Hessische Kabbeleien und Babbeleien mit Hintersinn: Kikeriki-Theater war mit „Achtung Oma“ in Beerfelden zu Gast

Da hat der Kasper nichts zu lachen. Er, der im ersten Akt noch den Briefträger gnadenlos runterlaufen lässt und den Beamten schier zum Wahnsinn treibt, ist danach selbst das Opfer. Nämlich seiner Oma, die ihn mit ihren Wünschen zur Raserei bringt. Wenn dann der Holz-Kasper in breitestem Hessisch vor sich hin mault, grummelt, schreit und zetert, dann sind die Zuschauer gleich mittendrin im „Kikeriki-Theater“, das diese mundartliche Selbstentblößung im Stück „Achtung Oma“ bis zum Exzess beherrscht. Gute Laune mehr als inklusive.

Im Hintergrund hängt eine volle Wäscheleine, daneben ein komisch anzuschauender Holzturm, auf der anderen Seite der Bühne wird etwas achtlos eine Leiter aufgestellt, in der Mitte ein Notenständer, rechts ein Akkordeon. Fünf Männer kommen auf die Bühne, etwas abgerissen, verwahrlost aussehend, die sich selbst als fahrendes Volk definieren. Und was sie danach an hessischer Wortakrobatik aus dem Mund fahren lassen, ist wirklich eine Klasse für sich.

Allein voran Roland Hotz, vor dessen Gosch sich jeder in Acht nehmen muss, der seine Aufmerksamkeit erregt. Und wehe das Publikum zieht nicht gleich mit, dann wird es frech angemacht, dass die Schauspieler ja nicht zum Spaß da seien. Da steht ein –neudeutsch Stand-up-Comedian – Vollblutkomiker auf der Bühne, der auf alles eine Antwort weiß. Egal wie weit er den Gürtel tiefer schnallen muss, damit diese noch darüber liegt.

Es folgt knapp zwei Stunden lang eine Hessisch-Lehrstunde mit ernstem Hintergrund. Denn die Fünf haben sich den Generationenkonflikt als Thema ihres Stücks ausgesucht. Von oben runter kommt das aber mit einem solch charmanten, schnoddrigen, dialekteingefärbten Ton, dass das Publikum gar nicht anderes tun kann – als zu lachen.

Ein Geheimnis des Erfolgsstücks ist die Unaufgeregtheit der Schauspieler. Spontaneität ist quasi Pflicht, kurzzeitige Hänger werden mit Humor überspielt, manchmal überholen sie sich beim Babbeln und Kabbeln selbst und kommen darüber ins Lachen. Die Zuschauer dürfen dabei auch nicht einfach still dasitzen. Das fängt damit an, dass es nicht nur in den Saal hinein-, sondern auch hinausschallen soll. Fragen müssen beantwortet werden. „Das üben wir gleich nochmal“, gibt’s nach der ersten, nur zaghaften Antwort zu hören.

Das Nonstop-Feuerwerk aus derb-frivolen Babbeleien und Kabbeleien genügt erst einmal sich selbst. Die Satzfetzen und Weisheiten fliegen nur so hin und her, Sinn und Zweck werden gerne auch mal ausgeblendet, wenn sich ein Wort das andere gibt und die Schauspieler am Ende nicht mehr wissen, wie der Anfang war.

Zur Story: Der Kasper will auf jeden Fall vermeiden, dass die stressige Oma zu ihm zieht und ihn täglich nervt. Denn die treibt ihn mit ihren „Kaaaaaaaaaasper“-Rufen zum Wahnsinn. Es geht um den Sex des Alters, das Essen. Wenn sie das nicht bekommt, lautet die Drohung sofortiges Ableben. „E Wurstplättche ohne Zervelatwurst“ und dazu noch ein Käs, „aber nix Abgepacktes“, gefolgt von was „Frisches ausm Garte“ (Gürkchen, Tomätchen und Silberzwiebeln – und das Anfang März), „e Tässche Kaffee und e schee Stücksche Tort“ sind weitere Wünsche, während sie mit den Zigarren die ganze Bude vollqualmt.

Was für den Kasper die Bedeutung von „OMA“ klar macht: „O mei Alptraum“. Deshalb beschließt er, ihren Hausbesitzer auf Seite zu ziehen und zum Einlenken zu bewegen, damit die renitente alte Dame weiter zuhause wohnen bleiben kann. Das mit allen Mitteln, auch als Oma oder „Omina“ verkleidet. Natürlich mit Erfolg, das ist klar, und zwischenzeitlichen Wendungen, die das Publikum vor lauter Lachen jubeln ließen.

Aber geht’s wirklich um die Erzählung? Eigentlich nicht. Zoten, Anekdoten, Kabbeleien, Babbeleien und Beschimpfungen stehen im Vordergrund, bei denen die Darsteller so lustvoll agieren, dass man nicht mehr weiß, ob das nun gespielt oder ernst ist. Dazu das extreme Tempo von Hotz‘ Schlappmaul, das sich fast schon selbst überholt. Wilde Wortkreationen inklusive: „Du sollst nicht begehren der Oma ihr Haus, sonst schlag ich dir die Zähne aus.“

Das Kikeriki-Theater gastierte zwei Mal in der proppenvollen Oberzent-Halle, wie sich die Finkenbacher Feuerwehr als Veranstalter freute. Um die 1000 Besucher aus allen Ecken und Enden des südlichen Odenwalds und benachbarten Badens waren es, die den Weg auf den Beerfelder Berg gefunden hatten. Seit über 20 Jahren gibt es die Darmstädter Comedy-Hall mit angeschlossenem Theater schon. In dieser Zeit haben weit mehr als eine Million Zuschauer die verschiedenen Vorstellungen gesehen. Inzwischen ist schon die zweite komödiantische Generation am Start.

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