Der ehemalige Grenzschützer Volkmar Raabe berichtete in der Oberzent-Schule Beerfelden von seiner Tätigkeit

Das prägendste Erlebnis seiner Tätigkeit als Grenzschützer hatte Volkmar Raabe 1982. Genauer gesagt am 29. März. Damals musste er mit anschauen, wie ein DDR-Flüchtling an der innerdeutschen Grenze von zwei NVA-Soldaten im Todesstreifen angeschossen wurde und 25 Meter vor dem rettenden bundesdeutschen Gebiet verblutete. Raabe war zu Gast an der Oberzent-Schule und brachte dort den Jugendlichen anlässlich des Mauerfalls am 9. November 1989 die bewegte deutsche Geschichte der beiden deutschen Staaten mit all ihren Schrecken näher.

„Wir mussten den Notarzt festhalten, damit der nicht auch noch erschossen wird“, schilderte der ehemalige Polizeihauptkommissar die traumatische Situation, die ihn mehr als 30 Jahre später immer noch erfolgt. Ein Kreuz und ein Schild erinnern heute an die fehlgeschlagene Flucht von Hans-Josef Große. „Hier wurde ein Mensch erschossen, der von Deutschland nach Deutschland wollte“, ist darauf zu lesen. Große war einer von 715 Menschen, die von 1961 bis 1989 an der innerdeutschen Grenze zu Tode kamen, schilderte Raabe. Mit Berlin waren es sogar 872.

Dass der sogenannte „antifaschistische Schutzwall“ nur dem Zweck diente, die DDR-Bevölkerung an der Flucht in den Westen zu hindern, machte der ehemalige Grenzbeamte an der Tatsache fest, dass die Selbstschussanlagen nur nach Osten, ins eigene Land, gerichtet waren. „Vom Westen her konnte man die Befestigungen leicht überwinden“, sagte er.

Der Satz von Walter Ulbricht, „niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“, ist weltbekannt – weil er eine Lüge war, die der damalige DDR-Staatschef ohne mit der Wimper zu zucken aussprach. Raabe stellte diese Aussage vor den Schülern in den geschichtlichen Bezug und berichtete, wie es nach dem Zweiten Weltkrieg zur deutschen Teilung gekommen war. Und dass die DDR-Bürger, weil sie Ulbricht sowieso kein Wort glaubten, dann erst recht flüchteten.

In der Nacht vom 12. auf den 13. August 1961, als in Berlin der Mauerbau begann, gab es eine „brandgefährliche Situation“ mit den beiden Machtblöcken kurz vor einem erneuten Krieg. Genau in dieser Nacht flüchtete auch Raabes Familie von Ost- nach West-Berlin. Der Vater hatte aufgrund seiner Tätigkeit als Finanzbeamter Wind von den geplanten Ereignissen bekommen, war als Christ aufgrund seines öffentlichen Bekenntnisses zuvor schon verfolgt worden.

Nach dem Mauerbau wurde laut dem ehemaligen Grenzpolizisten auch der Aufbau der innerdeutschen Grenze immer mehr vorangetrieben. „Ab 1975 habe ich das selbst erlebt“, so Raabe. Zaun, Kfz-Sperrgraben, Spurensicherungsgraben, Kolonnenweg, Wachtürme, Minengürtel, später Selbstschutzanlagen – in deutscher Gründlichkeit wurde auf 1400 Kilometern quer durchs Land ein monströser, menschenverachtender Tötungsapparat hochgezogen.

„Das sogenannte Niemandsland ist ein Aberglauben“, erläuterte Raabe. Die Grenze sei ein gerader Strich in der Landschaft, rechts DDR, links BRD. Da die alten Grenzsteine aus dem 19. Jahrhundert nicht mehr gut zu erkennen waren, habe der Bundesgrenzschutz eigene Schilder aufgestellt. Nach der Schrift „Halt, hier Grenze“ sei diese nach 50 Zentimetern tatsächlich gefolgt.

Die DDR-Grenzanlagen sahen laut dem früheren Erbacher Polizisten „den Tod als Mittel zur Fluchtverhinderung“ vor. Erst waren es Minenstreifen, die die Flucht von Ost nach West verhindern sollten, dann ab 1971 die Selbstschussanlagen. Bevor die Mauer 1989 fiel, habe es bereits Pläne gegeben, alles elektronisch aufzurüsten, um die vielen weithin sichtbaren überirdischen Anlagen verschwinden zu lassen.

Die Grenzziehung brachte laut Raabe aber auch so manch abstruse Ereignisse mit sich. So musste seinen Worten zufolge bei Lindewerra der hessische Zug ein Stück über thüringisches Gebiet fahren – was dazu führte, dass er dort von russischen Soldaten kontrolliert wurde, die gerne die Hand aufhielten. Um das zu ändern, gab es eine Grenzbegradigung, vereinbart zwischen Amerikanern und Russen: die sogenannte Whisky-Wodka-Linie.

Gut in Erinnerung ist dem ehemaligen Grenzschützer noch die letzte Begegnung mit einem früheren DDR-Politoffizier an der innerdeutschen Grenze. Erst viele Jahre später, schon in Erbach heimisch, erfuhr er per Zufall davon, dass sich dieser nach der Wende umgebracht hatte, weil er mit der veränderten Situation nicht mehr klargekommen war – und in seinem Ort aufgrund der früheren Tätigkeit gemobbt wurde.

Volkmar Raabe, 1955 in der ehemaligen DDR geboren, flüchtete 1961 mit seinen Eltern erst von Ost- nach West-Berlin, kam vom Auffanglager Marienfelde dann ins Saarland und wuchs in Saarlouis auf. 1975 fing er beim Bundesgrenzschutz an und war danach an der innerdeutschen Grenze zwischen Hessen und Thüringen in den verschiedensten Funktionen stationiert. 1992 wechselte er zur hessischen Polizei und erlebte dort verschiedene große Einsätze mit. Im Jahr 2000 kam Raabe zur Erbacher Polizei. Dort war der Polizeihauptkommissar bis zu seiner Pensionierung als Jugendkoordinator und Pressesprecher tätig. Heute ist Raabe als Diakon in der katholischen Kirchengemeinde Michelstadt aktiv.

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