Rothenberg kämpfte in früheren Jahrhunderten mit Wassernöten trotz vieler Niederschläge

Ein Dorf im Odenwald hatte in früheren Jahrhunderten Wassernöte? Kaum zu glauben, aber wahr. In Rothenberg sorgte erst der Bau einer öffentlichen Wasserversorgung Anfang des 20. Jahrhunderts dafür, dass die Haushalte in heißen Sommern und kalten Wintern nicht mehr auf dem Trockenen saßen. Vor allem im Oberdorf, wo die Ärmsten der Armen im Bereich „Eckbüschel“ wohnten, herrschten oftmals katastrophale Zustände. Ein Brunnenbau sollte zur Verbesserung beitragen, hatte aber viel zu wenig Schüttung, um Mann, Maus und Vieh versorgen zu können.

Diese Wassernöte in einer mit Niederschlägen reich gesegneten Gegend kommen durch den besonderen Gesteinsuntergrund zustande. Während im Unterdorf, etwa bei der evangelischen Kirche, immer mal wieder Engpässe auftreten, war im Oberdorf die Versorgung besonders und durchgehend schlecht. Was bereits 1843 zum Versuch führte, mit dem Bau des Ahlsbrunnens samt dazugehörigem Stollen die Wasser führenden Klüfte im Buntsandstein anzuzapfen.

Dieser ist auch der eigentliche Übeltäter. Denn Rothenberg liegt mit einer Höhe von 400 bis 480 Metern im Bereich des oberen Buntsandsteins – und bildet eine Ausnahme in der Siedlungsgeografie. Alle anderen Dörfer der Region liegen im Tal oder zumindest nicht auf dem Hügelkamm. Vermutlich war die bessere Fruchtbarkeit der Böden Grund für die Besiedlung der Rodungsinsel auf der Hirschhorner Höhe. Allerdings halten solche Böden das Wasser schlecht, sind durchlässig und trocknen schnell aus.

Und so zieht sich das Thema Wasser wie ein steter Tropfen durch die Ortsgeschichte. Die hauptsächlich aus Tagelöhnern bestehende Bevölkerung des Eckbüschel hatte heiße und trockene Sommer und kalte Winter noch stärker zu fürchten als die Unterdörfer. Denn die Wasserausbeute am Ahlsbrunnen ließ nach der Mitte des 19. Jahrhunderts weiterhin zu wünschen übrig.

1857 trockneten wegen einer großen Dürre die öffentlichen Brunnen in ganz Rothenberg aus, erst im März 1858 gaben sie wieder Wasser. Das Ganze wiederholte in schöner Regelmäßigkeit in den folgenden Jahren. Die Verantwortlichen der Rothenberger „Civil-Gemeinde“ wurden so zu Katastrophen-Managern. Denn das Trink- und Tränkwasser musste in Trockenperioden aus den unterhalb gelegenen Quellen des Matzen- oder Homerichbrunnens mühsam heraufgeschafft werden. Abgesehen von der Arbeitsbelastung für Frauen und Kinder hätte dies im Falle eines Brandes eine Katastrophe bedeutet.

Eine Eingabe der Ortsbürger aus dem Jahr 1879 an das Großherzogliche Kreisamt Erbach verdeutlicht die Mängel und die sozialen Verhältnisse. Darin wird moniert, dass der Brunnen längst nicht ausreicht, um die die zahlreiche Nachbarschaft mit Wasser zu versorgen. „An diesem Brunnen sind in ungefähr 50 Wohnhäusern mindestens 70-75 Haushaltungen mit circ. 310 Seelen und 90 Stück Rindvieh angewiesen, sich mit dem erforderlichen Wasser zu versehen“, heißt es darin.

Doch die Beschwerde von 65 Ortsbürgern hat zunächst keinen Erfolg. 1879 findet nur eine Reparatur statt. Erst ab Mitte der 1880er Jahre wird der Eckbüschelbrunnen so hergestellt, wie er sich auch noch heute präsentiert. 1887 ist als Fertigstellungsjahr auf dem Brunnenstock zu lesen. Doch die Leistung blieb die gleiche – schlecht.

Was dazu führte, dass der Protest der Oberdörfer weitergeht. Erst noch durch die gut versorgten Bauern des Unterdorfs blockiert, schreitet 1899 der Landrat ein. Es wird der große Brunnen im Gammelsbachtal erschlossen, der über eine Wasserpumpe das benötigte Nass über 200 Meter in die Höhe nach Rothenberg schaffte. 4,40 Mark im Jahr sollte die Wasserversorgung pro Kopf kosten.

