Hirschhorn als Schauplatz der Revolution: 1849 lieferten sich Turnerwehren und Bundestruppen ein Gefecht

Eines der letzten Kapitel der Revolution 1848/49 wurde in Hirschhorn geschrieben. 1848 hatten die Deutschen Fürsten dem Volksbegehren nach einem einheitlichen deutschen Staat mit einer Verfassung nachgegeben und damit letztlich dem revolutionären Geist den Wind aus dem Segel genommen. Der „Traum von der Freiheit“ und einem Deutschen Staat war gescheitert. Die Reaktion begann sich durchzusetzen, die meisten deutschen Einzelstaaten beriefen ihre Abgeordneten aus Frankfurt ab.

In dieser Krisensituation kam es zur Revolution in der Pfalz und Baden. Dort wurde die Republik ausgerufen, die sich nun gegen die Staaten des Deutschen Bundes unter der Führung Preußens zu verteidigen hatte. Oberbefehlshaber war der auch als „Kartätschenprinz“ bekannte Wilhelm von Preußen, nachmaliger Deutscher Kaiser Wilhelm I., der sich hier seine militärischen Sporen verdienen sollte.

Im Rahmen der militärischen Ereignisse war längs der Neckar-Odenwald-Linie eine Verteidigungsstellung gegen die heranrückenden Preußen und Bundestruppen aufgebaut worden. Die Hanauer Turnerwehr, verstärkt durch Heilbronner Turner, war dem Hilferuf der badischen Revolutionäre gefolgt. Das strategisch wichtige Hirschhorn als Ort eines möglichen Neckarübergangs wurde am 13. Juni 1849 von der 1. Kompagnie der Hanauer Turnerwehr, 142 Mann stark, besetzt.

Es ist wenig überliefert, wie die Hirschhorner zu diesen Ereignissen standen. Anscheinend aber wurden die Hanauer Turner von der Bevölkerung freundlich aufgenommen. Am Abend des 15. Juni kam es zum Gefecht zwischen der Turnerwehr und den von Beerfelden herangerückten Bundestruppen – kurhessische Infanterie und bayerische Jäger verstärkt durch zwei mecklenburgische Geschütze, insgesamt etwa in einer Stärke von 2000 Mann.

Nach einem Vorpostengefecht mit Kanonenbeschuss an der Schneidmühle erfolgte der Angriff auf die Burg, in der sich die Hanauer verschanzt hatten. Ein Gewehr, das ein Turner bei seiner Flucht zur Burg weggeworfen hatte, wurde später gefunden und ist heute im Langbeinmuseum zu sehen. Hilfe wurde den Turnern zuteil durch Freischärler, die von Heddesbach aus unter der Führung von Oberst Johann Philipp Becker und Georg Böhning herangerückt waren und die Bundestruppen vom Michelberg her im Rücken angriffen.

Nach erfolglosem Sturm auf die Burg  – es gab zwar viel Pulverdampf, letztlich wurden jedoch nur die Kirschen im Schloss heruntergeschossen – entschloss sich Oberst Weiss als Kommandeur der hessisch-bayerischen Truppen gegen 22 Uhr zum Rückzug, da er seine Stellung ungeschützt fand und umfangreiche Verbände von Freischärlern in der näheren Umgebung vermutete. Die Hanauer Turner verließen Hirschhorn am Morgen des 16. Juni und zogen sich ins benachbarte Eberbach zurück.

Das Gefecht von Hirschhorn blieb im Rahmen der Revolutionsereignisse eine Episode. Der unglückliche Ausgang der Revolution, der für viele Tod, Haft, Flucht und Emigration bedeutete, ließ sich nicht verhindern. Als Achtungserfolg der Freischaren fand das Gefecht damals jedoch große Beachtung.

20 Jahre später bekam der irrtümlich erschossene Ludwig Wedekind von seinen ehemaligen Kampfgefährten im Rahmen einer Gedenkfeier einen Grabstein gesetzt. Aus der Erinnerung an die Junitage 1849 entstand bei den Hanauer Turnern der Wunsch, das Grab des gefallenen Kampfgefährten zu identifizieren und ihm einen Gedenkstein zu errichten. Die Gedenkrede hielt der Hanauer Wilhelm Kämmerer als einer derjenigen, die in Hirschhorn gekämpft hatten. Er war erst 1860 wieder aus der Haft freigekommen. Kämmerer erinnerte an die Kampftage, an die Zeit nach dem Scheitern der Revolution mit Jahren von Haft und Verbannung und an die Gefährten, die in der Emigration gestorben waren.

Gestaltung und Ausmaß des Wedekind-Steines, der heute restauriert auf dem Schloss Hirschhorn aufgestellt ist, lassen klar erkennen, dass hier nicht nur an einen Grabstein und eine nachgeholte Beerdigungsfeier gedacht war. Der Ablauf der damals abgehaltenen Gedenkfeier bestätigte auch deren politischen Charakter, mit dem die Teilnehmer durchaus eine Gefängnisstrafe riskierten.

So sind in Hirschhorn die Hanauer Turner auch 1869 zum zweiten Mal mutig für ihre freiheitlichen und demokratischen Ideale eingetreten und der von ihnen errichtete Gedenkstein ist als ältestes Denkmal zur Badischen Revolution ein bedeutendes Zeugnis deutscher Demokratiegeschichte. Und die Schlussworte des Hanauer Turners Kämmerer, „Bleibt treu den Grundsätzen der Freiheit und Humanität“, sind heute noch genauso aktuell damals.

 

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