Horst Schnur beim Seniorentreff: Wie es der Raubacher Jockel schaffte, am Rothenberger „Hirsch“ vorbeizugehen

Wenn Horst Schnur über den Raubacher Jockel erzählt, dann ist der ehemalige Landrat in seinem Element. In freier Rede schildert er lebendig die Ereignisse rund um das Odenwälder Original, dessen Geburtstag sich am 5. Mai zum 150. Mal jährte und dem Schnur zusammen mit Rolf Reutter ein 73-seitiges Büchlein widmete. Die älteren Mitbürger beim DRK-Seniorentreff sind für ihn auch genau die richtige Zielgruppe. Engagiert gehen sie bei den unterhaltsamen Erzählungen mit. Eine Seniorin kannte in jungen Jahren den Jockel sogar noch persönlich.

Da ist es kein Wunder, wenn sich ein angeregter Nachmittag entwickelt, von dem auch Schnur noch so einiges mitnimmt. Zum Beispiel, dass Unter- und nicht Ober-Schönmattenwag katholisch ist, wie er gleich bei einer Verwechslung korrigiert wurde. Oder dass der aktuelle Wirt vom „Hirsch“ Beisel und nicht Siefert heißt, wie er durch einen prompten Einwurf registrieren „muss“.

Denn über einen Besuch von Jakob Ihrig, wie er richtig hieß, im „Hirsch“ gibt es auch eine Geschichte, wie sie bis heute in der Gaststätte überliefert ist. Der damalige Wirt beobachtete nämlich erstaunt, wie der Jockel – sehr ungewöhnlich – erst einmal am Lokal vorbeilief. Dann doch noch rumdrehte und hineinkam. Darauf angesprochen, meinte Ihrig verschmitzt, ihm werde doch nachgesagt, er könne an keiner Gaststätte vorbeigehen. Nachdem er bewiesen habe, dass es ihm doch möglich sei, „kann ich jetzt wieder reinkommen“.

Schnur schilderte den Senioren auch die früheren, nicht einfachen Verhältnisse. 1774 sei das Gebiet in der Raubach von sieben armen Familien besiedelt worden. Die mussten im Gegenzug für den Erbacher Grafen Holz machen. „Die Leute hatten damals ihr liebe Müh und Not, die Familie durchzubringen“, sagte der Ex-Landrat. Was auch auf die Familie des Jockels zutraf.

Der Vater sei das zweite Mal verheiratet gewesen, die Mutter, aus Olfen stammend, hatte vor der Heirat fünf uneheliche Kinder (die alle früh starben) von fünf verschiedenen Männern. Was Schnur zu der Aussage führte: „Die Verhältnisse waren nicht nur arm, sondern auch versoffen.“ Die Mutter konnte weder lesen noch schreiben. Die Schule in der Raubach wurde laut dem Referenten erst 1868, zwei Jahre nach Jockels Geburt, gebaut. Aber wie. Das ist auch wieder eine Story wert.

Denn in diesem Jahr kam die Zarin von Russland in den Odenwald. Dem Raunen aus dem Publikum folgte gleich die Erläuterung: „Die Zarin war ein echtes Darmstädter Mädsche“, das nach Russland eingeheiratet hatte. Von der Armut in der Raubach betroffen, steuerte sie 100 Gulden für den Schulhaus-Bau bei. „Der Jockel muss in die Schule gegangen sein“, meinte Schnur. Wenn er dorthin geschickt wurde. Und die Häufigkeit stand auch auf einem anderen Blatt.

„Die Landwirtschaft hatte Vorrang vor dem Lernen“, waren die Prioritäten damals klar verteilt. „Wir wissen nicht, wie oft er gefehlt hat“, machte Schnur deutlich. Aber der Jakob Ihrig sei ein schlauer Kerl gewesen, der es heute sicher zu was gebracht hätte. Damals aber folgte er dem Vater im Beruf nach. Er arbeitete als Tagelöhner, Holzkohlebrenner, Gemeindediener oder Totengräber.

Die Musik, meinte der ehemalige Landrat auf Nachfrage, habe sich der Jockel wohl selbst angeeignet und nicht in der Schule gelernt. „Die Lehrer haben lieber auf die Finger gekloppt als zu zeigen, wie man damit Musik machte.“ Bei Lehrer Reutter in Finkenbach aber lieh sich Jako Ihrig immer eine Ziehharmonika, wenn er seine gerade wieder als Pfand in der Gastwirtschaft für die Schulden zurückgelassen hatte.

Eine enge Verbindung des Jockels gab es laut Schnur nach Olfen. Nicht nur, dass er mütterlicherseits dort viel Verwandtschaft hatte, auch seine Mitmusiker kamen von dort. „Die trafen sich dann auf den Festen der Region zum Musizieren“, erläuterte der selbst in Olfen wohnende. Aus dieser Zeit rühre auch der immer größer werdende Bekanntheitsgrad des Jockels.

Schnur stellte daneben die große Geschicklichkeit des Raubachers beim Uhren reparieren heraus. Die am Hirschhorner Bahnhof oder an der Kirche in Güttersbach habe er wieder instand gesetzt. Aus der Zeit als Totengräber bis 1923 rühre auch eine Anekdote mit dem Arzt Bernhard Keysser aus Beerfelden, dem Großvater von Raimund Keysser. Der habe den Jockel auf dem Friedhof als „Versenkungsrat“ begrüßt, worauf dieser mit „Guten Tag, Herr Lieferant“ konterte.

 

Der DRK-Seniorentreff im Gebäude neben Feuerwehr und Sporthalle hat sich in den zwei Jahren seines Bestehens zu einer Erfolgsgeschichte entwickelt, sagt Hildegard Krauhs. „Er wird ehr gut angenommen.“. Krauhs kümmert sich schon seit Beginn zusammen mit einem etwa 15-köpfigen Helferteam aus allen Ortsteilen um die Organisation. Jeden ersten Donnerstag im Monat gibt es Referate zu verschiedenen Themen, aber auch jahreszeitlich gestaltete Feiern. Für die älteren Mitbürger gibt es darüber hinaus einen Hol- und Bringdienst.

„Unser Treff hat sich herumgesprochen“, freut sich Krauhs. Inzwischen verzeichne man sogar Teilnehmer aus Beerfelden. Zwischen 50 und 60 Senioren kommen so bei Kaffee und selbstgebackenem Kuchen immer zusammen, um sich unterhalten zu lassen, viele Gespräche mit Bekannten zu führen oder in den Erinnerungen zu schwelgen. Dabei werden auch örtliche Institutionen und Gruppen wie Kindergarten und Schule für die Adventsfeier oder die Jugendkantorei für den Neujahrsempfang mit einbezogen. Aber ebenso ist die Fastnachtsgruppe mit im Boot.

Die sangesfreudigen Senioren haben zwischenzeitlich selbst ein Liederbuch erstellt, weil sie gerne die alten Stücke erklingen lassen. Daneben werden auch eigene Beiträge und Gedichte vorgetragen. Die Reihen füllen sich immer schon vor der Zeit, „damit alle ihre üblichen Plätze ergattern“, schmunzelt Krauhs.

Info: Der nächste DRK-Seniorentreff am Donnerstag, 6. Oktober, 15 Uhr, im DRK-Heim dreht sich um die in Beerfelden verlegten Stolpersteine zum Gedenken an die von den Nazis ermordeten Juden. Dazu spricht der neue Leiter der Oberzent-Schule, der Finkenbacher Bernd Siefert. Auf seine Initiative geht die dortige Aktion zurück.

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