Jugendliche fürs Lesen begeistern: Jugendbuch-Autorin Antje Wagner stellte den siebten und achten Klassen der Oberzent-Schule ihren Thriller „Unland“ vor

Eigentlich ist die Lesung gar keine. Sondern eine One-Woman-Entertainment-Show von Jugendbuch-Autorin Antje Wagner, die es perfekt versteht, die Siebt- und Achtklässler an der Oberzent-Schule zu begeistern, mitzureißen, für ihr Buch „Unland“ und das Leben allgemein zu interessieren. Dazu trägt sie selbst am meisten bei: lebendig, quirlig, unkompliziert, immer einen flotten Spruch auf den Lippen, manchmal fast sich selbst überholend, lässt sie den Schülern kaum Pause zum Luftholen. Dass sich Wagnerin ihrer Sprache dazu noch der der Jugendlichen annähert, ist ebenfalls ein unübersehbarer Pluspunkt für sie.

Heldin des Romans ist die elternlose Franka. Die 14-Jährige muss von Berlin in ein Elbdorf mitten in Sachsen-Anhalt umziehen. Alles scheint friedlich, doch dann entdeckt das Mädchen immer mehr Ungereimtheiten und stößt auf ein unheimliches Geheimnis. 150 Schüler der beiden Klassenstufen vermag die Thrillerautorin mit dieser Geschichte zu fesseln. Das zeigen die vielen Fragen am Schluss. Wobei Wagner gleich schmunzelnd klar machte, dass sie nichts zum Fortgang der Geschichte verrät.

Die 43-Jährige erläuterte den Schülern auch, wie sich ein solcher Roman schreibt. Da gibt es zum einen den Spannungsbogen im Buch, zum anderen aber auch die Figurenspannung. Die kann dann „die Qualität eines Pageturners“ gewinnen. Dass der Leser also unbedingt weiterblättern will, um mehr über die Personen zu erfahren. Denn natürlich, erläuterte Wagner lachend, wird nicht gleich auf Seite 1 verraten: „Huhu, ich bin der Mörder“. Sondern es geht darum, die Leser so lange wie möglich im Unklaren zu lassen.

Für ihre Protagonistin Franka kann Wagner dabei aus eigenen Erfahrungen schöpfen. Denn sie wuchs ebenfalls in einem kleinen Elbdorf auf. Warum sich die Jugendliche so seltsam verhält, „klärt sich erst nach einer gewissen Zeit“. Die aktuelle „Kippauflage“, bei der das Cover durch waagrechtes Kippen ein neues Motiv erhält, bezeichnete sie als „voll cool“. Und vergaß nicht hinzuzufügen, dass das Buch als Schullektüre empfohlen sei. Das wusste man an der Oberzent-Schule bereits, sagte Leiter Bernd Siefert. „Wir haben einen Klassensatz in unserer Bücherei.“

Antje Wagner machte es vor, wie sich Jugendliche für Bücher interessieren lassen. Die Schüler lauschten gebannt, auch weil die Autorin wie ein Wasserfall redete. Da blieb keine Zeit für Unruhe. Sie zeichnete ein lebendiges Bild der Romanfiguren. Dazu band sie die Kids geschickt mit ein. „Ich weiß nicht, ob ihr das auch kennt“, gibt diesen das Gefühl, mittendrin in der Geschichte zu sein.

Wagner ist eine Meisterin der Nebelkerzen und unerwarteten Wendungen. „Kein einziger hat das Romanende vorher rausgefunden“, freute sie sich. Denn es gab so viele falsche Fährten, dass sich alle darin verirrten. „Die Leser wussten es eigentlich“, baute sie immer wieder Hinweise ein. Doch von diesen lenkte sie geschickt wieder ab. „Es passiert eine große Überraschung“, machte sie Appetit aufs Lesen.

Dass der Jugend-Thriller die jungen Leser in seinen Bann zieht, ließ sich an den Erzählungen der Autorin festmachen. Die bekommt viele Rückmeldungen ihrer jugendlichen Fans. Obwohl das Buch erst ab 13 Jahren ist, „ist meine jüngste Leserin schon acht“, meinte sie. Die verschlang den Roman in drei Tagen heimlich im Bett mit der Taschenlampe. „Die schnellsten schaffen es in einem Tag“, wusste sie. Normal sind so vier bis fünf Tage, wenn man sich etwas Zeit lässt.

Die Komplimente ihrer Fans gibt die 43-Jährige gerne zurück. „Die Schüler haben Bock und sind gut vorbereitet“, stellte sie in Beerfelden fest. Dazu kommt noch „eine super Organisation“ ihrer Lesung. Für sie ist es schön anzusehen, „wenn man Jungs mit einem Buch auch kriegt“. Denn die stehen sonst mehr auf Spiele und nicht so aufs Lesen, meinte Wagner. Bei den Fragen an der Oberzent-Schule ging es diesmal nur ums Buch, schmunzelte sie. „Sonst werde ich auch mal nach meinem Mann, Auto oder Klamotten gefragt.“

„Antje Wagner schafft es, Kinder zu begeistern und bei ihnen die Liebe zur Literatur zu wecken“, meinte Schulleiter Bernd Siefert in seiner Begrüßung. Zum siebten Mal nahm die Oberzent-Schule am „Leseland Hessen“ teil. Darüber wird die Lesung auch finanziell unterstützt. Bereits zum dritten Mal war Wagner zu Gast. „Sie macht das einfach am besten“, sagte Deutschlehrerin Angelika Gugau-Keursten. Mit im Organisationsboot war neben den Deutschlehrerinnen der siebten und achten Klassen auch die Bücherstube Setzer aus Beerfelden. Hier ließen sich die Romane erstehen, die dann von der Autorin signiert wurden. Für die ist es „ganz wichtig“, mit Jugendlichen-Gruppen zusammenzutreffen. Denn dadurch „komme ich wieder in deren Sprache rein“. Außerdem erfährt Wagner, „was diese Generation interessiert und für sie relevant ist“.

 

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