Mehrheit der Oberzent-Stadtverordneten sieht keine Notwendigkeit für eine Katzenschutzverordnung

In Oberzent wird es vorerst keine Katzenschutzverordnung geben. Ein entsprechender Antrag der Grünen, das Thema im zuständigen Ausschuss zu beraten, scheiterte in der Stadtverordnetenversammlung mit 14:16 Stimmen bei einer Enthaltung. Dem Punkt wurde von der Mehrheit des Gremiums derzeit keine Priorität beigemessen. Auch sah man aktuell keinen Handlungsbedarf, weil es keine Massen an freilebenden oder herrenlosen Katzen auf der Gemarkung gebe. Die Antragsteller waren anderer Meinung und verwiesen auf Aussagen aus den Tierheimen.

„Der Bestand ist in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen“, begründete Thomas Väth das Ansinnen seiner Fraktion. Die entsprechenden Einrichtungen, zu denen auch die Anne-Röth-Stiftung in Gammelsbach zählt, „werden mit Katzen überschwemmt und daher besteht dringender Handlungsbedarf“. Michelstadt habe bereits Mitte September eine Katzenschutzverordnung erlassen, sagte er. Väth betonte, dass auf die Verwaltung weder mehr Arbeit zukomme noch diese zusätzliches Geld aufwenden müsse. Vielmehr greife man damit den Tierheimen unter die Arme, die die Tiere dann schneller weitervermitteln dürften.

Chris Poffo (ÜWO) sah in Oberzent „nicht dieses große Problem“. Er hinterfragte, ob es sich prioritätsmäßig um einen Punkt handle, „der vorn angesiedelt ist“. Poffo wollte die Bindung von Ressourcen, die man für andere Themen brauche, verhindern. Ähnlich äußerte sich auch Frank Leutz (FDP). Thomas Ihrig (SPD) wollte erst einmal alle Infos aus dem Kreis zusammentragen und den Komplex dann zusammen mit der Gefahrenabwehrverordnung beschließen, „wenn das Ordnungsamt wieder adäquat besetzt ist“.

Oliver von Falkenburg (CDU) wies darauf hin, dass man laut Defintion des Deutschen Tierschutzbundes differenzieren muss zwischen freilaufenden Katzen, die einen Halter haben, und freilebenden bzw. herrenlosen Katzen. „Ihr Antrag ist auf freilebende bzw. herrenlose Katzen gerichtet, die Verordnung hingegen richtet sich an die Halter und an diejenigen Personen, die Nahrung frei zugänglich machen. Eine Katzenschutzverordnung knüpft bei den Haltern an und nicht wie im Antrag begründet bei den herrenlosen bzw. freilebenden Katzen für die sich keiner zuständig fühlt.“ Elisabeth Bühler-Kowarsch (Grüne) regte aufgrund der Äußerungen an, mit dem Punkt in den Umweltausschuss zu gehen und sich dort die Fachleute einzuladen. Vergebens.

Eine Katzenschutzverordnung ist dringend notwendig, um den ehrenamtlichen Tierfreunden Rechtssicherheit zu geben, betont Anne Röth. Sie bietet mit ihrer Stiftung Katzen in der alten Mühle am Ortseingang von Gammelsbach, von Beerfelden kommend, einen „Ort der Zuflucht“. Dass die entsprechende Verordnung von der Stadtverordnetenversammlung Oberzent abgelehnt wurde, ist für sie nicht nachvollziehbar. Sie wählt bisweilen drastische Worte, um ihr Unverständnis auszudrücken.

Röth zufolge würden sich die Kosten für die Tierheime, die von den Gemeinden anteilig bestritten werden, reduzieren, wenn es eine Kastrationsverpflichtung gäbe. Dann würden sich freilebende oder verwilderte Katzen nicht mehr unkontrolliert vermehren. Auch hätten die Katzenfreunde einen besseren Zugriff auf diese Tiere. Gleichzeitig sieht sie bessere Möglichkeiten zur Einwirkung, wenn Fälle von unsachgemäßer Tierhaltung oder Tierquälerei bekannt werden.

„Der Missbrauch an Tieren ist unglaublich“, zeigt sie sich empört. Gerade auf Bauernhöfen gebe es manchmal eine Vielzahl von Katzen, die weder richtig gefüttert noch gepflegt würden. „Das Thema ist leider schwer zu vermitteln“, sagt sie. In der Bevölkerung werde so getan, „als ob es keine verwilderten Babykatzen gibt“. Sie weiß von etlichen Fällen, die das Gegenteil belegen.

Ganz konkret geht Anne Röth auch die Stadt an: „Es ist schlimm, dass in Oberzent keine Öffentlichkeitsarbeit geleistet wird, um diesem Missbrauch eine Ende zu setzen“, beklagt sie. Stattdessen werde an sie verwiesen, wenn es um die Unterbringung von heimatlosen Vierbeinern geht. Anne Röth sieht sich am Limit. „Ich schaffe es finanziell nicht mehr“, sagt sie. 120.000 Euro kostet die Stiftung im Jahr der Unterhalt der Katzenzuflucht. „Von der Stadt gibt’s kein Geld.“ Im Gegenteil, das Tierheim Würzberg nehme nicht mehr als 30 Tiere auf und verweise dann auf sie.

Allein für die die Betreuung von Oberzent-Katzen wandte Röth in diesem Jahr bisher 8000 Euro auf, betont sie. „2017 war es noch mehr.“ Kater „Rocky“ etwa war in einem so schlimmen Zustand, dass es 900 Euro kostete, bis er wieder auf den Beinen war. „Das ist ein entwürdigendes Verhalten“, meint sie zur aktuellen Situation. Sie beklagt „die Grausamkeit gegenüber den Tieren in dieser direkten Form“. Die Stifterin schätzt den Bestand an herrenlosen Tieren im Oberzent-Bereich auf 500 bis 1000. „Von denen verrecken 90 Prozent“, wählt Röth klare Worte.

Gäbe es eine Katzenschutzverordnung, so die Tierfreundin, könnte sie Polizei und Veterinäramt rufen, wenn sie auf verwilderte oder nicht artgerecht gehaltene Tiere treffe. „Weil es Gesetz ist“, hebt sie hervor. Und die Leute brauchten eben Gesetze. Auch hätte der Umgang mit herrenlosen Tieren eine größere Rechtssicherheit.

Röth würde dann etwa vermeiden, mitsamt ihrer Mitarbeiterin von einem Bauernhof gejagt zu werden, weil sie sich dort um zehn Kätzchen kümmern wollte, erzählt sie. „Welcher Zacken würde denen aus der Krone fallen“, meint sie mit Blick auf die Stadtverordneten, wenn sie eine solche Verordnung beschlössen.

Für die Gemeinde wäre es sogar bares Geld: „Es würde tausende von Euro sparen, weil nicht mehr so viele junge Katzen ins Tierheim kommen“, erläutert sie. Einfach nur deshalb, „weil es dann eine Rechtsgrundlage gibt“. Auch für die Helferinnen in Beerfelden, die die Futterstellen betreuen. „Die werden teilweise angegangen“, weiß Anne Röth. Eine Verordnung beseitigt die Arbeit „im ängstlichen Bereich“.

Weitere Infos unter http://www.ar-stiftung.de

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