Beim Seniorentreff Finkenbach: Ein Blick auf Beerfelden während der Nazi-Zeit

Um die ehemalige Synagoge in Beerfelden, die Stolperstein-Verlegung für die Beerfelder Juden im Jahre 2012 und den in diesem Jahr angebrachten Stolperstein für Herbert Creutzburg, der als „Fahnenflüchtiger“ in den letzten Kriegstagen 1945 auf dem Marktplatz hingerichtet worden war, ging es beim vergangenen Seniorentreff in Finkenbach. Mitorganisatorin Edith Wilhelm freute sich, dazu eine große Zahl älterer Mitbürger begrüßen zu dürfen.

Der Finkenbacher Bernd Siefert, Leiter der Oberzent-Schule in Beerfelden und gleichzeitig Spiritus Rector für die drei Aktionen, referierte zusammen mit den Zeitzeuginnen Dr. Elisabeth Kellner und Hilde Bormuth. 2008 hatten die Oberzent-Schüler den Antrag gestellt, eine Gedenktafel an der ehemaligen Synagoge anbringen zu dürfen, so Siefert. Das jüdische Gotteshaus lag am Beginn der Odenwaldstraße. Heute befindet sich auf dem Gelände die Gaststätte „S’Lagger“.

Im Gegensatz zu anderen in Deutschland zerstörten Synagoge wurde sie in der Reichspogromnacht 1938 nicht gesprengt oder angezündet, da man in der Oberzent-Stadt noch das Trauma des großen Stadtbrandes von 1810 vor Augen hatte. Das Gebäude befand sich in unmittelbarer Nähe zweier Gemeindescheunen und somit bestand die Gefahr eines Großfeuers. Stattdessen sägten die Nazis und ihre Helfershelfer Balken ein. Ein Traktor brachte das Gebäude zum Einsturz.

Um das Jahr 1900 gab es in Beerfelden noch über 100 jüdische Mitbürger. In der heutigen Judengasse wohnten keine Juden, erläuterte Siefert. Nur ein Weg führte durch die Straße zur Synagoge. Die Juden waren, das zeigt ein Stadtplan aus dem Jahre 1905, überall in der Stadt verteilt. Schon vor dem Novemberpogrom von 1938 war die jüdische Einwohnerschaft stark zurückgegangen. Viele emigrierten, vor allem in die USA.

Die letzten zwölf jüdischen Bewohner wurden im Herbst 1942 – über die Sammelstelle in Darmstadt – „in den Osten umgesiedelt“, wie die Nazi-Propaganda den Weg in die Vernichtungslager euphemistisch beschrieb. Ab Oktober 1942 gab es in Beerfelden keine Juden mehr. Damit spannte Siefert den Bogen zur Stolperstein-Verlegung im Jahr 2012 für die letzten Beerfelder Juden, als unter Mitwirkung der Oberzent-Schüler vor den ehemaligen Wohnhäuser 18 Gedenksteine in die Erde eingebracht wurden.

Dritter Punkt in Sieferts Ausführungen war die Stolperstein-Verlegung für Herbert Creutzburg Mitte dieses Jahres auf dem Marktplatz. Der Unteroffizier war genau an dieser Stelle am 25. März 1945 wegen angeblicher Fahnenflucht von Nazi-Schergen gehängt worden – vier Tage vor dem Einmarsch der Amerikaner in Beerfelden. Der Schulleiter wurde im Zuge der Vorarbeiten für die Stolpersteine vor den Häusern von jüdischen Einwohnern erstmals auf die Creutzburg-Hinrichtung aufmerksam.

Der Oberzent-Rektor wies auf das „zynische Handeln“ der Verantwortlichen gegen einen 22-jährigen jungen Mann hin, „der in den letzten Kriegstagen lediglich heim zur Freundin und diese heiraten wollte“. Genau an Tag der Hinrichtung habe sich der Befehlsgeber von Mitte Februar 1945, dass Fahnenflüchtige hingerichtet werden sollten, Gauleiter und Verteidigungskommissar Jakob Sprenger, von Frankfurt von Südbayern abgesetzt.

Hilde Bormuth und Dr. Elisabeth Kellner berichteten als Zeitzeugen von der damaligen Tat und Zeit. Die 86-jährige Bormuth, deren Familie damals die Gastwirtschaft „Glocke“ oberhalb der Martinskirche betrieb, erlebte als 14-Jährige die Hinrichtung mit. Sie war von dem Lärm aufgeschreckt worden, der damit einherging, ging zum Marktplatz und bekam noch den Abschluss der Hinrichtung mit.

Auch die 92-jährige Dr. Elisabeth Kellner erlebte alles hautnah mit. Sie war kurz vor Kriegsende nach Wolfenbüttel zur Wehrmacht einberufen worden, versteckte sich aber und befolgte den Befehl nicht. „Europa ist unsere Garantie für Frieden“, appellierte Dr. Kellner an die gemeinsamen Werte und ging wie auch schon bei der Stolperstein-Verlegung darauf ein, den Anfängen neuer rechter Tendenzen engagiert entgegen zu treten. Eine Gesprächsrunde mit den beiden Zeitzeuginnen schloss sich an.

 

Den Seniorentreff Finkenbach gibt es nach Angaben von Organisatorin Edith Wilhelm seit Mai 2002. Er wurde nach der Eröffnung der Hermann-Wilhelm-Halle mit dem Ziel ins Leben gerufen, diese mit Leben zu füllen. Zu Beginn waren es immer um die 25 Personen, heute sind es kontinuierlich etwa 30 bis 35 Besucher. Initiatoren waren Charlotte Birkel, Maria Birkel, Ruth Brechenser, Traudel Sauter, Marianne Schäfer und Edith Wilhelm.

Einmal im Monat treffen sich die älteren Mitbürger. Dann gibt es ein Essen je nach Jahreszeit, so etwa Zwiebelkuchen und neuen Wein. Ein Schlachtfest im Winter und ein Grillfest im Sommer gehören auch dazu. Vorträge der Polizei über Haustürgeschäfte und Enkeltricks, Diashows von Reisen durch den ehemaligen Apotheker Jürgen Frank, Referate über die Heimatgeschichte durch Dr. Rolf Reutter oder Bingo spielen, unterhalten, singen stehen auf dem Programm.

Ziel des Seniorentreffs ist das Erreichen eines Gemeinschaftsgefühls und der Verbundenheit mit der Dorfgemeinschaft. Diese zeigt sich auch darin, dass die älteren Mitbürger Kuchen für das jährliche Finki-Festival spenden. Die Besucher kommen mittlerweile auch aus Rothenberg, Hainbrunn, Kortelshütte, Falken-Gesäß, Beerfelden und Etzean.

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