Mit der Stolperstein-Verlegung auf dem Beerfeldener Marktplatz wurde der Hinrichtung Herbert Creutzburgs gedacht

In einer eindrucksvollen Zeremonie wurde vor der evangelischen Martinskirche der Stolperstein für Herbert Creutzburg verlegt. Der Unteroffizier war genau an dieser Stelle am 25. März 1945 wegen angeblicher Fahnenflucht von Nazi-Schergen gehängt worden – vier Tage vor dem Einmarsch der Amerikaner in Beerfelden. Wie ein roter Faden zogen sich die mahnenden Worte der Redner durch die Gedenkveranstaltung, dass so etwas nie mehr passieren dürfe und man rechte Tendenzen mit ihren schlimmen Folgen schon im Keim ersticken müsse.

Angestoßen wurde die Stolperstein-Verlegung von den Religionsklassen der Oberzent-Schule mit ihrem Lehrer Bernd Siefert. Die 120 Schüler waren zusammen mit den 24 der Grundschule Sensbachtal bei der Gedenkveranstaltung dabei. Siefert wurde von Verwaltungsmitarbeiter Helmut Ulrich im Zuge der Vorarbeiten für die Stolpersteine vor den Häusern von jüdischen Einwohnern im Jahr 2012 erstmals auf die Creutzburg-Hinrichtung aufmerksam gemacht, wie er auf dem Marktplatz erläuterte.

Daraus entwickelte sich dann der Kontakt zu Franz Ulm, der damals als junger Soldat zu Creutzburg in die Zelle gesperrt wurde, um dessen Selbstmord zu verhindern und ihn auch auf dem Weg zum Galgen begleitete. Ulm hatte noch ein Gnadengesuch verfasst, das aber nicht mehr angenommen wurde. Siefert verlas daneben eine Niederschrift des damaligen Pfarrers May, in der dieser die damaligen Ereignisse, die er aus der Kirche beobachtet hatte, aufs Schärfste verurteilte. Er sei traurig, dass der im vergangenen Jahr gestorbene Ulm nicht mehr teilnehmen könne, sagte Siefert.

Der Oberzent-Lehrer wies auf das „zynische Handeln“ der Verantwortlichen gegen einen jungen Mann hin, „der in den letzten Kriegstagen lediglich heim zur Freundin und diese heiraten wollte“. Genau an Tag der Hinrichtung habe sich der Befehlsgeber des Befehls von Mitte Februar 1945, dass Fahnenflüchtige hingerichtet werden sollten, Gauleiter und Verteidigungskommissar Jakob Sprenger, von Frankfurt von Südbayern abgesetzt. Dies zitierte Siefert aus dem Buch „Nationalsozialismus im Erbacher Landkreis 1923-1945“ von Dirk Strohmenger.

Wenn man heute auf die Welt schaue, könnte man meinen, „die Menschen haben nicht viel aus den Weltkriegen gelernt“, meinte Bürgermeister Gottfried Görig besorgt. Er finde es „toll“, dass die Schüler mit ihrer Aktion mahnend darauf hinweisen wollten, „dass so etwas nie mehr passieren darf“. In diesem Zusammenhang dürfe man auch nicht die Menschen vergessen, die aus Krisengebieten hierher kämen „und Zuflucht suchen“.

Ähnlich äußerte sich auch Bernhild Hofherr, die Leiterin der Oberzent-Schule. „Ich hoffe, dass ihr Geschichte damit anders wahrnehmt als nur aus Büchern“, wies sie auf die direkte Begegnung mit der Historie hin. Sie forderte die Schüler auf, das Erarbeitete „für euch“ mitzunehmen, damit sich ein solches Ereignis nie mehr wiederholen könne.

