„Alte Pumpe“ in Rothenberg: Wie das Wasser fast 300 Meter den Berg hinauf fließt

Faszination Technik: Der „Mühlentag“ wurde zum unverhofften Erfolgserlebnis für den Verkehrs- und Verschönerungsverein (VVR). Denn der betreut die „Alte Pumpe“ an der Landesstraße zwischen Rothenberg und Kortelshütte und öffnet sie zwei Mal im Jahr für die Öffentlichkeit. Am Pfingstmontag konnten sich VVR-Vorsitzender Thomas Wilcke und Frank Braner vor dem Andrang kaum retten. Aus der gesamten Region kamen die Ausflügler angefahren, um das Wunderwerk der Technik von 1902 in Augenschein zu nehmen.

Wilcke wurde den Tag über nicht müde, den Besuchern die Pumpe näherzubringen, mit der es Anfang des 20. Jahrhunderts endlich möglich war, die Wasserversorgung im Höhendorf sicherzustellen. In den Jahrzehnten und Jahrhunderten zuvor „herrschte Wasserknappheit“, weiß er. Durch den Sandstein-Untergrund sei das Wasser sehr schnell versickert. Auch Tiefbrunnen konnten die Misere nicht lösen. Ab dem 19. Jahrhundert seien Stollen in den Felsen getrieben worden, um des kühlen Nass‘ habhaft zu werden. Im Unterdorf auf 400 Meter Höhe „ging das auch recht gut“, erzählt Wilcke. Dort zeuge noch der Laufbrunnen (Benzbrunnen) mit seinen vier Trögen vom Erfolg.

Fürs Oberdorf mit bis zu 500 Höhenmetern mussten da schwere, technische Geschütze ran, erläutert Wilcke den Interessierten. Dafür blickte man sogar über den Berg ins Gammelsbachtal. Die dortige ergiebige Quelle liegt auf 250 Metern Höhe. Damit stellte sich die Frage, wie das begehrte Nass noch einmal die gleiche Anzahl an Höhenmeter mit den Mitteln der damaligen Zeit nach oben transportiert werden könnte. Elektrizität stand auch zur Diskussion. Die Lösung fand sich aber im Schweizer Schmid’schen Zweizylinder-Wassermotor mit Drillingspumpe.

Zupass kam den damaligen Ingenieuren, dass es auf etwa 250 Meter in beiden Tälern Tonschichten gab, auf denen sich das Wasser sammelte. „40 Meter unterhalb der Quelle wurde der ‚Große Brunnen‘ im Gammelsbachtal gefasst“, so Wilcke. Die durch das Gefälle erzeugten vier Bar Wasserdruck reichten, um damit das Nass fast 300 Meter zum Rothenberger Hochbehälter pumpen zu können.

Die Wartung der Pumpen war durch den extrem hohen Druck von 20 Bar an den Ventilen laut Wilcke aber sehr arbeitsintensiv. „Es musste immer jemand darauf aufpassen.“ Die Lederdichtungen unterlagen einem hohen Verschleiß. Deshalb sei schon zwei Jahre später ein baugleicher Motor installiert worden, um die Gerätschaften wechselweise in Betrieb zu nehmen. „Dieser Wassermotor ist ein Unikat. Den gibt es nur noch ein weiteres Mal in Deutschland“, weiß er.

So war es auf diese Weise endlich möglich, zuerst für Rothenberg und dann auch für Kortelshütte sowie Ober-Hainbrunn eine gesicherte öffentliche Wasserversorgung herzustellen, die in dieser Form bis in die 1960er Jahre Bestand hatte. Beschwerden über die vorherige „unhaltbare Situation“ seien Ende des 19. Jahrhunderts bis zur Großherzoglichen Regierung in Darmstadt vorgedrungen. Dort, erläutert der Vereinsvorsitzende, sei eine Art „Konjunkturprogramm“ aufgelegt worden, um auch die abgelegensten Odenwald-Gemeinde ans öffentliche Wassernetz anzuschließen.

Nach dem Ausbau von Wassermotor und Pumpe aus dem alten Pumpenhaus im Tal des Clemensbrunnens auf Gammelsbacher Seite erfolgte Ende der 1990er Jahre die aufwändige Restaurierung durch den Verein Museumsstraße Bergstraße-Odenwald, der auch weiterhin für die Technik zuständig ist. Auch die Mitglieder des Verkehrs- und Verschönerungsvereins packten bei der Gebäudesanierung kräftig an.

Da das alte Pumpenhaus im Gammelsbachtal recht unzugänglich liegt, entschloss man sich laut Wilcke, an verkehrsgünstig gelegener Stelle ein neues Ausstellungsgebäude zu errichten und die Anlage darin funktionsfähig zu installieren. Seit inzwischen 13 Jahren öffnet der VVR die Anlage für die interessierte Öffentlichkeit, nachdem sie 2002 zum 100-jährigen Bestehen der Pumpe eingeweiht worden war.

Info: Eine Besichtigung der Anlage ist nach Anmeldung bei der Gemeinde Rothenberg unter Telefon 06068/7590805 möglich.

 

Schmid’scher Zweizylinder-Wassermotor mit Drillingspumpe:

Ähnlich einer Dampfmaschine drückt das Wasser auf die Kolben der zweizylindrigen Maschinen. Die Kolbenstangen übertragen die Bewegung und die Kraft auf die Kurbelwelle. Auf der einen Seite der Kurbelwelle sitzt das Schwungrad, auf der anderen Seite die Kupplung, die Motor und Pumpe miteinander verbindet. Beachtenswert ist die Steuerung der Wassermotoren durch die unterhalb der Zylinder angeordneten Schieber.

Die Zylinder sind mittels Zapfen in je zwei zur Zylinderachse parallele Stangen gelagert. Durch die Bewegung des Kurbelgetriebes werden die Zylinder in eine schwingende Bewegung versetzt.  Dadurch werden die Öffnungen der Kanäle an der Unterseite der Zylinder am kreisbogenförmigen Schieberspiegel abwechselnd mit der Öffnung des Druckrohres oder einer der beiden Öffnungen des Entleerungsrohres in Verbindung gebracht. Der Zylinder füllt sich somit abhängig von seiner Lage entweder von vorn oder von hinten Da der Wasserdruck bestrebt ist, den Zylinder vom Schieberspiegel abzuheben, kann man mit der richtigen Einstellung der Schraube mit Handrad das Verhältnis zwischen Leckwasser und Schieberreibung optimieren.

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