Das Leiden und die Pein von Victor Frankenstein als Musical

Die Zerrissenheit, der Schmerz, das Leiden von Victor Frankenstein sind förmlich mit Händen zu greifen: Marcel Lutz verleiht der 200 Jahre alten Kunstfigur von Mary Shelley im gleichnamigen Musical eine große Intensität. Seine Bühnenpräsenz in der neuen Aufführung der „OnStage“-Gruppe ist genauso bemerkenswert wie seine stimmlichen Fähigkeiten. Bei Bianca Maschemer als Elisabeth Lavenza kann man die Sorgen um ihren späteren Mann mit Händen greifen, so intensiv und berührend bringt sie musikalisch ihre Gefühle rüber.

Feierte die Gruppe vor zwei Wochen eine umjubelte Premiere auf der voll besetzten Bad Königer Freilichtbühne, so waren die Reihen in der Werner-Borchers-Halle deutlich gelichteter. Was der Begeisterung des Publikums aber keinen Abbruch tat, das die Leistung der 2016 gegründeten Gruppe am Schluss mit lang anhaltendem Applaus goutierte.

Meist in geheimnisvolles Halbdunkel getaucht, mit ansprechender, der Thematik angemessener Beleuchtung, wird mit fortschreitender Handlung immer deutlicher, wie Victor Frankenstein seine ganze Familie und den Freundeskreis mit seiner Obsession ins Verderben stürzt. Nach und nach sterben die ihn umgebenden geliebten Menschen, wenn er getrieben von seinem Forscherdrang Gott spielen will. Doch er merkt nicht, dass er mehr und mehr zum Helfershelfer des Teufels wird, den er mit seiner Kreatur unfreiwillig zum Leben verholfen hat.

Das Streben des jungen Wissenschaftlers, ein Wesen nach seinen Vorstellungen zu schaffen, schlägt grausam fehl. Verstoßen von seinem Schöpfer, macht sich die Kreatur (Thorsten Scholze) schlau und listig daran, Rache zu nehmen. Indem er erst die Familie heimsucht und ihm dann das Liebste nimmt: Elisabeth. Bianca Maschemer verkörpert in ihrer Rolle einfühlsam und mit ihrer klar akzentuierten Stimme die Verzweiflung, dem geliebten Mann nie wirklich nahe sein zu können, aber doch schwört sie ihm ewige Liebe.

Die Heirat der beiden scheint endlich Ruhe zu bringen, doch die Rache währt ewig. Schon in der Hochzeitsnacht schlägt die Kreatur grausam zu. Victor, nach dem Tod seiner Frau scheinbar zerfressen von Rachegelüsten, jagt sein Geschöpf um die halbe Welt nur um das Jagens willen, ohne Rücksicht auf sich selbst. Erst zum Schluss kommt er mit sich ins Reine, erkennt, dass es die Scham ist, die ihn antreibt, damit ihm die Kreatur verzeiht, was er getan hat.

Marcel Lutz leidet mit seiner Figur mit, moduliert seine wohltönende Stimme in allen Farben, um seine Gefühle zum Ausdruck zu bringen. Man merkt, dass die Handlung ganz auf ihn zugeschnitten ist, dass er auch stimmlich die Fäden in der Hand hält. Sein Kampf gegen sich selbst, gegen das Böse in sich, gegen die ihn verzehrende, in den Wahnsinn treibende wissenschaftliche Leidenschaft findet am Ende der Welt ihr Ende. Dramatik pur, die Liebenden fallen sich (nur in Gedanken wieder) in die Arme, der Wissenschaftler ist mit sich im Reinen, bevor er endlich seinen Frieden findet.

Die eigentliche Handlung ist eingebettet in eine Rahmenhandlung und wird erzählt in Briefen von Kapitän Robert Walton (Michael Schaper) an seine Schwester. Der ist mit einem Schiff unterwegs, um eine Passage zum Nordpol zu entdecken, jedoch hat das Eis der Arktis sein Schiff eingeschlossen. Er und seine Mannschaft nehmen einen Mann an Bord, der schwerkrank und am Ende seiner Kräfte ist. Der Mann kommt erst zur Ruhe, als er dem Kapitän seine Geschichte erzählen kann: Victor Frankenstein.

Aus der Riege der Darsteller ragen Marcel Lutz und Bianca Maschemer klar heraus. Thorsten Scholze als Kreatur schreit seine Wut, seine Rachegelüste, seinen Schmerz eindrucksvoll in einem Solo-Part aus sich heraus. Simon Wilk als Victors Jugendfreund Henri Clerval, Julia Kusch als Wilhelmina Frankenstein und Wolfgang Mutz als Alphonse Frankenstein haben weitere tragende Rollen. Leider stimmte das Lautstärke-Verhältnis von Musik und Gesang manchmal nicht, sodass die Stimmen etwas in den Hintergrund traten.

Info: Weitere Aufführungstermine am 1. September, 20 Uhr, Bürgerhaus Höchst/Odenwald, 15./16. September Kulturhalle Münster bei Dieburg (20/18 Uhr), 27./28. Oktober Willi-Salzmann-Halle Nidderau (20/17 Uhr). Mehr unter http://www.frankensteineinmusical.de

Zum Bericht geht's hier: https://hirschhorner.wordpress.com/2018/08/20/das-leiden-und-die-pein-von-victor-frankenstein-als-musical/Frankenstein – Ein Musical

Posted by Thomas Wilken on Monday, August 20, 2018

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