Wenn Geschichte für die Beerfeldener Oberzent-Schüler plötzlich greif- und erlebbar wird

Graue Theorie aus den Geschichtsbüchern in der Wirklichkeit: Im Rahmen ihrer Wanderwoche besuchten alle vier zehnten Klassen der Oberzent-Schule „Point Alpha“, den ehemaligen Grenzpunkt in der Rhön zwischen Bundesrepublik und DDR, zwischen Hessen und Thüringen. Die knapp 90 Schüler waren tief beeindruckt vom ehemaligen „Eisernen Vorhang“ und konnten sich kaum vorstellen, wie an der innerdeutschen Grenze die damalige Realität ausgesehen haben könnte.

Point Alpha (englisch Observation Post (OP) Alpha) war neben OP Romeo, OP India und OP Oscar einer von vier US-Beobachtungsstützpunkten an der hessischen innerdeutschen Grenze. Der Name geht darauf zurück, dass es die erste errichtete Station war. Heute ist es eine Mahn-, Gedenk- und Begegnungsstätte an der Straße zwischen Geisa (Thüringen) und Rasdorf (Hessen). Der Stützpunkt erfüllte bis zum Fall des Eisernen Vorhangs eine wichtige Beobachtungsaufgabe im Verteidigungskonzept der NATO.

Die Idee zu diesem Ausflug kam den Schülern mit ihrem Lehrer Bernd Siefert durch einen Vortrag, den Volkmar Raabe in der Klasse gehalten hatte. Der ehemalige Jugendkoordinator der Erbacher Polizei war nämlich bis zum Mauerfall als Grenzpolizist in Nordhessen tätig. Er nahm selbst an der Fahrt teil und schilderte den Jugendlichen seine eigenen Erfahrungen aus der Zeit vor 1989. So etwa das sehr aufrüttelnde Erlebnis, als ein junger Mann auf der Flucht im Grenzzwischenraum erschossen wurde und Raabe nicht helfend eingreifen konnte/durfte.

Im Museum ließen sich die damaligen Begebenheiten bei einer zweistündigen Führung nachvollziehen. Außerdem konnten die Schüler die Grenzanlage mit Hundefallen, Wachtürmen, Zäunen und Lagern in Augenschein nahmen. Dazu gab es einen Überblick über den Verlauf der Grenzbefestigungen, die sich nach der Besteigung nachvollziehen ließen. Interessant war darüber hinaus für die Besucher, wie viele Menschen entlang der innerdeutschen Grenze ihre Häuser aufgeben mussten, als der Zaun gebaut wurde. Wie Siefert sagte, sei ihm die Bedeutung des Begriffs „Eiserner Vorhang“ erst durch eigene Anschauung vor Ort bewusst geworden.

Auch bei den Schülern führte die Besichtigung zu nachhaltigen Erinnerungen: „Für mich war es ein bedrückendes Erlebnis, dass diese Grenze in dieser Form einmal existiert hat. Es war sehr interessant zu sehen, wie der Eiserne Vorhang aufgebaut war, da wir dies zuvor nur in Büchern gelesen haben“, meinte Annalena Gummel. Marius Steinbauer sagte:  „Ich hatte ein komisches Gefühl, an dem Grenzzaun entlang zu laufen, da mir gesagt wurde, es seien nicht alle Landminen aus diesem Gebiet entfernt worden.“ Im Unterricht hatten sich die Jugendlichen bei der Projektplanung zuvor mit dem Thema beschäftigt.

Ein anderer Tagesausflug führte ins Elsass zum KZ Natzweiler-Struthof. Das Konzentrationslager war zwischen 1. Mai 1941 und 23. November 1944 ein sogenanntes Straf- und Arbeitslager im besetzten französischen Elsass, etwa 55 Kilometer südwestlich von Straßburg. Es liegt acht Kilometer vom Bahnhof Rothau entfernt am Nordhang eines Vogesengipfels auf etwa 700 Metern Höhe.

Von den dortigen Häftlingen wurde im Steinbruch roter Sandstein für die Germania-Errichtung in Berlin abgebrochen. Als besonders beeindruckend bezeichnete Siefert den Gefängnistrakt und das Krematorium. „Es war ein sehr emotionaler Besuch“, hob er hervor. Wie auch bei Point Alpha hätten die Schüler Ereignisse aus der Geschichte des 20. Jahrhunderts kennengelernt, die heute nicht mehr vorstellbar seien.

Der Rest der Woche war fröhlicheren Ausflügen gewidmet. An einem Tag ging es in den Holiday-Pak Haßloch, an einem anderen zum Kletterwald in Darmstadt und am Abschluss-Freitag wurde nach dem Besuch des Finkenbacher Freibads im Garten von Bernd Siefert gegrillt. Die Wanderwoche findet jedes Jahr als Abschlussveranstaltung für die Zehntklässler der Oberzent-Schule statt. Die Neuntklässler unternehmen immer eine Abschlussfahrt.

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