Furcht vor immer mehr Windrädern auf den Odenwald-Hügeln gegenüber von Rothenberg

Die Windkraftnutzung auf den Odenwald-Hügeln sorgt für beständigen Zündstoff. Ortschaften, Straßenzüge, Familien streiten sich darüber, ob diese Form der erneuerbaren Energie die richtige ist, um fossile Brennstoffe abzulösen. Längst ist eine sachliche Diskussion aufgeheizten emotionalen Debatten gewichen. Rothenberg ist auf seinem Gemeindegebiet bisher noch von Windrädern verschont geblieben, aber anderswo wachsen Rotoren bereits in die Höhe. Die vier stählernen Masten auf dem gegenüberliegenden Hügel des Greiner Ecks zeugen von der nicht aufzuhaltenden, stürmischen Entwicklung.

„Das ist nicht prickelnd, wenn auf den Höhenzügen überall Windräder stehen“, meint Bürgermeister Hans Heinz Keursten. Die Konzentration auf eine Fläche kann er sich noch vorstellen, „aber nicht durchgehend“. Im Bereich Rothenberg will er Windkraftanlagen vermeiden. Vor diesem Hintergrund sei auch der gemeinsame Flächennutzungsplan des Odenwaldkreises aufgestellt worden.

Die Windräder am Greiner Eck „als Solitär“ sind für Thomas Wilcke „nicht das Problem“. Die Ausblicke von Kortelshütte und Rothenberg würden dadurch nicht stark beeinträchtigt. Der Vorsitzende des Verkehrs- und Verschönerungsvereins (VVR) hat dann „extreme Probleme“, wenn auf den Odenwald-Hängen zusammen mit dem „Stillfüssel“ bei Siedelsbrunn eine Industrielandschaft entsteht. Sollte alles „zugespargelt“ werden, rechnet er auch unter touristischen Aspekten mit Nachteilen fürs Höhendorf.

Dass gleichzeitig mit der Stillfüssel-Genehmigung ein anderer Windpark im Taunus nicht genehmigt wurde, kann der VVR-Vorsitzende nicht nachvollziehen. Bedenken wegen der Auswirkungen auf Fauna, Flora und Trinkwasser hätten dort den Ausschlag gegeben: „Diese Argumente stimmen auch für den Odenwald“, sagt er. Allerdings „scheinen dort andere Leute zu wohnen als bei uns“, macht er seinem Unverständnis über unterschiedliche Maßstäbe Luft.

Armin Beisel vom Hotel Hirsch kann die Folgen der Windenergieanlagen auf Tourismus und Gastronomie im Ort noch nicht abschätzen. „Wir haben viele Reisegruppen“, meint er, bei denen fielen die Windräder vielleicht nicht so ins Gewicht. Anders sieht es mit den Individualtouristen aus. Bisher stehe der Odenwald für intakte Natur und ländliche Idylle. „Die heile Welt ist dahin“, befürchtet der Hotelier – vor allem, wenn noch mehr Windräder gebaut würden. „Dann ist es dem Fremdenverkehrs abträglich“, sagt er. Den Kosten-Nutzen-Effekt sieht Beisel sowieso kritisch.

Die Windräder am Greiner Eck beeinträchtigen das Landschaftsbild aktuell schon, meint der Rothenberger Marco Johe. Er rechnet aber damit, dass in ein paar Jahren die Anlagen zum Odenwald-Bild dazugehörten und sich „keiner mehr daran stört“. Jedoch würden die jetzt genehmigten Windräder am Stillfüssel das Gesamtbild stärker beeinflussen, betont er.

Ob allerdings sie bei den hiesigen Windstärken effizient und wirtschaftlich genug arbeiteten, „lässt sich dennoch bezweifeln“. Den Blick auf ein Kohle- oder Atomkraftwerk wolle aber sicher auch niemand haben, so Johe – von den Gefahren dieser Anlagen mal ganz abgesehen. Seiner Meinung nach wäre die beste Lösung der Bau einer Nord-Süd-Stromtrasse in Verbindung mit großen Windparks auf der Nordsee.

„Zwei Seelen wohnen in meiner Brust“, zitiert Monika Hofmann Goethes Faust mit Blick auf die Windkraft. Das Greiner Eck kann sie aus ihrem Fenster nicht sehen, „deshalb stören mich die dortigen Windräder nicht so sehr“. Sollten allerdings noch mehr hinzukommen wie es sich jetzt andeute, „haben wir die direkt vor der Nase“. Verspargelte Odenwald-Hänge gegenüber von Rothenberg könnten sich ihrer Meinung negativ auf den Tourismus auswirken. Allerdings stellt sich für Hofmann die Frage, „ob Urlauber die Windräder nicht sowieso schon von zuhause kennen“. Und damit an sie gewöhnt seien.

Überhaupt betrachtet sie diese Form der erneuerbaren Energien von zwei Seiten. Einerseits müsse man Alternativen zur Atomkraft suchen, andererseits gelte es auch, auf Effizienz und Windhöffigkeit zu achten und sorgfältig abzuwägen, wo was sinnvoll sei. „Nicht dass etwas gemacht wird, was wir in Zukunft bereuen“, meint sie. Deshalb sei die Politik gefordert, gründlich und mit Akribie zu planen.

Aktuell betrachten die Rothenberger den Windkraftwuchs im benachbarten Kreis Bergstraße noch einigermaßen entspannt. Aber seitdem einen Tag vor Jahresende mit dem „Stillfüssel“ bei Siedelsbrunn ein weiterer Windpark in Sichtweite genehmigt wurde, weicht die Entspannung latenter Sorge. Denn der Regionalplan Südhessen sieht noch etliche potenzielle Standorte im Überwald und damit in Sichtweite Rothenbergs vor. Unter anderem im Gebiet Flockenbusch zwischen Schönmattenwag und Brombach, was dann eine direkte Windrad-Linie vom Neckartal aufwärts bis zum Hardberg bedeuten würde.

Mögliche Entwicklungen im Odenwaldkreis sind dabei noch komplett außen vor. Der einheitliche Flächennutzungsplan (FNP) hätte Wildwuchs auf den verschiedenen Gemarkungen verhindert, aber der wurde bekanntermaßen vom Regierungspräsidium Darmstadt abgelehnt. Dagegen legten der Kreis und die angeschlossenen Kommunen Klage ein. Der Regionalplan sieht auch hier auf Rothenberger Gemarkung zwei mögliche Windkraft-Flächen vor, in der Hinterbach/Raubach Richtung Olfen und auf der Rothenberger Höhe Richtung Beerfelden.

Die Stimmung in Rothenberg ist aktuell nicht meist entspannt. Das Greiner Eck wird nicht wirklich als störend fürs Gesamtbild angesehen, da es nicht im direkten Blickfeld ist. „So lange es nicht mehr werden“, lautet aber die Einschränkung. „Jeder möchte weg von Atomenergie“, aber andererseits kein Windrad „vor der Tür haben“, so eine weitere Meinung. Denn auf die elektrischen Geräte zuhause wolle auch niemand verzichten.

Mejr Bilder hier: https://www.facebook.com/media/set/?set=a.1371413066236172.1073741983.100001024761983&type=1&l=0c67dd8428

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