Vortrag in der Seniorenresidenz Hedwig Henneböhl Beerfelden: Pflegestärkungsgesetz II bringt viele Verbesserungen

Mit dem Pflegestärkungsgesetz II kommen am dem 1. Januar große Veränderungen auf Pflegebedürftige und ihre Angehörigen zu. Am wichtigsten dabei ist, dass dem Punkt Alltagsbewältigung nun ein großer Stellenwert zugewiesen und die Diagnose Demenz mit in die Bewertung aufgenommen wird. Außerdem werden aus drei Pflegestufen fünf Pflegegrade. Welch hoher Informationsbedarf zu diesem Thema herrscht, wurde bei den Info-Veranstaltungen in der Seniorenresidenz Hedwig Henneböhl deutlich.

Geschäftsführer Michael Vetter und Pflegedienstleiterin Angela Scheil informierten in der Kleinkunstbühne des Gebäudes über die zahlreichen, durchaus positiven Veränderungen, die sich mit dem Jahreswechsel ergeben. Dass sie mit dem Angebot einen Nerv getroffen hatten, zeigte sich an der großen Resonanz: Der Saal war mit jeweils über 120 Interessierten an zwei Tagen voll besetzt. Einmal richtete sich der Vortrag an Interessierte von außerhalb, das andere Mal an die Bewohner und ihre Angehörigen.

Eine ganz wichtige Info hatte Scheil parat: Alle, die bereits jetzt einer Pflegestufe zugeordnet sind, „müssen nichts unternehmen“. Denn die Umstufung in die ab 2017 geltenden Pflegegrade geschehe automatisch. In den nächsten Wochen komme Post von der Krankenkasse. Es gebe keinen erneuten Besuch des Medizinischen Dienstes (MDK), um eine Neueinstufung vorzunehmen.

Sie machte auf Nachfrage aber auch deutlich, dass eine Änderung der Pflegestufe bis zum Jahresende nur noch in ganz gravierenden Fällen vorgenommen werde. Denn die Kassen nehmen die Neueinstufung nach eigenen Angaben sehr großzügig vor. In den kommenden zwei Monaten gelte eine Art Übergangszeit, sodass sie nicht im Detail zu sagen wusste, ob bei einem Antrag in der kommenden Zeit noch die alten oder schon die neuen Regelungen angewendet werden.

Vetter hob hervor, dass „kein Land der Welt“ ein solch umfassendes Pflegeangebot biete wie Deutschland. Die Gesetzesänderung sei in die Wege geleitet worden, weil die Demenz in der seit 1995 geltenden Pflegeversicherung „nicht ausreichend berücksichtigt wurde“. Die Kluft zwischen der Grundpflege und der für dieses Krankheitsbild notwendigen Versorgung habe „zu heftigen Diskussionen geführt“. Kosmetische Veränderungen hätten nicht wirklich etwas verändert.

Um die bisherige Vorgabe „ambulante vor stationäre Pflege“ zu verwirklichen, hätten die entsprechenden Anreize gefehlt.  Jetzt jedoch, so Vetter, werden „massiv Entgelte erhöht“, damit die Menschen so lange wie möglich zuhause bleiben und dort gepflegt werden könnten. Das sei „ein großer Durchbruch“, wertete der Geschäftsführer die Gesetzesänderungen als Schritt nach vorn.

„Die Menschen werden nun ganzheitlich betrachtet“, erläuterte er. Statt bisher von benötigten Minuten zur Betreuung und erbrachten Pflegeleistungen auszugehen, gebe es nun eine Konzentration „auf die vorhandenen Fähigkeiten des Pflegebedürftigen“. Was auch Scheil unterstrich: „Der Mensch mit seiner Selbstständigkeit und seinen Ressourcen steht im Mittelpunkt.“

Die Begutachtung durch den medizinischen Dienst erfolgt nach den Worten der Pflegedienstleiterin im kommenden Jahr nach einem neuen Schema. Davon betroffen seien aber nur diejenigen, die erstmals Besuch vom medizinischen Dienst erhielten, alle anderen würden umgestuft. In Zukunft werde nach sechs Modulen begutachtet, jeweils mit internem Punktesystem und unterschiedlicher prozentualer Wertung.

Größtes Gewicht dabei hat die Fähigkeit zur Selbstversorgung, die der jetzigen Grundpflege entspricht. Sie wird mit 40 Prozent eingerechnet. Die Behandlungspflege, die Scheil zufolge „bisher keine Rolle spielte“, wird nun mit 20 Prozent gewichtet. Mobilität, kognitive-kommunikative Fähigkeiten, Verhaltensweisen und Gestaltung des Alltagslebens sind weitere Kriterien. Gerade Letzteres „spielte bisher keine Rolle“, hob sie die Verbesserung hervor. Die Pflegedienstleiterin illustrierte die verschiedenen Module zum besseren Verstehen mit diversen Beispielen. Die „eingeschränkte Alltagskompetenz“ finde nun ihre Berücksichtigung in allen sechs Modulen.

Hilfsmittel, die bisher über den Arzt verschrieben werden mussten, werden nun automatisch verordnete, betonte Scheil. Wenn der medizinische Dienst bei einem Besuch erkenne, dass ein Mensch etwa mit Rollator oder einem speziellen Bett selbständiger sein könnte, dann werde es im Bericht vermerkt. Die Krankenkasse veranlasse dann die Lieferung von sich aus.

„Es kommt kein Gutachter“, meinte die Pflegedienstleiterin zur Umgruppierung. Grundsätzlich gelte: Von jeder Pflegestufe geht es einen Schritt nach oben in den nächsthöheren Pflegegrad, also beispielsweise 2 auf 3. Habe jemand zusätzlich eingeschränkte Alltagskompetenzen, dann werde er zwei Schritte höher eingestuft, also 2 auf 4. „Wer jetzt in einer Pflegestufe ist, für den herrscht Bestandsschutz“, betonte sie.

Der MDK „wird noch viele Erfahrungen sammeln müssen“, meinte Vetter ergänzend.  Begutachtungen würden in Zukunft viel mehr Zeit in Anspruch nehmen. „Es werden mehr Menschen die Möglichkeit haben, Pflegeleistungen zu beziehen“, verdeutlichte er. „Die Leistung wird eindeutig aufgewertet.“

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