Oberzent-Schüler durften auf den Kirchturm kraxeln: Von oben erscheint Beerfelden ganz flach

„Mein Gott, ist das eng, da geh‘ ich nicht hoch“, schallt es aus dem Glockenturm nach unten. „Ich bin tausend Tode beim Runterlaufen gestorben“, meint eine andere Schülerin, nachdem sie auf der Orgelempore wieder festen Boden unter den Füßen hat. Zugegeben, die Besteigung des Martinskirchturms ist nicht jedermanns und jederfraus Sache. Denn die enge Wendeltreppe wird nach oben immer enger, schmaler und endet dann im verglasten „Dachstuhl“, für dessen Erreichen noch ein paar artistische Verrenkungen notwendig sind.

Flora Berger kennt da keine Scheu. Die 15-Jährige gehört zur Religionsklasse von Bernd Siefert an der Oberzent-Schule, ist Stadtführerin in Beerfelden – und die jüngste im ganzen Odenwaldkreis. Für den Kirchturm gereicht ihr ihre schmale Figur zum Vorteil – und dass sie mit Schuhgröße 36 optimalen Halt auf den engen Stufen der Wendeltreppe hat.

Oben angekommen, weiß sie gleich, wo was steht, kann die alten Kirchenwege nachvollziehen, über die früher die Menschen auch aus den umliegenden Gemeinden zur Martinskirche strömten. Der zwischen den dünnen Fenstern hindurch pfeifende Wind sorgt für ein besonderes Erlebnis hoch über der Stadt, die Enge für gewisse klaustrophobische Eindrücke.

Dass die 45 Jugendlichen der Religionsklassen von Siefert und Pfarrer Roger Frohmuth in den Genuss der Besteigung kamen, ist einem gemeinsamen Projekt mit dem Deutschkurs für Migranten von Johanna Käpernick-Krämer zu verdanken. Die wollte den Asylsuchenden ermöglichen, auch einmal ihre aktuelle „Heimatstadt“ aus 54 Metern Höhe betrachten zu können. Da der Termin allerdings im Ramadan lag, war die Zahl der Teilnehmer überschaubar.

Zur alten Uhr auf halber Turmhöhe wusste Winfried Schäfer einiges zu berichten. Heute ist das mechanische Uhrwerk außer Betrieb, erläuterte er. Was auch in den Elektro-Kabeln zum Ausdruck kommt, die aus dem großen Kasten kommen und nach oben führen. Früher, sagte Schäfer, „musste der Kirchendiener Beisel die Uhr jeden Abend aufziehen“. Wenn er es mal vergessen hatte, dann wussten die Beerfeldener am nächsten Tag nicht mehr, was ihnen die Stunde geschlagen hatte. Wie mühselig das Aufziehen war, demonstrierte Schäfer gleich noch direkt am Objekt.

Dass der Kirchturm überhaupt auf der Höhe der damaligen Zeit war, hatte er einem Auswanderer zu verdanken, der im gelobten Land über dem Ozean zu Wohlstand gekommen war. Georg Kumpf (verwandt zu Rebscher), der sich in Kansas niedergelassen hatte, stiftete 1887 die nötigen Mittel für den Bau. Sein Vater Heinrich war noch freigiebiger. Dessen 3000 Mark ermöglichten laut Schäfer die Anschaffung der Christusglocke. Mit über 1200 Kilo ist sie die größte des Fünfter-Ensembles im Turm. Und die lauteste, wie sich beim Halbstunden-Schlag direkt nebendran feststellen lässt.

Die Gedächtnisglocke bringt Winfried Schäfer zufolge 680 Kilo auf die Waage, die Friedensglocke 387 und die Vater-Unser-Glocke 273 Kilo. Nicht mehr in Betrieb ist die 100 Kilo schwere Sturmglocke. Der Kirchturm war gegenüber dem Unterbau ein Nachzügler. Denn die Kirche war schon fünf Jahre nach dem verheerenden Brand 1815 wieder aufgebaut. Auf den Turm mussten die Gläubigen aus Beerfelden und Umgebung noch einige Jahrzehnte länger warten.

„Von hier oben sieht alles flach aus“, ist die spontane Aussage von Flora Berger und Bernd Siefert, als sie sich ganz oben im Kirchturm umschauen. Die Stadt am Berge ist plötzlich ein Ort in der Hochebene. Alte Seilerei, Brauerei Schmucker oder Galgen lassen sich von diesem erhöhten Aussichtspunkt aus gut erkennen. Und „dass es in Beerfelden Dachterrassen gibt“, wie Flora Berger meint. Wie auch Wiesenflächen zwischen Häusern. Mit etwas Vorstellungskraft sind auch noch die alten Kirchenwege von der Raubach, von Etzean oder von Hetzbach her nachzuvollziehen.

Da zusammen mit Schäfer immer nur vier Schüler auf die Aussichtsplattform hoch dürfen, singen die anderen zwischenzeitlich im Kirchenschiff mit Pfarrer Frohmuth geistliche Lieder. Der bringt es wieder fertig, dem Klassenchor die richtigen Töne zu entlocken.

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