Die Oberzent-Fusion: Wahrhaft historisch

„Willkommen Oberzent“: Nicht mehr lange hin, und es entsteht im südlichsten Zipfel Hessens eine neue Stadt durch den Zusammenschluss von vier Kommunen. Die erste freiwillige Fusion seit der Gebietsreform vor über 40 Jahren, eine Pionierleistung, ein historischer Moment: Mit Superlativen wurde beim Festakt der hessischen Landesregierung in der Alten Turnhalle nicht gegeizt. Gemeindevertreter, Verwaltungsmitarbeiter, Abgeordneter und Vereinsvertreter waren dazu eingeladen. Festredner war Innenminister Peter Beuth.

Die Fusion zum 1. Januar bezeichnete der Staatsminister als „wahrhaft historisch“. Es geschehe etwas Neues für ganz Hessen. Den Festakt für die Geburt der neuen Stadt Oberzent betrachtete er als eine Art Hochzeitsfeier, „in deren Mittelpunkt die Brautleute stehen“, die neben Glückwünschen auch Geschenken erhalten.

Ein solches, erhofftes und erwartetes, hatte er wie vom kommenden Staatsbeauftragen Egon Scheuermann angedeutet im Gepäck: eine Entschuldungshilfe des Landes für die neue Stadt von 4,5 Millionen Euro. Damit verbleiben bei Oberzent noch 4,3 Millionen an Krediten. Die Pro-Kopf-Verschuldung reduziert sich laut Beuth durch diesen Schuldenschnitt von 840 auf 420 Euro. Beste Startbedingungen, um zu gestalten anstatt nur zu verwalten – ein Wunsch, der an diesem Abend mehrfach geäußert wurde.

Ohne dass jemand dahinter steht, die Entwicklung vorantreibt, in schwierigen Momenten nicht nachlässt und weiter am Ball bleibt, könnte aber eine solche Entwicklung nicht gelingen, hob der Innenminister hervor. Und hier kommen die vier langjährigen Bürgermeister von Beerfelden, Rothenberg, Hesseneck und Sensbachtal ins Spiel.

„Sie haben es von Anfang bis Ende durchgestanden“, meinte Beuth mit Augenzwinkern. Die „herausragende Pionierarbeit“ wollte er in besonderer Form würdigen: durch den hessischen Verdienstorden am Bande, den der Staatsminister Gottfried Görig, Egon Scheuermann, Thomas Ihrig und Hans Heinz Keursten ans Revers heftete. Die vier hätten „wirklich Großartiges geleistet“, meinte er in seiner Laudatio.

Die Fusion betrachtete Beuth als „deutlich mehr als eine Vernunftehe“. Ob sie letztendlich eine Liebesheirat sein werde, wollte er den Bürgern überlassen. Denn die müssten die neue Stadt mit Leben erfüllen. Der Innenminister zeichnete den Weg vom Grenzveränderungsvertrag als Ergebnis monatelanger Beratungen bis hin zum kommenden Zusammenschluss mit den vielen auf dem Weg liegenden Aufgaben wie Wappen, Postleitzahl, Straßennamen oder Ortsrecht nach.

Damit es überhaupt zu einer Fusion kommen konnte, schuf die Landesregierung in den vergangenen Jahren einige rechtliche Voraussetzungen, beleuchtete der Staatsminister. Im Vorfeld der Namensfindung habe es „einen beispiellosen Beteiligungsprozess“ gegeben, lobte er. Inklusive mancher doch recht unkonventioneller Vorschläge. Beuth wies darauf hin, dass sich der Name Oberzent schon früh abgezeichnet habe und bereits heute in vielen Formen existiere – bei Schule, Geschichtsverein und Mitteilungsblatt. Ein neuer Stadtname musste her, sonst wäre es keine Fusion auf Augenhöhe gewesen.

Richtung Landrat Frank Matiaske meinte er, dass der Odenwaldkreis damit nur noch zwölf statt bisher 15 Kommunen zähle. Seit der Jahrtausendwende habe sich immer drängender die Frage gestellt, wie die Entwicklung im ländlichen Raum weitergehen kann. Ein „Weiter so“ hätte es in der Oberzent nicht geben können. Denn die Gemeinden hatten immer weniger eigene Mittel zum Gestalten.

Mit dem Zusammenschluss fanden die vier Kommunen darauf eine Antwort. Diese sei „ein eindrucksvoller Beleg, dass gut vorbereitete Fusionsbestrebungen durch die Bürgerschaft mitgetragen werden“, wies er auf die hohe Zustimmung beim Bürgerentscheid hin. Jetzt könne man beruhigter in die Zukunft blicken, weil sich neue Chancen durch eine bessere finanzielle Ausstattung ergeben.

Lob für Christian Kehrer vom Innenminister. Weil der Projektleiter Fusion beim Kommunalservice Oberzent einen Leitfaden für die freiwillige Fusion von Gemeinden in Hessen erstellt, leistet er laut Innenminister Peter Beuth „Pionierarbeit“. Davon werden in Zukunft viele profitieren. Den Gästen war das einen lang anhalten Applaus wert.

