Beim Tag des offenen Denkmals: Wissenswertes über die Geschichte der Oberzent

Mit Matthias Thieret aus Höchst hatte der Heimat- und Geschichtsverein einen mehr als wissbegierigen Besucher im Museum der Oberzent. Der Gast erwies sich als geschichtlich beschlagen und hatte während seiner Stippvisite beim „Tag des offenen Denkmals“ so manche Episode aus der Umgebung parat. Wie viele andere Institutionen auch hatte der Verein das Museum für die Öffentlichkeit aufgeschlossen. Einige Gruppen und Einzelpersonen schauten vorbei, um sich über die Geschichte der Region zu informieren.

Der Kaufmannsladen aus der Zeit der Jahrhundertwende wurde bis 1990 von der Familie Braner an der Martinskirche geführt, erläutert Wilfried Michel. Mit seinen unzähligen Schubladen und Emaille-Schildern gibt er Zeugnis von der Vielfalt des Warenangebotes aus Klassizismus und Jugendstil. Persil, Fissan, Bahlsen, Brandt, Trumpf oder Kaffeedosen – Verpackungen bekannter Waren sind dort en masse zu finden.

Im Obergeschoss wird die Nebenerwerbstätigkeit der ländlichen Bevölkerung in vergangenen Jahrhunderten thematisiert. Einen Schwerpunkt bildete die Tuchmacherei. Allein 170 Personen waren bis 1850 in irgendeiner Form in diesem Berufszweig beschäftigt. „Fast überall stand ein Webstuhl“, weiß Michel. Mit dem Aufkommen der mechanischen Webstühle rentierte sich die „Handarbeit“ aber nicht mehr. Die Leute mussten sich eine andere Tätigkeit suchen. Das konnte etwa die Diamantschleiferei sein. „Andere wanderten nach Amerika aus“, schildert er die damalige Armut.

In der kleinen Küche sieht man, wie die einfachen Leute zwischen 1900 und 1950 lebten und arbeiteten. Die Wäsche wurde über dem Herd getrocknet, am Wasserstein das Messer geschärft, es gab den billigen Gerstenkaffee statt normalen. Davor steht ein Schrank mit der Aussteuer für die Frauen zur Heirat, innen verschiedene Töpferwaren der bis zum Zweiten Weltkrieg in Beerfelden sesshaften Töpfereien. „Jede hatte ihr besonderes Muster“, so Michel.

In einem weiteren Raum ist eine Schusterwerkstatt zu sehen. Schuhwerk war Voraussetzung für die Bewältigung der schweren Tagesarbeit. Behalf man sich im Haus und Stall mit Holz- oder Strohpantinen, musste für Feld und Wald Lederschuhwerk her. Laut Michel gibt es im Museum eine Rarität, mit der die Schuster ihre dunkle Stube erhellten: Eine Glaskugel wurde mit Wasser gefüllt, dahinter eine Kerze angezündet und im dadurch gebündelten Licht gearbeitet.

Im Eingangsbereich befindet sich eine Bilddokumentation über die ehemalige Bahnstrecke zwischen Beerfelden und Hetzbach. Ab 1904 beförderte die „Schellekattel“, wie die Bahn genannt wurde, auf der Nebenstrecke Personen und Güter. Der Personenverkehr wurde bereits 1954 eingestellt, zehn Jahre später auch der Güterverkehr. Ältere Beerfelder erinnern sich aber immer noch daran, wie die Dampflok über die Gleise schnaufte. Auf 5,1 Kilometern überwand sie einen Höhenunterschied von 86 Metern.

Im Keller findet man alle Konservierungsarten, die früher nötig waren, um Lebensmittel ohne heutige Technik haltbar zu machen. Aber auch die Gerätschaften fürs Schlachtfest und die Milchwirtschaft sind dort untergebracht. Eine Seltenheit sind Michel zufolge Sammlerstücke der früher in Marbach beheimateten Pulverfabrik. Diese stellte Blitzlichter für die Fotoapparate Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts her, als sie noch neben der Kamera gehalten wurden.

Die Arbeitstätigkeiten im Wald werden in der Waldecke dargestellt, vom Heidelbeeren sammeln bis zum „Rennekloppe“. Diese Form der Eichenrinden-Gewinnung war bis Anfang des 20. Jahrhunderts und nach dem Zweiten Weltkrieg noch einmal als Wirtschaftszweig bedeutsam. Die Rinde von jungen Eichen wurde abgeschält (Rinden klopfen) und an die Gerbereien verkauft, die daraus die benötigte Gerbsäure gewannen.

In der „Gud Stub“ mit originalen Fachwerkwänden hat der Odenwälder Volkskunstkreis Trachten und sonstiges Kulturgut ausgestellt. Auch Sofas, Tische und Stühle vermitteln ein Bild vom Leben in früheren Jahrhunderten. Verschiedene Exponate einer ehemaligen Sattlerwerkstatt runden das Angebot ab.

 

Das Museum der Oberzent – im Volksmund wegen den langjährigen Hauseigentümern als das „Schwartz‘sche Haus“ bekannt – wurde 1988 durch die Stadt erworben und 1992 dem Heimat- und Geschichtsverein Oberzent für ein Museum zur Verfügung gestellt. Es befindet sich in der Brunnengasse 22 an der Mümlingquelle. Das Haus wurde unmittelbar nach dem Stadtbrand von 1810 erbaut und steht heute wegen seiner gut erhaltenen, originären Bausubstanz selbst unter Denkmalschutz. Öffnungszeiten: donnerstags von 14 bis 16 Uhr, Mai bis Oktober auch sonntags von 14 bis 16.30 Uhr. Gesonderte Führungen nach Voranmeldung unter Telefon 06068-7590520 (Touristinfo) oder E-Mail info@beerfelder-land.eu

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