„Das Ereignis wurde als Projekt im kompetenzorientieren Unterricht thematisiert“, erläutert Siefert die Annäherung ans Thema. Die Schüler hätten ihn bei zwischenzeitlichen Zweifeln, ob denn alles zu schaffen sei, bestärkt und selbst Arbeitsgruppen gebildet, um alles vorzubereiten. Aktenstücke wurden gelesen und vorgestellt. Zur Finanzierung der Verlegung wurden Gelder verwendet, die noch aus der Spendensammlung für die anderen Stolpersteine 2012 vorhanden waren.

Sehr berührend und von den Anwesenden im Anschluss hoch gelobt war der Vortrag des Lieds „Nachts weinen die Soldaten“ durch Annika Schmitt und Esther Wilka, von den Schülern umgedichtet auf Beerfeldener Verhältnisse. „Ohne Mitmenschlichkeit geht die Gesellschaft vor die Hunde“, mahnte Pfarrer Roger Frohmuth, ehe er gemeinsam mit allen Versammelten das Vater Unser sprach. Bauhof-Mitarbeiter Marco Gerbig verlegte nach dem Niederlegen von Rosen den Stolperstein.

Der Stolperstein-Verlegung wohnten auch einige Zeitzeugen bei, die wie der frühere Bürgermeister Adolf Engelter die Hinrichtung von Herbert Creutzburg noch selbst miterlebt hatten. Auch Hilde Bormuth und Dr. Elisabeth Kellner, die bereits beim Gedenken im März anwesend waren, nahmen zusammen mit weiteren älteren Mitbürgern teil. Die knapp 92-jährige Dr. Kellner war es aufs Neue, die mit eindringlichen Worten der jungen Generation ins Gewissen redete, den rechten Anfängen zu wehren und nicht denen mit den einfachen Lösungen Glauben zu schenken.

„Die Gefahr des Rechtsradikalismus ist nicht abstrakt, sondern konkret“, so Kellner. Man müsse aufpassen, dass die Menschen nicht wieder solchen Rattenfängern wie Hitler und der NSDAP nachliefen. Kellner sah eine sehr beunruhigende Entwicklung in Europa durch das Erstarken von rechtspopulistischen und -nationalistischen Parteien. „Ich bin froh, dass ihr solche Lehrer habt, die euch zum Nachdenken anregen“, meinte sie an die Schüler gewandt.

Kellner, bei Kriegsantritt knapp 15, schilderte bereits in einem Beitrag für den evangelischen Gemeindebrief ihre Eindrücke der damaligen Zeit und verwies bei der Stolperstein-Verlegung darauf. „Die Diktatur kam auf leisen Sohlen“, betonte sie. Persönliche Freiheiten seien meist in kleinen Schritten eingeschränkt worden. „Zuerst brannten die Bücher unliebsamer Autoren, dann die Synagogen und zuletzt die Menschen“, fasste sie in drastischen Worten die schleichende Entwicklung des Terrors zusammen.

Es spanne sich ein weiter Bogen vom tragischen Tod des jungen Unteroffiziers bis zur Gegenwart, sagte Kellner. Keiner hätte sich je vorstellen können, dass das nach dem Zweiten Weltkrieg zerstörte Deutschland „ein ersehntes Ziel für Flüchtlinge vor Krieg und Armut werden könnte“, so die ehemalige Ärztin. 70 Jahre Frieden und Freiheit „liegen heute hinter uns, das ist nicht selbstverständlich. Dieses hohe Gut gilt es zu bewahren.“

„Geht wählen, schaut und hört euch die Kandidaten genau, ja skeptisch an, testet ihre Einstellung gegenüber Fremden und Minderheiten und hütet euch vor denen mit schnellen und einfachen Lösungen“: Das sind laut Kellner die Erfahrungen, die die Alten der jungen Generation mitgeben könnten. „Wir brauchen keine Herrenmenschen, keine Populisten und Extremisten, sondern gute Politiker, die Kompromisse geduldig suchen“, meinte sie. Eine Regierung von Radikalen, auch wenn sie auf demokratischem Weg zustande gekommen sei, „könnte sich im Zeitalter der Digitalisierung als besonders gefährlich erweisen“.

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