Mit einem Helikopter geht’s auf zehn Hektar ab Ende Juli den Bäumen oberhalb der Bahnlinie bei Hirschhorn an den Kragen

Es sind die größten Baumfällarbeiten bei Hirschhorn in den vergangenen Jahrzehnten. Die Deutsche Bahn und Hessen Forst gehen den Steilhang oberhalb der Neckarschleife gegenüber von Ersheim auf einer Fläche von zehn Hektar aus Gründen der Verkehrssicherung an. Herabfallende Bäume und Sandsteinbrocken gefährdeten in den letzten Jahren immer wieder den Bahnverkehr. Für die Maßnahme wird eine ansehnliche sechsstellige Summe in die Hand genommen.

Die Arbeiten laufen vom 28. Juli bis 18. August, wenn die unterhalb liegende Neckartal-Bahnstrecke zwischen Heidelberg und Eberbach wegen Reparaturmaßnahmen sowieso gesperrt ist und es einen Schienenersatzverkehr gibt. Außerdem werden die Landesstraße 3105 entlang des Flusses und der Stöckbergweg am darüber liegenden Hang gesperrt. Zum Einsatz kommen neben einem Helikopter zum Abtransport auch Firmen, die mit Baumfällungen in Gebirgsregionen vertraut sind.

Aus Sicht von Hessen Forst mit Sitz in Kassel erläuterte Liegenschaftsmanager Wolfgang Lorenz die Maßnahmen. Die betroffenen zehn Hektar gehörten je zur Hälfte dem Land und der Bahn. Die komplette Fläche liege im FFH-Gebiet „Odenwald bei Hirschhorn“, weswegen mit besonderer Vorsicht zu Werke gegangen werde. Seinen Worten zufolge laufen die Arbeiten an Werktagen von 7 bis 21 Uhr. Der Helikopter sei maximal bis 16 Uhr im Einsatz. Der Baumabtransport über die darunter liegende Straße sei auch der Grund für deren Sperrung. Jeglicher Verkehr in Richtung Eberbach muss somit durch den Tunnel laufen.

Lorenz erläuterte, dass auf der Neckartal-Bahnstrecke jeden Tag zwischen 6000 und 7000 Fahrgäste unterwegs seien. Vom Steilhang oberhalb „geht eine Gefahr“ aus, betonte er. Denn Bäume könnten durch Stürme entwurzelt werden, außerdem biete der Boden nicht genug Halt, wenn sie größer und schwerer würden. Am Südhang trockne der Untergrund aus, „Bäume werden geschwächt, sterben ab und können abbrechen“. Es könnten Steine aus der Felswand auf die Gleise fallen. Deshalb müssten die Grundeigentümer im Zuge der Verkehrssicherungspflicht tätig werden.

„Seit sechs Jahren schauen wir uns die Entwicklung am Hang schon an“, sagte Mark Reisner von den Fahrwegdiensten der Deutschen Bahn. In bisher drei Einsätzen habe man „die gefährliche Situation nicht flächendeckend und nachhaltig entspannen“ können. Ziel sei es, den Hang nachhaltig wieder stabiler zu machen. Damit ergebe sich in den kommenden Jahren ein deutlich reduzierter Pflege- und Sicherungsaufwand. In Zukunft „soll der Eingriff minimiert werden“, betonte Reisner. Die Bahn will darüber hinaus Fangzäune oberhalb der Gleise errichten.

Wie der Bahn-Mitarbeiter erläuterte, sei aufgrund der steilen Lage und des instabilen Bodens der Einsatz herkömmlicher Maschinen nicht möglich. Deshalb führten Spezialisten mit Helikoptern die Arbeiten durch. Kletterer in den Bäumen bereiteten diese wiederum so vor, dass das Gehölz nach oben herausgezogen werden könne. Dadurch schone man „Boden, Pflanzen und Tiere soweit wie möglich“.

Junge Laubbäume werden laut Reisner erhalten, alle großen aber, „die eine Gefährdung darstellen“, gefällt. Da Nadelbäume nicht natürlich an diesem Standort vorkämen, würden sie grundsätzlich entfernt. Dabei hinterlasse man Baumstümpfe in unterschiedlicher Höhe, „stufig aufgebaut“, damit es „wieder eine flächige Begrünung gibt“. Da die Bäume nicht über den Boden abtransportiert würden, blieben Mauern zur Hangsicherung, Bodenbewuchs und natürliche Wasserläufe unberührt.

Was Gudrun Kranhold vom zuständigen Beerfelder Forstamt bestätigte. Man habe „intensiv geprüft, von welchen Bäumen eine Gefährdung ausgehe“, meinte sie. Sie zeigte sich optimistisch, dass schnell aus den Baumstümpfen über den sogenannten „Stockausschlag“ neue Triebe wüchsen und „dass es Richtung Herbst wieder grün wird“ – spätestens im kommenden Frühjahr. Gerade Buchen und Eichen seien sehr widerstandsfähig. Auch ergebe sich eine gute Durchwurzelung des Hangbodens.

Die jetzige Maßnahme entspreche der historischen „Niederwald-Nutzung“, die früher in Hirschhorn sehr verbreitet gewesen sei, sagte Kranhold. Diese habe bis Anfang des 20. Jahrhundert den Wuchs hoher Bäume gar nicht ermöglicht, da sie als Brennholz und zur Herstellung von Gerbsäure benötigt und somit spätestens bei einem Alter von 30 Jahren eingeschlagen wurden.

Dem Naturschutz im FFH- und Vogelschutzgebiet wird laut Kranhold ein großer Stellenwert eingeräumt. „Wir haben den ganzen Hangbereich durchkämmt“, sagte sie. 23 Bäume mit Nisthöhlen seien extra markiert worden, um sie möglichst zu erhalten. Wenn dies nicht mehr möglich sei, würden die Abschnitte als Nisthöhlen an andere Bäume gehängt. Auch anderweitig betreibe der Forst Artenschutz. „Wir schaffen Lebensraum für Reptilien, Kleinsäuger und Insekten“, so Kranhold, die gefährdete Äskulapnatter „wollen wir durch die Maßnahme fördern“.

 

 

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