Oberzent-Schüler gedachten der Reichspogromnacht

80 Jahre Reichspogromnacht, 100 Jahre Weltkriegsende: Zwei deutsche Schicksalsdaten am 9. November, denen die neunten und zehnten Klassen der Oberzent-Schule gedachten. „Mahnung zum Frieden“ hieß das Oberthema des Rundgangs, der von der Schule aus über evangelische Kirche und ehemalige Synagoge zum katholischen Gotteshaus führte. Auf einem Teil des Weges waren auch Vertreter der muslimischen Ditib-Gemeinde mit dabei.

Brücken bauen, für den Frieden beten, die Geschichte nicht vergessen: Diese drei Punkte stellte Schulleiter Bernd Siefert während seiner Begrüßung in den Vordergrund. Vorbei am Versammlungshaus der muslimischen Gemeinde in der Marktstraße ging es dann in die gegenüber liegende Martinskirche. Dort freute sich Pfarrer Roger Frohmuth, dass über 200 Schüler den mittleren Teil des Kirchenschiffs füllten.

Nach dem Ersten Weltkrieg „gab es keine Sieger“, sagte er. Stattdessen lag Europa in Trümmern. In fast jeder Familie waren Verletzte oder Tore zu beklagen. Anhang von zwei kleinen Geschichten stellt er dar, wie schnell aus einem kleinen Streit eine große Auseinandersetzung entstehen kann. Aus Drohungen wurde ein Krieg der Völker. „So etwas darf es auf der Welt nicht noch einmal geben“, betonte der Geistliche. „Alles, was wir haben, ist auf Frieden aufgebaut.“ Für seine mahnenden Worte erhielt er Beifall von den Jugendlichen.

Mevlüt Erdogan, Vorstandsmitglied der islamischen Ditib-Gemeinde, eröffnete seine Begrüßung mit einem Koranzitat, den ersten Worten, die dem Propheten Mohamed offenbart wurden. „Es geht darin um Lesen und Lernen“, erläuterte er. „Wissen ist der Schlüssel“, sagte er. Gerade heutzutage, wenn sich eine Aussage oder ein Gerücht in Minutenschnelle übers Internet verbreite, „müssen wir lernen zu hinterfragen“, forderte er die Schüler auf. Man dürfe nicht alles ungeprüft übernehmen.

Die Jugendlichen könnten nicht nur von den Lehrern lernen, sondern auch von Gesellschaft, Nachbarn und Freunden. Man lerne gemeinsam und voneinander, „wir lernen, um die Welt gestalten zu können“, so Erdogan. Emily Zimmermann und Ronja Pehmüller gingen in ihren mahnenden Worten auf die mehr als 1400 zerstören Synagogen am 9. November 1938 ein.

Dieser Tag „bildete den furchtbaren Auftakt zur Shoah, dem Holocaust“. In ganz Deutschland gab es über 400 Tote. „Von guten Mächten“ rezitierten Nina Ruf, Sina Haas und Carolin Samstag sowohl in der Kirche als auch an der ehemaligen Synagoge, wo sich heute das „S‘Lagger“ befindet. Diese war in der betreffenden Nacht vor 80 Jahren zerstört worden. Im Gegensatz zu anderen in Deutschland zerstörten jüdischen Gotteshäusern wurde sie nicht gesprengt oder angezündet, da man in der Oberzent-Stadt noch das Trauma des großen Stadtbrandes von 1810 vor Augen hatte.

Um das Jahr 1900 gab es in Beerfelden noch über 100 jüdische Mitbürger. In der heutigen Judengasse wohnten keine Juden. Nur ein Weg führte durch die Straße zur Synagoge. Die Juden waren, das zeigt ein Stadtplan aus dem Jahre 1905, überall in der Stadt verteilt. Schon vor dem Novemberpogrom von 1938 war die jüdische Einwohnerschaft aber stark zurückgegangen. Viele emigrierten, vor allem in die USA.

Die letzten zwölf jüdischen Bewohner wurden im Herbst 1942 – über die Sammelstelle in Darmstadt – „in den Osten umgesiedelt“, wie die Nazi-Propaganda den Weg in die Vernichtungslager euphemistisch beschrieb. Ab Oktober 1942 gab es in Beerfelden keine Juden mehr. „Für diese Menschen haben wir 2012 die Stolpersteine verlegen lassen“, so Siefert. Er las die Eindrücke eines Augenzeugen vor, die dieser 50 Jahre nach 1938 wiedergegeben hatte. Julia Samstag sprach später in der katholischen Kirche zum Thema Frieden. Andreas Weinmann sang dort den Kanon „Herr gib uns Frieden“ und Pfarrer Richard Benner sprach den Segen.

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