In Beerfeldens evangelischer Kirche: Dem „Glöckner von St. Martin“ auf der Spur

Der Glöckner geht um. Aber nicht der von Notre Dame, sondern der von St. Martin in Beerfelden. Mit Pauline, Lea und Sandra gab es drei junge Mädchen, die sich auf das Abenteuer im Rahmen der „Jungen Kirche“ einließen und Quasimodo die Stirn boten. Die Idee zu der Aktion hatte der evangelische Pfarrer Roland Bahre, der sich zusammen mit seiner Frau Nicole und Gemeindediakon Ulrich Meyer eine Art Schnitzeljagd in der Martinskirche ausgedacht hatte.

„Für die Konfirmanden wird viel geboten, aber für die Jugendlichen ab 15 Jahren fehlt dann etwas“, erläuterte Pfarrer Bahre zum Hintergrund der Veranstaltung. Die kannte er in anderer Form bereits durch seine Schwester, selbst Pfarrerin in Reichelsheim, die dort auf diese Weise versucht, die Kirche für Teenager interessant zu machen. Bahre freute sich, dass unter den drei Mädchen zwei ehemalige Konfirmandinnen waren. Er möchte in Zukunft weitere Aktionen im Rahmen der Jungen Kirche anbieten, sagte er.

„Hat es Spaß gemacht?“, fragte der Geistliche die drei Mädchen beim Abschluss, als es nach dem Aufenthalt in kühler Kirche und im Glockenturm einen wärmenden Früchtepunsch gab. Dreistimmig schallte ihm ein lautes „Ja“ entgegen. „Könnt ihr überhaupt schlafen?“, lautete die nächste Frage. „Kein Problem“, so die Jugendlichen. Da haben sie wohl eher ein Problem untereinander, wenn statt dem Glöckner ein anderer unruhiger Geist nachts keine Ruhe gibt, hieß es aus der kichernden Runde.

Ziemlich gruselig war’s für die drei aber doch einmal. Denn Gemeindediakon Ulrich Meyer stand am Ende des Dachgewölbes, angetan mit einem dunklen Talar (von Pfarrer Bahre) und einer Kapuze, und erschreckte sie. Wobei letztendlich wohl mehr der Aufstieg zum Uhrenraum den Jugendlichen zu schaffen machte. „Da gehe ich bestimmt nicht wieder hoch“, lautete ein schmunzelnder Kommentar.

Wie sie zur Teilnahme kamen? „Meine Mutter hat die Ankündigung in der Zeitung gelesen und vorgeschlagen“, meinte Pauline. Da Lea außerdem ihren Geburtstag feierte, nahmen es die drei zum Anlass, gemeinsam die Begegnung mit dem herumgeisternden früheren Geistlichen zu suchen. „Es ist blöd, dass wir die einzigen sind“, hätte sich Pauline noch ein paar Jugendliche mehr an dem einstündigen Spaß gewünscht.

Einen wahren Kern hatte die von ihm verfasste Geschichte des Pfarrers Rudelstein, so Roland Bahre – aber der Rest war frei erfunden. Beim Treffpunkt vor der Kirche erzählte der evangelische Geistliche zuerst die Historie vom „Glöckner von St. Martin“, einem ehemaligen Pfarrer, der vor mehr als zwei Jahrhunderten erschlagen worden war. Es ging darum, ihn zu befreien und die Kirche zu „entgruseln“.

In der Pfarrchronik konnten die drei Teilnehmerinnen mehr erfahren. Dazu mussten sie einige Stufen ins Turmarchiv emporsteigen und das angestrahlte Skelett als „stiller Wächter“ überwinden. Das Problem: Der Vorname des Geistlichen wurde nicht genannt. Doch genau den braucht es, um ihn zu erlösen. Also ging die Suche weiter. Im Dachgewölbe wartete dann der Grusel in Gestalt von Diakon Meyer.

Die Taufurkunde wiederum, in der der Vorname zu erfahren ist, befand sich am tiefsten Punkt der Kirche, dem Heizungskeller. Das „Lehrbuch der Theologie“ brachte schließlich Aufklärung, was das Wissen um den Namen sollte: Darin stand, wie wichtig es ist, dass bei einer Beerdigung der Vorname des Verstorbenen gesagt wird, „sonst erfährt dieser keine Erlösung“. Diesen von der Kanzel gesprochen, erfuhr die arme Seele endlich Ruhe.

 

Pfarrer Bahres Geschichte datiert zurück ins Jahr 1806, die Zeit vor dem großen Stadtbrand in Beerfelden. Pfarrer Rudelstein war ein geachteter, aber auch gefürchteter Mann. „Die Konfirmanden fürchteten seine jähzornige Art und er hatte auch etwas Gruseliges an sich.“ Überall wo er erschien, erschraken die Leute. Sie trauten sich nicht, den Pfarrer zu verägern.

Als in der Grafschaft Erbach-Fürstenau nach dem Tod des alten Herrschers ein neuer Graf die Macht übernahm, ordnete dieser den Ausbau aller Kirchenfenster in seinem Machtgebiet an. Sie sollten im ERrbacher Schloss neu aufgebaut werden, damit er sich als Freund der Künste dort an ihnen erfreuen konnte. Doch die Beerfelder Bürger weigerten sich. Als dem Pfarrer mit Gefängnis gedroht wurde, ließ er es in einer Nacht- und Nebel-Aktion geschehen.

Wissend um den Zorn der Bürger, wenn diese es bemerkten, verschwand er ebenso plötzlich von der Bildfläche. Als der Pfarrer dann nicht zum Gottesdienst erschien, wurde er von den Bürgern verflucht. Doch nach und nach geriet die Sache in Vergessenheit. Bis im Jahre 2006, genau 200 Jahre nach dem Verschwinden, nach Pfarrer Bahres Erzählung sonderbare Geräusche aus der Martinskirche kamen. Von Zeit zu Zeit war ein Wispern zu hören: „Befreit mich!“. Und genau hier setzte die Aktion an.

 

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