(Stolper-)Steine schrubben gegen das Vergessen: Beerfeldener Oberzent-Schüler engagieren sich

„Stolpersteine reinigen – wider das Vergessen“ hatte die Oberzent-Schule ihre Aktion genannt, mit der der jüdischen Bevölkerung der Stadt am Berge gedacht werden sollte. Gleichzeitig ging es um die Erinnerung an die Verlegung der Stolpersteine im Jahr 2012 durch Gunter Demnig – 70 Jahre nach der Deportation der letzten Beerfelder Juden im Jahr 1942. Die Botschaft dahinter: „Das darf nie wieder passieren und auch nicht in Vergessenheit geraten.“

In den ersten beiden Schulstunden bereiteten sich die Sechstklässler mit verschiedenen Informationen auf das Thema vor. Da ging es um einen persönlichen Bezug durch Erinnerungen, das Interesse an der Thematik oder auch die heutige Ausgrenzung von bestimmten Menschengruppen. Anhand von Bildern bekamen die Schüler einen Eindruck von dem, was in den vergangenen Jahren unternommen wurde.

Durch einen Stadtplan aus dem Jahr 1905 ließ sich nachvollziehen, in welchen Häusern damals Juden wohnten. Auch wurde ein Bild der zerstörten Synagoge gezeigt, wo 2008 eine Gedenktafel angebracht worden war. Erwähnt wurde außerdem die Stolpersteinverlegung für Herbert Creutzburg im Juni 2016. Der war in den letzten Kriegstagen als „Fahnenflüchtiger“ von Nazi-Schergen auf dem Marktplatz gehängt worden.

Thematisiert wurde in den beiden Schulstunden daneben das Buch von Dirk Strohmenger, „Nationalsozialismus im Erbacher Landkreis“. Dort wird ebenfalls auf die Hinrichtung Creutzburgs eingegangen. Von besonderer Eindringlichkeit war ein Video mit dem zwischenzeitlich verstorbenen Franz Ulm, der als einfacher Soldat damals verantwortlich dafür war, dass der Verurteilte nicht in seiner Zelle Selbstmord beging. Auch die beiden Zeitzeuginnen Dr. Elisabeth Kellner und Hilde Bormuth kamen zu Wort.

Kellner, bei Kriegsantritt knapp 15 Jahre alt, schilderte ihre Eindrücke der damaligen Zeit. „Die Diktatur kam auf leisen Sohlen“, betonte sie. Persönliche Freiheiten seien meist in kleinen Schritten eingeschränkt worden. „Zuerst brannten die Bücher unliebsamer Autoren, dann die Synagogen und zuletzt die Menschen“, fasste sie in drastischen Worten die schleichende Entwicklung des Terrors zusammen.

Beim Gedenkgang der Klasse 6c hatten die 21 Schüler rote Rosen dabei. Diese wurden nach dem Sauberwischen der 19 im Stadtgebiet verlegten Stolpersteine an diesen abgelegt. Außerdem zündeten die Jugendlichen an der ehemaligen Synagoge ein ewiges Licht an und stellten es auf – „wider das Vergessen“.

Ellen Ihrig, die elf Jahre in Israel lebte, informierte die Schüler über den Umgang der Juden mit dem Gedenken an den Holocaust. Dieser sei trotz Hightech und modernem Lebensstil noch immer sehr präsent. Heute lebten in Israel  noch etwa 200.000 Menschen, die die Nazizeit überlebten. Viele von ihnen „wurden wie unsere Beerfelder Juden in Konzentrationslager verschleppt, gequält, mussten schwer arbeiten und bekamen kaum etwas zu essen“, erzählte sie.

In Jerusalem gibt es einen Berg, der Berg des Gedenkens heißt, erläuterte Ellen Ihrig. Dort wurde ein Museum mit dem Namen Yad Va Shem errichtet. Sein Ziel sei es, den vielen namenlosen Opfern wieder einen Namen zu geben und sich an sie zu erinnern, ihnen ein Denkmal zu setzen, damit sie nicht vergessen werden. Eines der vielen Denkmäler sei den 1,5 Millionen von Nazis ermordeten Kindern gewidmet. Darunter war laut Ihrig auch die elf 11 Jahre alte Hilde Reinheimer aus Beerfelden. Auch die ehemalige jüdische Gemeinde der Stadt findet man im „Tal der Gemeinden“, einem weiteren Teil des Museums.

Vor der evangelischen Kirche informierte Schulleiter Bernd Siefert über das Schicksal Creutzburgs und zeichnete dessen Lebensgeschichte nach. In der Kirche gab es im Anschluss Musikstücke von Lea Siefert (Klavier) und Leonie Braun (Altflöte) zu hören. Pfarrer Roger Frohmuth sprach Gedenkworte, bevor gemeinsam das Vater Unser gebetet wurde.

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