Die knalligen Rocksongs gehen runter wie Öl

Wenn die Odenwälder Band „ØL“ ihre Fans ruft, kann sie sicher sein, dass das Hüttenwerk aus allen Nähten platzt. Wie auch jetzt wieder beim Konzert rund um den Jahreswechsel. Die fünfköpfige Truppe aus Erbach und Michelstadt setzt dabei Jahr für Jahr auf Altbewährtes und liefert eine solide Mischung aus schnörkellosem Independent-, Alternative-, aber auch melodischen Mainstream-Rock, garniert mit ein paar Balladen. Und das ohne Pause zweieinhalb Stunden lang.

Über zwei Jahrzehnte gibt es die Band bereits. Die beiden Erbacher Gründungsmitglieder Sebastian Schimmer (Gesang und Gitarre) sowie Schlagzeuger Sascha Brandel bilden das Fundament. Michelstadt wird vertreten von Jens Weimar (Gitarre, Gesang) und Dirk Weimar (Keyboards). Marcus Hartmann (Bass, Gesang) zog es zwischenzeitlich von Erbach weg nach Stuttgart, aber für diverse Gigs kommt er natürlich zurück in die alte Heimat.

Was auf den Studio-Einspielungen eher bisschen glattgebügelt rüberkommt, lebt auf der Bühne von der überschäumenden Spielfreude. Die Songs haben bis auf ein paar Ausnahmen Hitpotenzial, sind eingängig, haben griffige Refrains, oft auch zum Mitsingen. Gepaart mit der Spielfreude der fünf Musiker, eine Kombination, die unter den Fans bestens ankommt.

„Jeder bringt bestimmte Einflüsse mit“, erzählt Jens Weimar. Das Spektrum ist ziemlich breit gefächert und reicht von Bands wie Nirvana bis hin zu aktuellen Pop-Produktionen (Coldplay oder Ed Sheeran). „Diese Einflüsse verbinden sich letztendlich zu unserer Musik.“ Die letzte Einspielung „Decades“ erschien 2016 zum 20-jährigen Bestehen der Band. „Wir sammeln momentan aber Material für ein neues Album“, kündigt der Gitarrist an. „Wann das rauskommt, steht aber noch nicht fest“, schmunzelt er.

Die Lieder entstehen im Wesentlichen aus Ideen der Mitglieder (hauptsächlich Sebastian Schimmer, teilweise Jens Weimar) und werden dann in verschiedenen Besetzungen im Proberaum ausarrangiert, sagt er. Für die Texte ist fast ausschließlich der Gitarrist verantwortlich. In voller Besetzung tritt die Gruppe derzeit nicht sehr oft auf. Es gibt aber auch eine „Unplugged“-Version von ØL, die im Wesentlichen aus Schimmer und Weimar besteht, teilweise noch Brandel. Diese abgespeckte Version ist 15 bis 20 Mal pro Jahr live zu sehen.

„Das Feedback ist überwiegend positiv“, freut sich Weimar. Die Musik von „ØL“ wird in Magazinen als nicht extrem spektakulär, aber ausgesprochen eingängig und zeitlos beschrieben, „was uns sehr freut“. Die Band hat nicht den Anspruch, „bemerkenswert innovativ zu sein“, witzelt er. Die Bandmitglieder wollen einfach nur Musik produzieren, „mit der wir uns identifizieren können“. Mit Erfolg: „Das persönliche Feedback, das wir bekommen, ist zumeist sehr positiv.“

Das Quintett geht ziemlich schnörkellos zu Werke. Ausufernde Gitarren- oder Schlagzeug-Soli zur Selbstdarstellung gibt es praktisch nicht, kein Stück hat mehr als drei oder vier Minuten. Musikalisch lässt sich die Band in keine Schublade stecken. Einem richtigen Rocker dürften ein paar der Songs zu soft sein. Manchmal kommt ein Stück fast balladesk daher. Allerdings ist ja bekannt, dass Rockmusiker die schönsten Schmusesongs schreiben.

Auf der anderen Seite rockt das Quintett dann so überraschend wieder los, dass die Hosenbeine vor lauter Bass- und Bassdrum-Vibrationen flattern. Punk- und Indierock-Einflüsse sind manchmal unverkennbar. Manche Riffs erinnern an Fischer Z, Fury in the Slaughterhouse lässt sich auch wenig heraushören, zum Schluss wird’s dann monumental wie bei U2. Durch spacige Keyboard-Töne schleicht die eine oder andere progressive Komponente ein.

Frontmann Sebastian Schimmer ist wie ein Dopsball auf dem Bühne unterwegs und steckt seine ebenfalls stehenden Kollegen Marcus Hartmann und Jens Weimar mit seinem Bewegungsdrang immer wieder an. Drei Mann wie auf Kommando hopsend: Das hat was. Dirk Weimar ist eher einer von der stoischen Sorte, während sich Sascha Brandel an seiner Schießbude kräftig abarbeitet.

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