1902 wurden die Rothenberger Wasserprobleme gelöst

Das Höhendorf und das Wasser: Das war von jeher eine besondere Beziehung. Denn der Sandsteinboden sorgte dafür, dass das von oben kommende Nass so schnell in seinen Klüften verschwand wie es vom Himmel herabregnete. Die Folge waren viele Wassernöte, die sich mit der Beginn der Gemeindeaufzeichnungen im 19. Jahrhundert wie ein roter Faden durch die Ortsgeschichte ziehen.

Für ihre Bewältigung steht die „Alte Pumpe“ an der L 3410 nach Kortelshütte, die der Verkehrs- und Verschönerungsverein (wie auch beim Mühlentag) am Tag des offenen Denkmals regelmäßig für die Öffentlichkeit öffnet. Vorsitzender Thomas Wilcke informiert dann die Gäste über dieses Wunderwerk der Technik aus der Zeit Anfang des 20. Jahrhunderts, das mit einem Schlag eine regelmäßige und zumeist gesicherte Versorgung mit dem kühlen Nass herstellte. Das Bauwerk habe „einen ganz besonderen Wert“, da es heutzutage einzigartig und Relikt einer vergangenen Zeit sei.

Nach Rothenberg profitierten auch Kortelshütte und Ober-Hainbrunn von der öffentlichen Wasserversorgung. Denn der Zweizylinder-Wassermotor mit Drillingspumpe beförderte das Nass vom Gammelsbachtal über 290 Höhenmeter in den Rothenberger Hochbehälter. In den Jahrzehnten und Jahrhunderten zuvor „herrschte Wasserknappheit“, weiß der VVR-Vorsitzende. Auch Tiefbrunnen konnten die Misere nicht lösen. Ab dem 19. Jahrhundert seien Stollen in den Felsen getrieben worden, um des Wassers habhaft zu werden. Im Unterdorf auf 400 Meter „ging das auch recht gut“, erzählt Wilcke. Dort zeuge noch der Laufbrunnen mit seinen vier Trögen vom Erfolg der Bohrungen.

Weiter oben „herrschten aber regelmäßig Wassernotstände“. Dort, wo die Tagelöhner wohnten, habe das auch zu einer Belastung der Familien geführt. „Die Frauen mussten das Wasser hoch- und die Wäsche runtertragen.“ Beschwerden über die unhaltbare Situation seien bis nach Darmstadt vorgedrungen. Dort, erläutert der Vereinsvorsitzende, sei am Ende des 19. Jahrhunderts eine Art „Konjunkturprogramm“ aufgelegt worden, um auch die abgelegenen Odenwald-Gemeinden ans öffentliche Wassernetz anzuschließen.

Zupass kam den damaligen Ingenieuren laut Wilcke, dass es auf 250 bis 270 Meter in beiden Tälern Tonschichten gab, auf denen sich das Wasser sammelte und ergiebige Quellen speiste. „40 Meter unterhalb wurde der ‚Große Brunnen‘ im Gammelsbachtal gefasst“, so Wilcke. Die dort erreichten vier Bar Wasserdruck reichten, um mit dem Motor der Schweizer Firma Schmid das Nass fast 300 Meter in die Höhe pumpen zu können. „Die Wasserleitung war sogar 2,5 Kilometer lang.“

Allerdings stand auch noch die Himmelreichsquelle als Bezugspunkt zur Disposition. Ihre Erschließung wäre sogar günstiger gewesen, aber die laufenden Betriebskosten gaben den Ausschlag für den Großen Brunnen. Akribisch wird in den damaligen Berechnungen aufgelistet, dass sich die Kosten der Wasserversorgung pro Kopf aus diesem auf 4,40 Mark im Jahr belaufen sollten, aus der Quelle auf 5,60 Mark. Wie Wilcke sagte, sei der Große Brunnen auch viel ergiebiger – und damit aus heutiger Sicht mit höherem Verbrauch ebenfalls sinnvoller gewesen.

Im Februar 1902 war Submission der Arbeiten, Mitte August schon die Fertigstellung. Ende September gab es allerdings bereits die erste Beschwerde: Wassermangel. Die Saugventile an der Pumpe waren kaputt. Diese sollten auch in Zukunft die Achillesverse sein: Fast 30 Bar Wasserdruck setzten ihnen arg zu, führten zu hohem Verschleiß und Wartungsaufwand. Weil die Anlage so wartungsanfällig war, wurde sie 1904, zwei Jahre nach Fertigstellung, gleich ein zweites Mal installiert – damit immer eine in Betrieb sein konnte.

Nach dem Ausbau von Wassermotor und Pumpe aus dem alten Pumpenhaus im Tal des Clemensbrunnens erfolgte Ende der 1990er Jahre die aufwändige Restaurierung durch den Verein Museumsstraße Odenwald. Auch die Mitglieder des Verkehrs- und Verschönerungsvereins packten kräftig an. Da das alte Pumpenhaus recht unzugänglich liegt, entschloss man sich laut Wilcke, an verkehrsgünstig gelegener Stelle ein neues Ausstellungsgebäude zu errichten und die Anlage darin funktionsfähig zu installieren.

Info: Eine Besichtigung der Anlage ist nach Anmeldung bei der Gemeinde Rothenberg unter Telefon 06068/7590-800 möglich.

 

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