Dunkles Zeitalter als bunte Erlebniswelt: „Heimdalls Erben“ veranstalteten am Erbacher Wiesenmarktgelände ein „mittelalterliches Spektakel“

Faszination Mittelalter. Das eigentlich dunkle Zeitalter kommt heutzutage als bunte Erlebniswelt rüber, die nach wie vor das gemeine Volk zu begeistern vermag. Der Odenwald ist bis auf wenige Veranstaltungen in dieser Hinsicht noch „Terra incognita“. Auch in Erbach ist der letzte Versuch, einen historischen Markt am Wiesenmarkt-Gelände zu etablieren, schon zehn Jahre her. Wenn man das Beiwerk des Bauernmarkts mal außen vor lässt.

Beste Voraussetzungen also für „Heimdalls Erben“ aus Biebesheim, einen neuen Versuch zu wagen. Mit Reiter- und Feuershow, mittelalterlicher Musik, orientalischem Tanz, Gaukelei und Spielmannskunst wurden die Besucher zwei Tage lang bei herrlichem Wetter bestens unterhalten. Dazu gab es noch reichlich „Fresserey und Sauferey“ aus früheren Zeiten – oder eher eine Annäherung an das, was man früher zu sich genommen haben könnte.

Veranstalter Holger Hörstkamp war mit dem Zuspruch bei der Auftaktveranstaltung recht zufrieden. Samstagnachmittag herrschte vor allem im Gastro-Bereich vor der Bühne immer ein stetes Kommen und Gehen, wenn sich auch die Reihen gegen Abend merklich lichteten. Der Sommer-Sonntag sorgte aber noch einmal für einen schönen Ansturm auf das Gelände mit seinen 50 Marktständen und Lagergruppen.

„Klein, aber fein“, nannte Hörstkamp den Erstling im Odenwald. In der Rheinebene veranstaltet er in der Regel um einiges größere Mittelaltermärkte. „Viel mehr Platz war eben nicht“, schmunzelte er mit Blick aufs Gelände. Nach Erbach kam der 53-Jährige Ende des vergangenen Jahres auch eher zufällig auf einen Tipp hin. Die Gespräche mit der Stadt verliefen gut, man war sich schnell einig und innerhalb von wenigen Monaten wurde der historische Markt aus dem Boden gestampft. Als Idee nimmt Hörstkamp mit, bei einer Wiederholung die Hallen mit einzubinden.

Auch wenn Heimdall als nordischer Gott dem Team seinen Namen gab, sind seine Erben eigentlich ein ganz traditionelles Familienunternehmen. Mutter Margarethe Hörstkamp sitzt an der Kasse, Vater Hans hilft trotz seiner 80 Jahre noch kräftig beim Aufbau mit und betreibt den Bratwurststand. Holger Hörstkamp wiederum steigt bei der Reitershow aufs Pferd und gibt im ewigen Kampf Gut gegen Böse mit Lust den schwarzen Ritter. Freundin Silke Müller schließlich zeigt als „Shanti“ orientalischen Bauchtanz.

Die Faszination für Hörstkamp ist es auch nach zwölf Jahren Veranstaltungsorganisation immer noch, „den Markt vom Papier in der Realität umzusetzen“. Manchmal sei es „wie ein großer Kindergarten, alle unter einen Hut zu bringen“, lacht er. Genehmigungen, Verträge, kurzfristige Absagen, Künstlerbuchungen, Absprachen vor Ort und vieles mehr sind aufwendig. „Es macht mir aber immer noch sehr viel Spaß“, betont er.

Tavaras heißt der Spielmann, der auf der Nyckelharpa für die eher ruhigen Töne sorgte. Rau, laut, derb dagegen die Spielleute von „Veytstanz“ auf der Bühne, deren Dudelsäcke schon eine ganz andere Durchdringung hatten. Allerlei mit Feuer hatte „Micha Feuerfresser“ in petto, der sich aber auch in vielfältiger Gaukelei versuchte. Orientalische Einflüsse brachte das Duo „Nojom At-Shary“ in die Veranstaltung ein.

Neben etlichen Verkaufsständen mit Fellen, Silberschmuck, Räucherwerk oder Gewürzen waren bei den Kindern vor allem die Mitmachangebote beliebt. Ob sie nun mit Erdfarben malen durften, sich im Bogen schießen versuchten, selbst Seife herstellten oder beim Schmied die eigenen Hufeisen formten: Immer bildete sich schnell eine Traube. Auch das Kamelreiten war ein Renner. Auch für die Erwachsenen gab es vielerlei Handarbeit zu bestaunen: so Lederarbeiten mit Metall, die Herstellung des eigenen Gürtels oder Schmuckkreationen nach eigenen Vorstellungen.

Großer Anziehungspunkt ist natürlich immer die Reitershow, wo Hörstkamp als schwarzer Ritter in schwarzer Metallrüstung bei den Temperaturen des Wochenendes heftig ins Schwitzen kam. Und dazu auch noch als Ger von Falkenstein immer der Böse sein musste, während sein Gegenpart Giso von Ebersbach die Lorbeeren als Retter der französischen Jungfrau einheimste.

Eigentlich hat Holger Hörstkamp ja einen ganz traditionellen Beruf gelernt. Er war früher als Kommissionierer in einem Lager tätig. „Irgendwann hatte ich keine Lust mehr“, erzählt er, schmiss hin, machte sich selbstständig und sattelte um auf Mittelalter. Ganz im Wortsinn: Denn seine ersten Sporen im Bereich „Living History“ verdiente er sich vor 15 Jahren auf der Ronneburg, wo er bei der dortigen Reitershow mitwirkte. Vor zwölf Jahren starteten dann die eigenen historischen Märkte rund um seinen Wohnort Biebesheim. Die zogen inzwischen Kreise bis nach Wiesbaden oder Losheim am See.

Daneben ist Hörstkamp mit seinen Reitershows aber weiterhin in ganz Deutschland und im angrenzenden Ausland präsent. Nicht nur im Bereich Mittelalter. Wikinger, Normannen, Hunnen: Viele Völker und Epochen werden abgedeckt. „In Holland haben wir auch schon einmal eine van-Helsing-Show gemacht“, schmunzelt er.

Info: Das nächste mittelalterliche Spektakel von „Heimdalls Erben“ findet am 6. und 7. Mai in Lampertheim nahe der Biedensand-Bäder statt. Öffnungszeiten: Samstag 11 bis 23 Uhr, Sonntag 11 bis 19 Uhr. Weitere Infos: http://www.heimdalls-erben.de

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