Das Finki 2016 verlief „absolut bombastisch“

Vom Ortseingang zieht sich eine bunte Zeltlandschaft bis in die Dorfmitte zum Sportplatz. Genauso lang ist in alle Richtungen die Schlange der parkenden Autos. Zum morgendlichen Nebel über den Zelten mischen sich auch andere Gerüche. Menschenmassen sind auf den sonst wenig befahrenen Ortsstraßen unterwegs. Es ist wieder „Finki-Time“. 40 Jahre nach der Premiere des damaligen „Guru-Feschds“ pilgern in diesem Jahr besonders viele Zuschauer zum Woodstock des Odenwalds. Das Schöne dabei: Alles läuft absolut friedlich und harmonisch ab.

Weil deutlich mehr los ist als im vergangenen Jahr, strahlen die Veranstalter übers ganze Gesicht. Schon am Freitagabend stehen die Gäste auf der Wiesenfläche neben dem Sportplatz dicht gedrängt, ist zur Bühne hin kaum noch ein Durchkommen. Das hat sicher auch mit den Line-up zu tun, das Mani Neumeier mit seinen Mitstreitern Armin Löffler vom FCF und Guru-Guru-Booker Karl-Heinz Osche wieder auf die Beine gestellt hat.

Alte Krautrock-Helden wie Amon Düül II, Kraan oder eben Guru Guru geben sich dabei auf der Bühne die Klinke in die Hand mit den jungen Wilden von „Mothers Cake“ oder „Sienna Root“. Dazu kommen noch die in Ehren ergrauten Hardrocker von Epigraph, die den Freitag eröffnen. Dass die deutsche Band einen Namen in der Szene hat, zeigt sich am für die „frühe Stunde“ sehr guten Besuch. My Sleeping Karma, Electric Orange, Marblewood und Coogans Bluff hießen die weiteren Bands.

Das 75-jährige Guru-Guru-Mastermind zeigt sich im Gespräch absolut begeistert vom Festivalverlauf. „Alles läuft optimal und es herrscht eine Bombenstimmung“, sagt der Schlagzeuger. Ein „auserwähltes Publikum“, das in die Jahre gekommen sei, feiere zusammen mit jüngeren, die genauso auf die alte, handgemachte Musik stehen. „Die neuen Bands haben einen tollen Eindruck hinterlassen“, fügt Neumeier hinzu. Nach wie vor ist er auch 40 Jahre nach dem Festival-Start „begeistert von der tollen Atmosphäre“.

Die wird ebenso von den Zuschauern geschätzt, die mal schon Jahrzehnte, mal etliche Jahre zum Finki kommen. Vera aus Hirschhorn ist etwa mit ihren zwei Kindern schon zwei Tage vorher die paar Kilometer den Finkenbach aufwärts gefahren, um vor Ort zu campen und das besondere Flair zu genießen. „Das 70er-Jahre-Revival lebt vom Zusammenhalt aller“, lobt sie das große Gemeinschaftswerk des ganzen Ortes. Sie schätzt daneben die „Musik von früher von jungen Bands“.

Stammgäste seit den ersten Konzerten sind Horst Kowarsch und seine Frau Elisabeth aus Beerfelden. Es sei etwas Sensationelles, „dass in einem so kleinen Ort ein solch großes Event stattfindet“, meint er. Was hier musikalisch geboten werde, schätzt Kowarsch als „außergewöhnlich für den ganzen Odenwaldkreis“ ein. Seine Schwester komme an dem Finki-Wochenende extra aus Hamburg, sein Bruder aus Bonn.

Vor 60 Jahren zog Rainer Maurer als Frankfurter nach Finkenbach. „Das Finki hat mich mein Leben lang begleitet“, sagt er. Ihn beeindruckt immer wieder, „wie friedlich alles über die Bühne geht“. Er ist im Hintergrund im Küchenteam aktiv („Ich habe gerade zwei Tage lang Pommes geschnippelt“), hört sich aber ebenso gerne die Musik an. „Wacken würde mich auch mal interessieren“, gesteht Maurer.

