Buchvorstellung „Am Krähberg donnern wieder die Motoren“ in Beerfelden – Blick auf die Krähbergrennen des vergangenen Jahrhunderts

Es war ein Treffen der Rennsport-Begeisterten, wie es in den vergangenen Jahren selten stattgefunden hat. Die Luft im Foyer der Alten Turnhalle flimmerte fast im Kerosin-Dampf, der bei der Buchpräsentation von Michael Schmitt in der Luft hing. „Am Krähberg donnern wieder die Motoren“ hat der 56-Jährige sein 352 starkes Werk überschrieben, das dem Motorsport am Krähberg im 20. Jahrhundert huldigt.

Nicht nur zahlreiche Interessierte wollten an diesem Teil Heimatgeschichte teilhaben, das den Namen des Odenwald-Hügels nach ganz Deutschland hinaustrug. „Ich bin völlig geplättet, wie viele ehemalige Fahrer erschienen sind“, freute sich Schmitt über die riesige Resonanz. Die Renn-Cracks, allen voran der 82-jährige Albert Pfuhl aus Otzberg, brachten sich auch immer wieder in die Buchvorstellung mit Anekdoten ein – was den Autor „absolut begeisterte“. Eine „ganz tolle Erfahrung“ für ihn.

Die Eröffnung hatte Dieter Borck, der Vorsitzende des Heimat- und Geschichtsvereins Oberzent, mit einer Glorifizierung der alten Zeit und des Krähbergrennens sowie seiner Bedeutung für die Region unternommen. Seine Schilderung, wie ganz Schöllenbach mitfieberte und hautnah am Fahrerlager dabei war, vermittelte ein anschauliches Bild der Zeit vor 50 Jahren.

Und dann Albert Pfuhl, quasi eine lebende Rennsport-Enzyklopädie. Dieser streute immer wieder einige Geschichten in die Präsentation von Schmitt ein, in der etliche alte Bilder aus den verschiedenen Phasen des Rennens gezeigt wurden. Benzingespräche über die Reihen hinweg waren die Folge. Bei Pfuhls geballter Erzählkunst ist es nicht verwunderlich, dass Michael Schmitt zusammen mit ihm an einer Biographie sitzt, die das Leben des Rennfahrers nachzeichnet.

Denn der verdiente sich seine ersten Sporen 1953 auf einer NSU Quick mit 98 ccm, mit der er in Hüttenthal in der 125ccm-Klasse startete – und sie gewann. Inspiriert hatte ihn die Teilnahme an der Winternachtsfahrt in Erbach kurz vorher, bei der er im Beiwagen mitfahren durfte. Dass in Pfuhl nach wie vor die Leidenschat für den Motorsport brennt, merkte man an der leidenschaftlichen Schilderung seines Autokaufs fürs erste Krähbergrennen.

20.000 Mark hob er 1964 bei der Darmstadter Sparkasse ab, um damit in Italien einen Abarth 1000 zu kaufen. Carlo Abarth war zu dieser Zeit ein bekannter Sportwagenhersteller, der sehr erfolgreiche Fahrzeuge konstruierte. Doch er verkaufte nicht an jeden. Für Pfuhl war es fast ein Glücksfall, dass er in der Firmenkantine Hans Herrmann traf, damals Mitarbeiter und bekannter Mercedes-Fahrer. Der vermittelte ihm nämlich den Kontakt zu einer Turiner Gräfin, bei der ein Ferrari 250 GT mit Aluminium-Karosserie und kurzem Radstand parkte, dessen ehemalige Besitzer mit diesem schon das 24-Stunden-Rennen von Le Mans bestritten hatten.

Wie Pfuhl erst den Preis runterhandelte und dann auch noch die Fahrt über den Gotthard-Pass mit Autopanne beschrieb, war eine Pracht. Denn er wollte unbedingt mit dem Auto am Krähbergrennen teilnehmen, das am nächsten Tag mit dem Training begann. Der heute 82-Jährige schaffte es trotzdem, pünktlich am Start zu sein und gewann – noch mit Turiner Kennzeichen – seine Klasse.

Eine frühere Rennanekdote gab Reinhold Hoffmann, heutiger Vorsitzender des MSTC Erbach, zum Besten. Um rechtzeitig im vorgegebenen Zeitrahmen ein Rennen abschließen zu können, schickte er alle Autos auf einmal zum Krähberg hoch, obwohl oben nicht genug Platz war. Das waren in diesem Jahr 220 Fahrzeuge. „Für die Veranstaltung wurde ich sehr gelobt“, sagte er. Aber am nächsten Tag musste er bei der Polizei vorstellig werden und kam ganz klein mit Hut wieder raus.

Eigentlich, meinte Michael Schmitt, wollte er nur die Rennen der Nachkriegszeit beleuchten. Aber bei seinen Recherchen förderte er noch so viel Material zutage, dass er auch die Zeit zuvor noch mit aufnahm. „Schon vor dem ersten Weltkrieg sind die Autos den Krähberg hochgefahren“, machte er deutlich. Mit allen möglichen Modellen.

Etliche Fahrer aus den Nachkriegsrennen von 1964 bis 1993 waren zur Buchpräsentation gekommen. Etwa Klaus Assmuth aus Mühltal, der bereits beim zweiten Lauf 1965 startete und dann mit kleineren Unterbrechungen bis ganz zum Schluss dabei war. Oder Gesamtsieger Klaus Koch aus Dreieichenhain. Dazu noch Erhard Thierolf und Horst Hafer aus Michelstadt, Werner Eckert aus Rimbach, Horst Fendrich aus Zotzenbach, Norbert Unger aus Wald-Michelbach, Jochen Seitz aus Bad König, Hubertus Hellweg aus Höchst oder Dr. Harry Niemann aus Heppenheim, um nur ein paar wenige zu nennen.

Auf Stoewer und Bugatti hatte Willy Cleer aus Frankfurt zwischen den Weltkriegen am Krähbergrennen teilgenommen. Aich von seiner Familie waren Vertreter gekommen. Außerdem Eberhard Grad zu Erbach-Erbach vom Grafenhaus, das die Rennen in den 20er Jahren in existenzieller Weise förderte. Vorfahr Alexander war selbst Fahrer und rief die Erbacher Grasbahnrennen ins Lebe. Der 2015 verstorbene Graf Franz II. startete 1965 mit einem Mercedes 300 SE am Krähberg.

Schmitt sichtete unter den Gästen außerdem diverse Vertreter von Automobilclubs, dazu mit Heinz Walther den Ehrenpräsidenten des MSTC Erbach, der für die Wiederaufnahme der Veranstaltung mitentscheidend verantwortlich war. Oder Peter Petit von Veith-Pirelli als Förderer des Motorsports im Odenwald.

Info: Michael Schmitt, „Am Krähberg donnern wieder die Motoren“, Die erstaunliche Motorsportgeschichte eines Odenwaldberges von 1911 bis 1993, herausgegeben vom Heimat- und Geschichtsverein Oberzent. Das Buch hat das Format 21 mal 26 Zentimeter und ist 352 Seiten stark. Es beinhaltet 440 Farb- und Schwarzweiß-Fotos. Preis: 29 Euro. Verkauf bei: Michael Schmitt, 64743 Beerfelden, Friedhofsweg 4, Telefon 06068/3371, E-Mail michael.schmitt3@gmx.net, beim Heimat- und Geschichtsverein im Museum der Oberzent, im regionalen Buchhandel sowie in den Tourist-Informationen Beerfelden und Erbach sowie im Erbacher Schloss.

 

 

 

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