„ØL“ bringt mit knalligen Rocksongs im Michelstädter Hüttenwerk den Schnee zum Schmelzen

Wohl der Musikgruppe, die bei dem Mistwetter kurz vor Silvester ein Heimspiel hatte. Draußen schneite es dichte Flocken, drinnen drängten sich trotz des mühseligen Anfahrtswegs viele Gäste im Hüttenwerk, um zum zweiten Mal in diesem Jahr dem Konzert der Odenwälder Band „ØL“ zu lauschen. Denn sie wissen, was sie von dem Quintett zu erwarten haben: schnörkellosen Independent-, Alternative-, aber auch melodischen Mainstream-Rock. Und das ohne Pause zweieinhalb Stunden lang.

Würde „ØL“ nicht „ØL“ heißen und hätte einen weniger sperrigen Namen, dann wäre die Band bestimmt weit über den Odenwald hinaus bekannt. Denn die Songs haben bis auf ein paar Ausnahmen Hitpotenzial, sind eingängig, haben griffige Refrains, oft auch zum Mitsingen. Gepaart mit der Spielfreude der fünf Musiker, die sich die Moderation manchmal fast von den Lippen abringen müssen, eine Kombination, die unter den Fans bestens ankommt.

Über zwei Jahrzehnte gibt es die Gruppe bereits. Die Gründungsmitglieder Sebastian Schimmer (Gesang und Gitarre) sowie Schlagzeuger Sascha Brandel bilden das Fundament. Was auf den Studio-Einspielungen eher bisschen glattgebügelt rüberkommt, lebt auf der Bühne von der überschäumenden Spielfreude.

Das Quintett geht ziemlich schnörkellos zu Werke. Ausufernde Gitarren- oder Schlagzeug-Soli zur Selbstdarstellung gibt es praktisch nicht, kein Stück hat mehr als drei oder vier Minuten. Musikalisch lässt sich die Band in keine Schublade stecken. Einem richtigen Rocker dürften ein paar der Songs zu soft sein. Manchmal kommt ein Stück fast balladesk daher. Allerdings ist ja bekannt, dass Rockmusiker die schönsten Schmusesongs schreiben. Siehe Extreme mit „More than words“ aus dem Jahr 1990.

Auf der anderen Seite rockt das Quintett dann so überraschend wieder los, dass die Hosenbeine vor lauter Bass- und Bassdrum-Vibrationen flattern. Punk- und Indierock-Einflüsse sind manchmal unverkennbar. Manche Riffs erinnern an Fischer Z, Fury in the Slaughterhouse lässt sich auch wenig heraushören, zum Schluss wird’s dann monumental wie bei U2. Durch spacige Keyboard-Töne schleicht die eine oder andere progressive Komponente ein.

Ein eingeschobener Unplugged-Teil lässt den weichen Kern der harten Männer zum Vorschein kommen. Aber nach vier Songs ist damit Schluss. „Feeling“, „Girlfriend“ oder „Somebody Else“ zeigen die Band dann wieder von ihrer bekannten Seite. Bei „Come on“ gibt’s zuerst den Weichspüler, während in der Mitte der Break kommt und die Ballade flugs kräftig runtergerockt wird.

Frontmann Sebastian Schimmer ist wie ein Dopsball auf dem Bühne unterwegs und steckt seine ebenfalls stehenden Kollegen Marcus Hartmann (Bass) und Jens Weimar (Gitarre, Gesang) mit seinem Bewegungsdrang immer wieder an. Drei Mann wie auf Kommando hopsend: Das hat was. Keyboarder Dirk Weimar ist eher einer von der stoischen Sorte, während sich Sascha Brandel an seiner Schießbude kräftig abarbeitet.

„Out there“ oder „Sun in my Hand“ sind druckvolle Rockstücke, die einen mit offenem Mund staunen lassen, was der Odenwald an perfekten Bands alles hervorbringen kann. Der mächtige Sound, kurze, knackige Riffs, melodiöser, mehrstimmiger Background-Gesang und ein dichter Tonteppich wabern durchs Hüttenwerk. Bleibt es bis zur Mitte des Auftritts vor der Bühne noch etwas leer, füllen sich dann die Reihen und die Fans trauen sich immer öfter mitzutanzen.

Ehrliche, handgemachte Rocksongs ohne Firlefanz hat die Band im Gepäck. „Hold your hand“ etwa oder „Brother“, bei denen die Post abgeht. Das wummernde Schlagzeug bei „One hey, one ho“ oder das Gute-Laune-Stück „Fine“ machen bei den Zuschauern so viel Lust auf mehr, dass die Band natürlich nicht Nein sagen kann.

Dass „ØL“ auch schmusig kann, zeigt „All in All“ als Zugabe. Mit „Heartbeat“ setzt die Band einen Knaller drauf, der eigentlich gar nicht als Rausschmeißer funktioniert. Denn schneller als jeder Herzschlag knallt Weimar ein Gitarrensolo raus, das so richtig abgeht. „Ballad of Wild“ lautet dann der harmonische Abschluss schon nach Mitternacht. Gehen will eigentlich keiner, denn draußen wartet der Schneematsch.

Die Erbacher Band ØL wurde im Mai 1996 gegründet. Durch erste Auftritte im Umland formierte sich rasch eine kleine Fangemeinde. Teile der Band initiierten das legendäre „Mosaiq“-Festival in Michelstadt. Nach einigen Besetzungswechsel in der langjährigen Geschichte fand sich im Jahr 2007 die aktuelle Formation zusammen. ØL war als vierte Band unter hunderten nominiert, um Bon Jovi im Sommer 2011 zu supporten. Die Single „Heartbeat“ wurde 2012 von einigen Sendern als EM-Songs ins Programm aufgenommen. Im September 2016 erschien das aktuelle Album „Decades“.

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Posted by Thomas Wilken on Sunday, December 31, 2017

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