Doch die Fertigstellung 1902 bedeutet noch nicht das Ende aller Sorgen. Schon im September heißt es aufs Neue: Wassermangel in Rothenberg. Denn die 30 Bar Wasserdruck setzen den Ventilen der Anlage stark zu. Der Rohrmeister war rund um die Uhr gefordert. Eine zweite Pumpe wurde eingebaut. Dass die Anlage über 60 Jahre in Betrieb gehalten werden konnte, ist dem Erfindungsreichtum der Rohrmeister zu verdanken, denen es immer wieder gelang, Probleme bei Wartung und Reparatur in Eigenregie zu lösen.

„Jetzt wird’s eng“, kündigt Thomas Wilcke an. Der Vorsitzende des Verkehrs- und Verschönerungsvereins (VVR) hat recht. Vielleicht einen Meter auf 80 Zentimeter hat der Einlass zum Stollen am Ahlsbrunnen unterhalb der Hauptstraße. Viele Spinnweben und einige Tierchen, die man lieber nicht genau kennenlernen möchte, machen klar, dass der alte Brunnenstollen nicht so oft besucht wird. Auf 193 Metern Länge führt er in den rohen Fels hinein und macht deutlich, wie prekär vor mehr als 150 Jahren die Wasserversorgung im Oberdorf gewesen sein muss, dass man solche Mühen auf sich nahm, um ans kühle Nass zu kommen.

Der in den Sandstein gehauene Gang ist vor allem in der vorderen Hälfte nichts für Leute mit Platzangst. Unter der Straße hindurch ist nochmal Entenwatschelgang angesagt. Dann ist der Stollen plötzlich um die zwei Meter hoch, aber immer noch eng, wird oben immer unregelmäßiger, weil an manchen Stellen die Sandstein-Decke nachgab. Dann, nach dem Knick auf der Hälfte und einem Brunnenschacht, der irgendwo in der Höhenstraße endet, nimmt der enge Pfad plötzlich Ausmaße einer Tropfsteinhöhle an, wenn sich die Decke bis zu fünf Meter hoch öffnet.

Bei 112 Meter kommt schließlich das, wozu der Brunnen gegraben wurde: Hier wird das Wasser gefasst, dass weiter hinten aus den diversen Sandsteinklüften herausrinnt. Mehr als rinnen ist es auch nicht, was da aus dem Fels tröpfeln und sich auf dem Boden sammelt. Auch der frühere Versuch, die Klüfte zu erweitern, fruchtete nichts. Ein gusseisernes Rohr, sicherlich nicht aus den Anfangsjahren, fasst das klare Nasse und leitet es weiter in den auch Eckbüschel- genannten Brunnen gegenüber des Stolleneingangs.

Gummistiefel sind beim Betreten eine gute Wahl, denn auf dem Boden steht immer eine mehr oder minder hohe Wasserschicht, die auch mal 20 Zentimeter Höhe erreicht. Vor allem sollte man zwischendurch den Mund geschlossen halten, sonst gelangen etliche der aufgescheuchten, nicht identifizierbaren Mücken hinein, die sich sonst nicht ans Tageslicht verirren. Weiße Flecken kennzeichnen den Nitrateintrag in den Stollen, vielleicht durch landwirtschaftliche Nutzung. Aber zu vernachlässigen.

Ganz am Ende gibt es stumme steinerne Zeugen der Kapitulation vor dem mächtigen Fels. Noch Anfang des 20. Jahrhunderts sollte versucht werden, den Stollen zu verlängern, aber der Buntsandstein erwies sich als zu widerstandsfähig. Ein paar Bohrlöcher am Gang-Ende kennzeichnen den vergeblichen Versuch. Wahrscheinlich war die Furcht zu groß, dass es den damaligen Bauherren wie dem ortsansässigen Maurer 60 Jahre zuvor ergehen würde. Denn den trieb es in den Ruin.

Der Handwerker namens Rug hatte sich, wie die Akten belegen, mit der Übernahme der Arbeiten völlig überschätzt. Beziehungsweise den Widerstand des Untergrundes unterschätzt. Die Pläne für den Brunnen stammten von Kreisbaumeister Lorch. 1845 wurde der Wasserspender gegen alle Widerstände doch noch fertiggestellt. Rug hatte zwischenzeitlich die Gemeinde gebeten, seinen zeitlichen Mehraufwand zu begleichen, da er sonst seine Familie nicht mehr ernähren könne.

Die Wasserversorgung im Höhendorf ist ein Steckenpferd von Wilcke, seit 16 Jahren Vorsitzender des VVR. Die Beschäftigung mit der Alten Pumpe, diesem Wunderwerk der Technik aus dem frühen 20. Jahrhundert, führte dazu, dass er auch die drei Brunnen im Ort näher in Augenschein nahm. Der 62-Jährige organisierte sich die entsprechenden Akten aus dem Staatsarchiv Darmstadt und fand über diese wiederum Querverweise. Vor 1830, so Wilcke, seien Wassernöte über die Kirchenbücher dokumentiert worden.

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