Gudrun Ensslin-Biografie von Alex Aßmann: Ein Blick ins Deutschland der 60er Jahre

Alex Aßmann kommt gar nicht als der typische Uni-Professor rüber, wie man ihn klischeehaft erwartet. Bei seiner Lesung im voll besetzten Gewölbekeller des Rothenberger „Hirschs“ präsentiert sich der in Beerfelden aufgewachsene Erziehungswissenschaftler humorvoll, selbstironisch und lebhaft, wenn er aus seiner vor kurzem erschienenen Biografie „Gudrun Ensslin – Die Geschichte einer Radikalisierung“ liest. Der Verein „Generation Oberzent“ (GO) hatte zu der Veranstaltung eingeladen.

Der heute in Gammelsbach wohnende Aßmann war sich der Komplexität des eventuell trockenen Themas durchaus bewusst. Deshalb holte er sich immer wieder Rückversicherung der Gäste, dass es diesen nicht zu langweilig wurde. „Sollte einer von ihnen einnicken, ist das kein Problem, ich bin Hochschuldozent“, spielte er witzelnd auf verschlafene Studenten in seinen Vorlesungen an.

GO-Vorsitzender Erik Kadesch führte in einem kurzen Gespräch mit dem Autor ins Thema ein. Als Leiter der Polizeidirektion Bergstraße, der die RAF-Zeit „auch noch dienstlich erlebt hat“, wollte er die Motivation des Buches wissen. Aßmann kam über seine Mollenhauer-Biografie dazu, erläuterte er. Die meisten Menschen aus dem damaligen Umfeld Klaus Mollenhauers, mit denen er sich in jenen Jahren unterhielt, fanden auch im Rückblick ihre Radikalisierung, die sich – zumindest aus deren Sicht – extrem sprunghaft und in sehr viel kürzerer Zeit ereignet zu haben schien, besonders unerklärlich.

Was ihm insbesondere bei Gudrun Ensslin ins Auge stach, war das offensichtliche Zusammenspiel von Bildungsaufstieg und Radikalität im Lebenslauf. In den meisten Darstellungen zur RAF-Geschichte werde, wenn es um ihre Radikalisierung geht, eher die Rolle Andreas Baaders hervorgehoben. „Da wird meines Erachtens etwas zu sehr unterschlagen, dass Ensslin ja eigenständige Entscheidungen traf“, betonte der Odenwälder.

Das Buch beleuchtet dem Autor zufolge die Zeit bis 1969. „Dann ist der Absprung in die Radikalisierung abgeschlossen“, so Aßmann. Zu dieser Zeit gab es die RAF noch nicht, „nur die Idee einer bewaffneten Radikalisierung“. Vom Passbild der 23-jährigen Germanistikstudentin aus dem Jahr 1963 bis hin zum späteren Fahndungsfoto: Aßmann warf einen Blick auf die familiären Verhältnisse und Liebesbeziehungen Ensslins in diesen Jahren.

Beim Blick hinter die Fassade wurde deutlich, wie die hochbegabte Schülerin vermeiden wollte, zum bürgerlichen Leben einer Dorfschullehrerin verdammt zu sein und sich eher im mondänen Berliner Verlagswesen sah. Dazu noch das On-Off-Verhältnis mit Bernward Vesper – alle Zutaten einer Seifenoper Mitte der 1960er Jahre waren gegeben.

Genau hier liegt das große Plus des Buches: Es ist keine staubtrockene geschichtliche Abhandlung über einen bewegten Teil der deutschen Geschichte. Vielmehr schildert Aßmann in allen Farben die zwischenmenschlichen Irrungen und Verwirrungen rund um Gudrun Ensslin und ihren Bekanntenkreis, stellt diese in einen größeren Zusammenhang und zieht daraus Schlüsse, warum sich manches wie ereignet hat.

Ein im besten Sinne populärwissenschaftliches Buch, auf Fakten gestützt, das Historie lebendig vermittelt und zum Schmökern einlädt. Auf die heutige Zeit bezogen, könnte es „Berlin Tag & Nacht“ sein, was da vor dem geistigen Auge vorbeizieht. Aber mit dem Unterschied, dass Aßmann für seine Veröffentlichung monatelang in einschlägigen Akten stöberte und die dort gefundenen Quellen in einen flüssigen Zusammenhang stellte, der ein anschauliches Gesellschaftsbild der damaligen Zeit vermittelt.

„Ich war absolut positiv überrascht“, so das Fazit von Aßmann nach der Lesung. Nicht nur wegen der Anzahl der Leute, „sondern auch wegen der wirklich klugen und engagierten Fragen, die am Ende gestellt und diskutiert wurden“.

Alex Aßmann, Jahrgang 1977, studierte Sozialpädagogik, Soziologie, Philosophie und Erziehungswissenschaft in Ludwigshafen, Heidelberg und Frankfurt a.M. Aus Groß-Rohrheim stammend, wohnte er bis zu seinem 17. Lebensjahr in Beerfelden, bevor er nach Heppenheim und später nach Mannheim zog. Er promovierte 2008 an der Goethe-Universität Frankfurt mit einer Arbeit über „Pädagogik und Ironie“. Die Habilitation erfolgte 2015 an der Georg-August-Universität in Göttingen. Seit 2017 hat er eine Professur für Allgemeine Erziehungswissenschaft an der Universität der Bundeswehr in München.

Zum Inhalt: Im Fokus des Buches steht die Kehrtwendung von Gudrun Ensslins aus einer vornehmlich bürgerlichen Existenz zu einem Dasein im Untergrund. Diese Wende der späteren Mitbegründerin der RAF in die Militanz und den Terrorismus scheint sich ohne nennenswerten ideologischen Anlauf vollzogen zu haben. Bis ins Jahr 1967 nimmt Ensslin beispielsweise kaum an Demonstrationen teil. Im Vordergrund steht für sie der Aufstieg ins linksliberale Kulturestablishment der Bundesrepublik, eine geplante Dissertation über Hans Henny Jahnn, schließlich auch ihr Kind.

Der Tod Benno Ohnesorgs am 2. Juni 1967 markiert den Beginn ihrer Radikalisierung, die sie geradezu zur Kaufhausbrandstiftung und daran anschließend zur RAF-Gründung katapultiert. Folgt man dem Radikalisierungsverlauf Gudrun Ensslins durch die Bildungsinstitutionen hindurch, dann wird sichtbar, wie sich darin langsam das Erleben von Bildung und das von Radikalität immer ähnlicher werden.

Alex Aßmann rekonstruiert den Weg von der Studentenbewegung in den Linksradikalismus als Bildungsgeschichte. Ihren Ausgang nimmt diese Entwicklung in den 1940er und 50er Jahren, denen das besondere Augenmerk des Autors gilt. Sein Buch eröffnet auf diese Weise einen neuen Blick auf die RAF-Protagonistin und räumt mit weit verbreiteten Missverständnissen auf.

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