Linda Cetin aus Grasellenbach campt mit Freund und Kindern ebenfalls schon vorher in der Nähe des Festplatzes. „Das ist wie Urlaub“, meint sie, auch wenn ihr Wohnort gerade mal ein paar Kilometer entfernt ist. Musik, Feeling, Atmosphäre sind für sie besonders an diesem Event, das sie nun das dritte Mal besucht. Und das, schmunzelt sie, „obwohl ich gar nicht so auf die Musik von Guru Guru stehe“.

Die aufs Gelände strömenden Fans machen die große Bandbreite derer deutlich, die vom Finki angezogen werden. Altgediente Fans aus den 70ern Jahren mit freiem, tätowiertem Oberkörper, Rauschebart und weiter Schlabberhose sind ebenso dabei wie Jugendliche, die Gefallen an der Musik ihrer Eltern gefunden haben. Der ganz normale Party-Freizeitlook findet sich genauso wie Hippies mit Rastalocken oder Flower-Power-Mädchen.

Dass die Fans auch aus Frankreich, Österreich und der Schweiz kommen, ist für Löffler schon Normalität. Weite Strecken sind gang und gäbe, berichtet er von einer Anfrage, bei der aus dem 700 Kilometer entfernten Schwerin eine Mitfahrgelegenheit zum Finki gesucht wurde. Die Fans wissen warum: „Amon Düül II“ etwa treten nur noch sehr wenig auf, und das Konzert in Finkenbach ist es eines der wenigen in diesem Jahr überhaupt.

Aber auch „Mother’s Cake“ wussten mit ihrem ekstatischen, an Led Zeppelin angelehnten Spiel zu begeistern. Die drei Mannen von „Kraan“ bestachen durch die ausufernden Soli, das blinde Zusammenspiel und die irren Bass- und Gitarrenläufe. Über „Guru Guru“ als Headliner mit Mani Neumeier am Schlagzeug muss man keine Worte mehr verlieren.

„Alles ist super gelaufen, wir sind top zufrieden“, meinte Löffler in einem schnellen Fazit gestern Mittag. Beschwerden seien ihm auch noch keine zu Ohren gekommen, so der FCF-Mann. Einfach „absolut bombastisch“. Beste Voraussetzungen also für eine Fortsetzung des Woodstocks im Odenwald, das 2017 in sein 41. Jahr gehen würde.

Ein ganzes Dorf steht seinen Mann. Gemeinschaft wird groß geschrieben, wenn die Finkenbacher jedes Jahr rund um das zweite August-Wochenende in die Hände spucken, um wieder das „Guru-Feschd“, wie das Finki-Festival liebevoll im Ort genannt wird, durchzuführen. Nicht nur die Fußballer vom FC sind mit 200 Mann und Frau an der Organisation und Durchführung beteiligt, auch viele Einwohner helfen mit – indem sie etwa Massen an Kartoffeln abkochen oder unzählige Kuchen spenden. Von über 150 ist die Rede.

Dazu kommen über die beiden Tage noch um die 50 Feuerwehr-Angehörige aus allen Rothenberger Ortsteilwehren mit Schwerpunkt auf Finkenbach, die sich um die Parkplatz-Einweisung kümmern. Die Brandschützer aus dem Ort selbst fahren dann oftmals „Doppelschichten“, schmunzelt Wehrführer Rüdiger Seip. „Wenn sie bei uns aufhören, machen sie beim FC direkt weiter“, beschreibt er die Verzahnung der beiden Vereine.

Das besondere Ambiente und die einzigartige Atmosphäre macht Seip auch an einer anderen Geschichte fest. Vor genau 40 Jahren fand das Finki zum ersten Mal statt – damals als Feuerwehrfest. Als am Sonntag die Musik spielen sollte, stand gleichzeitig das Endspiel der Fußball-EM 1976 an. Das Zelt war brechend leer. Kurzerhand wurde beschlossen, das Konzert auf einen Tag später zu verlegen. Ergebnis: volles Haus. Mani Neumeier, erinnert sich Seip, meinte aber zu den Besuchern: „Wir haben etwas vergessen: Eintritt zu kassieren. Geht doch alle nochmal raus, bezahlt und kommt wieder rein.“ Und keiner murrte….

