„Die Kirche steht nach wie vor mitten im Leben“: Visitation der evangelischen Kirchengemeinde Hirschhorn durch Besuchsgruppe aus Michelstadt

Die Besuchergruppe aus Michelstadt war angetan von dem, was in Hirschhorns evangelischer Kirchengemeinde passiert, wie groß das Interesse aus der Bevölkerung an Kirchenbelangen ist. Die vierköpfige Gästeschar war im Rahmen der Visitationen des evangelischen Dekanats Odenwald, zu dem kirchlich auch das im Kreis Bergstraße gelegene Hirschhorn zählt, zwei Tage am Neckar. Dabei sollten Möglichkeiten und Grenzen kirchlicher Arbeit erkundet werden.

Genau diese Thematik wurde in einem Gedankenaustausch betrachtet, an dem neben zahlreichen Mitgliedern des Hirschhorner Kirchenvorstands auch Personen des öffentlichen Lebens teilnehmen. Darunter der aktuelle Bürgermeister Oliver Berthold, die frühere SPD-Bürgermeisterin Ute Stenger, Apotheker Arnt Heilmann, Vertreter der katholischen Kirche sowie Stadträte und Stadtverordnete der Fraktionen von SPD und Profil.

Die Besuchsgruppe aus dem Odenwaldkreis wurde von Pfarrer Jost Mager angeführt, der seit 1994 in Michelstadt wirkt. Als alteingesessener Odenwälder „kenne ich Hirschhorn seit frühester Jugend“, sagte er – auch wenn er die Visitation vor Ort als solche hinterfragte. Gunter Miksch war als Gemeindeglied dabei, um einen Blick „von außen“ auf das kirchliche Leben zu werfen. Dr. Michael Trumpfheller ist seit 2009 im Kirchenvorstand aktiv, Volker Backöfer ist Kirchenvorsteher seit 1997 und zuständig fürs operative Geschäft.

Hirschhorns evangelischer Pfarrer Jörg Awischus sprach in seinen einleitenden Worten von der Kirche als einem „Ort der Bedeutung“, die man aber durch den eigenen „Tunnelblick“ vielleicht gar nicht richtig einschätzen könne. Denn die Relevanz von Kirche lasse spürbar nach, ihre Bedeutung sei nicht mehr so klar definierbar, „nicht mehr so selbstverständlich“, so der Geistliche. Allerdings ist für ihn ganz klar: „Wir brauchen die Kirche als Institution nach wie vor.“

Sowohl der Hirschhorner als auch der Michelstadter Pfarrer waren sich in der Einschätzung einig, dass die Verbindung von Tradition und Moderne schwierig ist. „Wir suchen die Quadratur des Kreises“, so Awischus. Mager sah die große Diskrepanz zwischen dem Anspruch einer Volkskirche und den zielgruppenorientierten Gottesdiensten, „die attraktiver sein müssen“. Auch solle man in der Kinder- und Jugendarbeit Zeichen setzen.

„Wir müssen uns gesellschaftspolitisch auf jeden Fall äußern“, ging Mager auf die Diskussion. „Als Christen dürfen wir nicht wegschauen, wenn auf der Welt Ungerechtigkeiten passieren“, meinte er. „Ich bin nicht Jesus“, sagte der Pfarrer mit Augenzwinkern. Er schaffe es nicht, die Gleichnisse aus der Bibel auf die heutige Zeit zu übertragen. Es gelte im allgemeinen Schrumpfungsprozess der Kirchen eine Antwort zu finden, die Entwicklung vielleicht auch als Chance zu betrachten. Denn: „Das Konzept der christlichen Werte wird ja positiv gesehen“, betonte er. „Jesus hat auch mit ganz wenigen Leuten angefangen.“

Ute Stenger sprach von den positiven Wirkungen, die Kirchenarbeit haben könne, wenn die an das Gotteshaus gerichteten Themen aufgenommen würden. Für Gert Heiß reicht das Vorhandene nicht aus, „um Kirche am Leben zu erhalten“. Das Angebot müsse möglicherweise besser werden. Reinhard Mauve kritisierte, „die Welt brennt, aber die Kirche merkt es nicht“. In den Gottesdiensten geht es ihm zu realitätsfern zu.

Was Mauve den Widerspruch von anderen Teilnehmern einbrachte, dass sie genau deshalb in den Gottesdienst kämen, weil dort Ruhe vor dem bunten und hektischen Treiben draußen herrsche, eine Wohlfühl- und Besinnungsatmosphäre. Profil-Vertreterin Andrea Weber wiederum betonte, dass die Gottesdienst-Erfahrungen subjektiv seien. „Ich nehme immer etwas mit“, sagte sie.

Bürgermeister Berthold sah in der Aufgabe der Kirche etwas „für die Seele“ zu tun, was Halt und Stärke geben solle. Sie habe in der Vergangenheit dazu beigetragen, „dass die westliche Welt eine bessere geworden ist“. Die christlichen Grundwerte seien allgemeingültig. „Ist es da so schlimm“, fragte Berthold, „wenn weniger Menschen in den Gottesdienst kommen?“

Mit seiner Vorvorgängerin Ute Stenger war er sich einig, dass die Rituale nicht mehr zeitgemäß seien. „Mehr Freude und Feiern“ wünschten sich beide mit Blick auf die Gottesdienst-Gestaltung. Apotheker Heilmann forderte, die Kirche solle sich „gesellschaftlich äußern, aber nicht einmischen“. Stadtrat Jan-Paul Adler sah sie als Gegengewicht zu den negativen Nachrichten, mit denen man sonst berieselt werde.

„Die Kirche stapelt tief“: Karl Schölch als stellvertretender Vorsitzender der katholischen Pfarrgruppe Neckartal forderte dazu auf, „Gutes zu tun und darüber auch zu reden“. Die Kirche sei das „Kompetenzzentrum für soziale Belange“, trage dies aber zu wenig nach außen. Awischus ergänzte, der Kirchenvorstand arbeite an einer Profilierung in gewissen Punkten, weil man einfach nicht mehr alle Erwartungen abdecken könne.

Trumpfheller bezeichnet es als „spannend zu sehen“, wie viele zu der Gesprächsrunde gekommen waren. Dies belege das nach wie vor vorhandene Interesse an der kirchlichen Arbeit. Und zeige ihm, dass die Kirche „nach wie vor mitten im Leben steht“. In Michelstadt bewegten ganz ähnliche Fragen, meinte er.

Backöfer würdigte, dass eine kleine Stadt wie Hirschhorn „so viel engagierte Leute hat“. Die Resonanz sei „eine Perle für sich“, spielte er auf den Beinamen der Stadt als „Perle des Neckartals“ an. Ob in Michelstadt so viele Menschen an einem Samstagmittag zum Gedankenaustausch zusammengekommen wären, „weiß ich nicht“.

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