Launige Unterhaltung, komische Elemente, ein paar Scherze, dazu aber auch handfeste Aussagen – und natürlich zum Schluss ein reich gedecktes Büffet: Der Festakt zur Oberzent-Fusion in der alten Turnhalle war bei allen Reden doch kurzweilig gehalten. Dafür sorgten Moderator Johannes Scherer mit seiner flapsigen Art, der dem Abend eine lockere Atmosphäre gab, und „Bürgermeister-Kandidatin“ Herta Wacker (Marlene Schwarz), die etliche Lacher auf ihrer Seite hatte, als sie den Wahlkampf durch den Kakao zog.

Umrahmt wurde die Veranstaltung von der Blaskapelle Gammelsbach unter der Leitung von Horst Pertersik mit schmissigen Weisen. Sängerin Nora Wieprecht gab den verschiedenen Stücken ein ganz besonderes musikalisches Aussehen. Er hätte sich nicht träumen lassen, „Zeitzeuge bei der Geburt einer neuen Stadt zu sein“, meinte Scherer. Der Moderator schmückte seine einleitenden Worte mit einigen Details zum neuen Gebilde, das am 1. Januar aus der Taufe gehoben wird.

Es entsteht an der Grenze zu Baden-Württemberg die flächenmäßig drittgrößte Stadt Hessens mit nur 10.125 Einwohnern. Sie habe sogar schon einen Wikipedia-Eintrag mit Bürgermeister, obwohl der erst am 29. April gewählt werde, flachste Scherer. Nämlich Egon Scheuermann, der jedoch „nur“ als Staatsbeauftragter die Geschäfte führt. Der Genannte freute sich über den Besuch von Innenminister Peter Beuth, da dieser nie mit leeren Händen komme.

Scheuermann blickte fünf Jahre zurück, als die ersten Gespräche mit der Landesregierung stattfanden. 2013 habe man dann ein Strategiepapier in die kommunalen Gremien eingebracht und damit „die Diskussion über die Veränderungen angestoßen“. Es folgten Machbarkeitsstudie (2015) und Bürgerentscheid (2016). Dieser brachte mit 82,6 Prozent Zustimmung zu Fusion ein „sehr beeindruckendes Ergebnis“. Mit dem Grenzänderungsvertrag und seiner Genehmigung im September nannte er weitere wichtige Eckpunkte.

In diesem Zusammenhang wertete es Scheuermann als wesentlich, dass die involvierten Kommunalpolitiker „nicht nur auf den Augenblick schauten, sondern in die Zukunft blickten“. Die am Prozess Beteiligten „waren nicht auf den eigenen Vorteil bedacht, sondern wollten das Beste für alle“. Die Oberzent habe viele Stärken und Qualitäten. Diese Vorteile gelte es nun durch die sich bietenden Chancen zu nutzen.

„Das Ziel der Fusion ist nicht die Personaleinsparung“, betonte Scheuermann nachdrücklich. Vielmehr soll eine qualitativ und quantitativ gut aufgestellte Verwaltung geschaffen werden. „Unsere Mitarbeiter arbeiten aktiv an den Veränderungen mit“, sagte er. Durch Veränderungen werde es möglich, Bestehendes zu bewahren, hob der Staatsbeauftragte hervor. Stillstand sei Rückschritt. „Wir müssen uns verändern, um Akzente für die Zukunft setzen zu können“, sagte er. Durch die bessere finanzielle Ausstattung „können wir wieder gestalten statt nur die verwalten“.

Scherer war es dann, der sich süffisant über den Namen und die Bezeichnung seiner Bürger ausließ (Oberzenter oder Oberzentner – Oberzentler waren es später bei Landrat Frank Matiaske). Der griff auch gerne Scherers saloppe Formulierung des Gebietszuschnitts als „Kochkässchnitzel“ auf, um die große Ausdehnung zu verdeutlichen. Matiaske bezeichnete es als Herausforderung für die künftigen Gremien und die Bürger, sich mit der neuen Stadt Gehör zu verschaffen.

Der Landrat wies auf den neuen Zukunftsreport 2018 hin. Darin heiße es, dass sich der Zustrom in die Ballungsräume bald umkehren werde. Somit könnte es in den nächsten Jahren eine Renaissance des ländlichen Raums geben. Die Oberzent sei durch die Fusion „fit für die Zukunft“. Die Stadt darf seinen Worten zufolge dann nicht nur auf dem Papier stehen, sondern müsse auch im Herzen der Menschen wachsen. Einen Fortschritt „können wir alle nur gemeinsam erreichen“. Deshalb wünschte sich der Kreispolitiker eine Begleitung des neuen kommunalen Gebildes von der Geburt über Kindergarten und Schule bis ins Erwachsenenalter.

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