Die Parkplatz-Einweisung „läuft ganz entspannt“, meint der stellvertretende Kortelshütter Kommandant Timo Fink. In den acht Jahren seit er dabei sei, „hat mich noch keiner blöd angemacht“. Bei der älteren, mit dem Finki groß gewordenen Generation sei sowieso alles kein Problem, ergänzt Seip. „Die sind die Ruhe selbst.“ Nur die Jüngeren seien manchmal etwas ungeduldiger. Und schließlich, so der Finkenbacher, diene alles einem guten Zweck, wenn der FC den Erlös für seine Jugendarbeit verwende. „Die kann man gar nicht hoch genug einschätzen“, so Seip.

Aus den Reihen des FC kommen auch die Sanitäter mit der entsprechenden Ausbildung, die das Festival an beiden Tagen von Beginn an bis spät in die Nacht begleiten und dafür ihre Freizeit opfern. Im Gegensatz zu anderen Events sei das Finki „ein ganz, ganz friedliches Festival“, betont Christian Niesen. Da gebe es vielleicht mal einen Bienenstich, einen verknacksten Fuß oder einen Schnitt von einer Glasscherbe. „Nicht zu vergleichen mit den großen Volksfesten“, hebt er hervor. Für Niesen ist es toll, „dass ein ganzer Ort sich so einbringt“.

Die Hauptlast der Arbeit lastet auf den Schultern des FC Finkenbachtal. Der kann auf seinen treuen Helferstamm bauen, der schon 14 Tage vorher mit den Arbeiten beginnt. „Jeden Tag von 5 bis 22 Uhr wird geschafft“, betont der zweite Vorsitzende Armin Löffler. Dazu zählen der Aufbau von Bier-, Kaffee- und Essenszelt, letzteres in einer Dimension von 15 Mal sieben Metern. Außerdem werden noch 100 drei Meter lange Gitterelemente montiert, kommt Sichtschutz an diese und stellen die FC-Helfer die nötigen Verkehrsschilder auf.

Wenn dann das Festival direkt vor der Tür steht, geht’s erst richtig mit der Arbeit los. Mittwochs werden die unzähligen Kartoffelsäcke angeliefert. 26 von diesen gehen gleich weiter in die Nachbarschaft, wo Helfer aus der Einwohnerschaft sie vorkochen, damit sie dann geschnippelt und zu Bratkartoffeln verarbeitet werden können. Am Tag selbst glühen in der Küche des Vereinsheims die Kochstellen. In vier Töpfen werden ab 14 Uhr nonstop die restlichen Erdäpfel abgekocht.

Und selbst abends um 22 Uhr ist noch eine ganze Kartoffelschälbrigade am Werkeln, damit es auch am nächsten Tag noch genügend Vorräte gibt. Derweil werden die Zwiebeln durch den Mixer gejagt, damit sie auf die frisch aufgeschnittenen Brötchen zusammen mit dem Matjesfilet gelegt werden können. „Wir bereiten das ganze Essen vor Ort zu“, sagt Löffler.

Armin Löffler gehört auch zu den Vereinsmitgliedern der ersten Stunde, die beim Neustart 1987 mit im Boot waren. „Ich habe damals Mani gefragt, ob er wieder anfangen will“, erzählt er. Denn er wollte kein 08/15-Fest für den FC haben. Neumeier sagte ja und es konnte wieder losgehen. Die Musik sei in den all den Jahren fast immer gleich geblieben, nur zwischendurch „haben wir mal experimentiert“, lächelt Löffler.

Weitere Bilder hier: https://www.facebook.com/media/set/?set=a.1226718627372284.1073741958.100001024761983&type=1&l=8b507027fa

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