Gesundheitsversorgung in der Oberzent: Übergangslösung mit zuerst vier Fachärzten – Ärztehaus geplant

Die gute Nachricht versteckte sich fast zwischen den Zeilen: Im ersten Quartal 2017 soll als Übergangslösung in einem bisher leerstehenden Bürogebäude eine Art medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) „light“ entstehen. Das teilten Bürgermeister Gottfried Görig und Elke Kessler, Geschäftsführerin ASD Concepts, anlässlich des Besuchs der Grünen-Bundestagsabgeordneten Kordula Schulz-Asche mit. Die informierte sich auf Einladung der Grünen-Stadtverordnetenfraktion über die Gesundheitsversorgung im Beerfelder Land.

Wie Kessler berichtete, werden dann dort vier Fachärzte eine Zweitpraxis eröffnen. Und zwar im Bereich Urologie, Gynäkologie, Neurologie und Psychotherapie. Ein Diabetologe wird noch gesucht. Und natürlich ein Hausarzt. Die ASD-Geschäftsführerin hofft, dass nach dem Start eine Art Schneeballeffekt eintritt und sich weitere Interessenten finden werden. „Wenn es gar nicht funktioniert, könnte die Kommune selbst das MVZ starten und jemanden einstellen“, meinte sie.

Wie der Bürgermeister ergänzte, gibt es bereits einen Mietvertrag für das Gebäude. „Der Umbau ist finanziell machbar“, sagte er. Daneben seien auch Parkplätze und Lift vorhanden. Somit lasse sich diese Übergangslösung realisieren. Leider nicht in der Stadtmitte, weil die dort leer stehenden Objekte nicht für diese Zwecke geeignet seien. „Das Ärztehaus steht im Fokus und soll mit Leben erfüllt werden“, so der Bürgermeister. Auch soziale Hilfsorganisationen sollen dann dort mit ihren Beratungsangeboten einziehen, so Kessler.

„Wir müssen einfach mal anfangen“, sagte die ASD-Frau. Und lag damit auf eine Linie mit dem Ersten Stadtrat Horst Kowarsch und seiner Frau Elisabeth-Bühler-Kowarsch. Die forderten, man solle der Bevölkerung zeigen, „dass es voran geht“. Das tut es auch mit den Plänen für einen Ärztehaus-Neubau, die von Max Janowicz vom gleichnamigen Therapiezentrum vorangetrieben werden. Der hat bereits zwei Grundstücke zwischen der Oberzent-Schule und der Seniorenresidenz „Henneböhl“ für diese Zwecke gekauft. „Das Projekt kann nur die Gemeinde zusammen mit ihm schultern“, machte Kessler deutlich.

Das sah auch Bürgermeister Görig so. „Die Kommune muss auch finanziell Verantwortung tragen“, meinte er. Das Umfeld müsse stimmen, damit sich weitere Ärzte ansiedelten. „Wir wollen jetzt die Basis schaffen, damit wir im Frühjahr mit dem Bau starten können“, wünschte er sich. Erweiterungspläne des Seniorenheims stünden dem nicht entgegen, sondern ergänzten das Projekt. Was auch Kowarsch beeindruckte: „Es ist spannend, dass ein solch breiter Ansatz gewählt wird und für einen Hausarzt dann eine Ansiedlung wieder interessant wird“, führte er aus.

Derzeit gibt es dem Bürgermeister zufolge nur noch vier Hausärzte in der Oberzent, drei in Beerfelden und eine in Rothenberg. Hesseneck und Sensbachtal sind ohne. Für die Größenordnung der vier Kommunen mit über 10.000 Einwohnern fehlten zwei oder drei. Nachdem sich schon ein Chirurg mit Zweitpraxis ansiedelte, fehlt Görig zufolge nun dringend ein Augenarzt. Eine Interessentin habe aus persönlichen Gründen kurzfristig abgesagt.

Dass die Eröffnung einer Zweitpraxis für einen Arzt derzeit eher „just for fun“ und mit viel Enthusiasmus geschieht, machte Kessler salopp deutlich. Denn der Mediziner habe zwar mehr Arbeit, Fahrt- und Investitionskosten dadurch, dürfe aber nur die gleiche Anzahl von Patienten behandeln und verdiene derzeit nicht mehr. Wichtig ist deshalb ihren Worten zufolge „eine höhere Vergütung durch höhere Versorgungsqualität“.

Kessler hatte zu Beginn die Ärztesituation im Odenwaldkreis skizziert. Demnach fallen bis 2020 etwa 20 Hausärzte weg. Es gebe lange Wege in die Ballungszentren, andererseits aber die Zunahme von „multimorbiden“ Patienten mit mehreren Krankheiten. Um sowohl „Ärztehopping“ als auch oftmalige Arztbesuche zu vermeiden, sei eine Bündelung der Mediziner an einem Ort wie auch eine Art Patientencoach, der die Kranken an der Hand nimmt und alles koordiniert, sinnvoll. Allerdings gibt es ihren Worten zufolge dabei dicke Bretter zu bohren.

Ein Punkt, bei dem auch Schulz-Asche einhakte und die Notwendigkeit der Politik erkannte, in Zusammenarbeit mit Kommunen und kassenärztlicher Vereinigung bessere Rahmenbedingungen zu schaffen. Wie sich sowieso die Entwicklung auf die Städte fokussiere und der ländliche Raum oftmals hintenrunter falle, kritisierte sie.

 

Der Verein Gesundheitsversorgungskoordination (GVK) und das Gesundheitsversorgungszentrum (GVZ) sind laut Bürgermeister Görig Pilotprojekte für den Odenwaldkreis und „finden bundesweit Beachtung“. Gesundheits- sei ein Teil der Daseinsvorsorge, ergänzte Kessler. Die Vernetzung aller in diesem Bereich Tätigen sei das Modell der Zukunft, waren sich Schulz-Asche und Kessler einig. Gerade an die hätten viele in der Oberzent ansässigen Mediziner nicht oder zu spät gedacht, ergänzte Görig.

Der „integrierte Ansatz“ fand die volle Unterstützung der Grünen-Politikerin, in ihrer Fraktion Sprechern für Prävention und Gesundheitswirtschaft sowie bürgerschaftliches Engagement. Es sei eine „tolle Erfahrung“, das Projekt in seiner Entwicklung zu sehen. Sie sei „begeistert“ vom bisher Erreichten und den weiteren Entwicklung und wolle das Thema gerne mit nach Berlin nehmen, so Schulz-Asche. Es passe in das Konzept der Grünen-Bundestagsfraktion zur Regionalisierung des Gesundheitswesens.

 

 

 

 

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