanie zeigte, an der sich ein Mann aus Schimmeldewog „aufgehonken“ habe. Worauf der Gast wissen wollte: „Aus Seelennot?“ Da musste Jakob Ihrig sein ganz Hochdeutsch hervorkramen um zu verdeutlichen: „Nein, aus Ober-Schönmattenwag“.

Poth skizzierte den Jockel als einen Menschen „mit dem Herz auf dem rechten Fleck“, einen „echten Ourewäller Musikanten“, dem er als Loblied zum 150. Geburtstag das selbst geschriebene Stück „Mein ganzer Reichtum“ widmete. Das Raubacher Original „wollte nie reich werden“, sagte er. Aber: „Wenn er nicht Musikant geworden wäre, würde man heute wohl nicht mehr an ihn denken“, hat sich die Erinnerung an den berühmtesten Sohn der Raubach vor allem dadurch erhalten.

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