Eine Kastanie erinnert nun an die frühere Rothenberger Selbstständigkeit

Eine Kastanie wird vor der evangelischen Kirche künftig an das Ende der 668 Jahre währenden Rothenberger Selbständigkeit erinnern. Von den Frauen der Weiberfastnacht stammte die Idee, bei der Realisierung wurden sie vom Verkehrs- und Verschönerungsverein (VVR) unterstützt. Das notwendige Fleckchen Erde steuerte Ingrid Braun bei. Die Schaufel durfte der scheidende Bürgermeister Hans Heinz Keursten schwingen und damit dem Baum einen nährstoffreichen Untergrund geben.

„Meer bleiwe Rourebäjer Meed“ hieß es auf der Vorderseite der Schärpe, mit der die Fastnachtsfrauen zum festlichen Lied antraten. Dass sich hinten der Name Oberzent den verlängerten Rücken hinab zog, sei natürlich völlig ohne Hintergedanken, versicherten sie schmunzelnd. Und nein, es handelte sich auch nicht um eine Trauerweide. Nach ein paar einleitenden Liedern des VVR-Vorsitzenden Thomas Wilcke ging dieser auf den Anlass der Zusammenkunft ein.

Nachdem Rothenberg 1999 seine 650-Jahr-Feier beging, aber sicherlich noch um einiges älter ist, geht 668 Jahre nach der ersten urkundlichen Erwähnung die Zeit der Selbständigkeit zu Ende. Die Gemeinde wird Teil der Stadt Oberzent. Diese sei demokratisch legitimiert, betonte Wilcke. „Demokratie lebt von der Mitgestaltung.“ Deshalb appellierte er an die Bürger, wählen zu gehen und selbst aktiv zu werden. Man solle in der künftigen Stadtverordnetenversammlung und in den Ortsbeiräten mitwirken.

Die reichsunmittelbare Herrschaft Rothenberg gehörte nur wenige Jahre zur Grafschaft Erbach und damit zum Amt Freienstein, auch die „Oberzent“ genannt, führte er aus. Fast 300 Jahre Hirschhorner Herrschaft, die Herren von Cornberg, Degenfeld, Erbach und die Darmstädter Großherzöge hätten Spuren feudaler Macht hinterlassen, so Wilcke. Dies politisch und religiös, was sich noch heute durch die beiden evangelischen Kirchen zeige. Abgelegen und doch politisch interessant, sei die Bevölkerung immer in das konfessionelle Hin und Her einbezogen gewesen.

Anfang des 19. Jahrhunderts wurde Rothenberg mit Hainbrunn, Unter-Finkenbach und Kortelshütte zur Gemeinde. Die gleichnamige Herrschaft gab es nicht mehr. Die Gemeindeakten drücken laut Wilcke das Selbstbewusstsein der Bürger sowohl gegenüber der Obrigkeit in Kreis und Land als auch die Renitenz der Ortsbürger gegenüber dem Bürgermeister aus, erläuterte er: „Man wollte bei wichtigen Entscheidungen gefragt werden.“ Nach der Gemeindereform in den 1970er Jahren kamen noch Finkenbach, Hinterbach und Raubach dazu.

Der VVR-Vorsitzende wünschte sich, dass aus der Fusion keine Konfusion wird. „Bringt euch selbstbewusst in die Gremien der Stadt Oberzent ein“, forderte er. Jedes Ende ist ein neuer Anfang, hob Wilcke hervor. Der Baum sei noch jung und wurzle in der Vergangenheit, jedoch „mit viel Lust, in der Zukunft zu wachsen und zu gedeihen“.

Die Idee zur Aktion entstand aus der Weiberfastnacht heraus, erläuterte Ingrid Braun. Es kam der Gedanke auf, auch ein Lied zu diesem Anlass zu präsentieren. Da der „Baum im Odenwald“ etwas langweilig war, wurde der Text kurzerhand für Rothenberger Zwecke umgedichtet. „Was hier bald wird zur Oberzent, ist Rothenberg gewesst“, heißt es nun. „So manche Straße ändert sich und auch die Postleitzahlen“, sangen die Frauen.

Ist das Bäumchen jetzt noch so klein, „wird es doch in Zukunft ein echter Rothenberger sein“, texteten die Fastnachterinnen weiter. „Bald sind wir nun die Oberzent, selbst dann wird er erblühen“, ging die Strophe weiter. Trotz aller neuen Stadt: „Es ist uns allen klar, meer blewe Rourebäjer Meed, sou wie es immer war“, schlossen die Sängerinnen mit einer gehörigen Portion Wehmut. Zur Stimmungsaufhellung gab’s im Anschluss weißen und roten Glühwein sowie Kuchen und Gepäck, damit sich die vielen frierenden Zaungäste stärken und wärmen konnten.

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