Rothenberger Kirche soll wieder wie früher aussehen

Langmut ist Reinhold Hoffmann als evangelischem Pfarrer nicht unbekannt. Die braucht er derzeit auch bei der Renovierung der Kirche in der Ortsmitte. Start der Arbeiten war Mitte 2017. Damals ging man optimistisch von einem Jahr aus. Aktuell ist die Fertigstellung für diesen Sommer geplant. Doch die Verzögerung hat triftige Gründe: Bei der Sanierung wurden viele weitere Elemente der ursprünglichen Kirche entdeckt, die man natürlich erhalten möchte.

Im Juni vor zwei Jahren packten die Gemeindeglieder kräftig an. Als ersten Schritt galt es, die Inneneinrichtung auszuräumen und den Boden rauszuschlagen. An diesen musste man laut Hoffmann sowieso dran, weil Leitungen, eine Schleife für Audiogeräte und Bodentanks für Steckdosen verlegt werden mussten. Es soll später ein Sandstein-Boden wie zur Erbauung reinkommen.

Beim Ortstermin mit Harald Sillak von der gleichnamigen Holzbau-Firma, auch Mitglied im Kirchen-Bauausschuss, seinem Schwiegersohn Benjamin Geier und Architektin Steffi Holschuh ging es daneben um solche Kleinigkeiten wie die Form der Lichtschalter oder das Aussehen der Brüstung. Über allem stand die Frage „Wie rekonstruieren wir die Kirche im damaligen Zustand“, erläutert der Pfarrer.

Die 1962 erfolgte Erweiterung des Chorraums wird zum Teil wieder rückgängig gemacht. Die Sitzbänke werden an den Seiten um jeweils 60 Zentimeter gekürzt, damit man auch von dort reinrutschen kann. „Dann verliert es sich nicht so“, stellt Hoffmann den positiven Aspekt heraus. Es fallen dadurch 32 Plätze weg, womit noch 190 verbleiben.

Die Decken-Holzbalken wurde von zwei Restauratorinnen mit Bierlasur versehen, erklärt er. Dabei handelt es sich eine altertümliche Technik, „die heute kaum noch jemand beherrscht“. Den Klarlack brachte dann einer der örtlichen Weißbinder auf. Im Zuge der Arbeiten wurden über den Wandfenstern Risse entdeckt. „Die sollen gesichert werden“, so der Geistliche. Es handelt es sich aber nicht um einen Schaden, der die Substanz beeinträchtigt, beruhigt er. Vielmehr werde das durchs rechtzeitige Eingreifen verhindert.

„Die Bestandsuntersuchungen warfen jedes Mal neue Fragen auf“, ergaben sich daraus die Zeitverzögerungen. Es biete sich derzeit an diesem denkmalgeschützten Gebäude mit seiner langen Geschichte „die einmalige Gelegenheit“, möglichst viele Elemente aus der Vergangenheit wieder zum Vorschein zu bringen. Leider, bedauert Hoffmann, ist das nicht nur durch Restauration möglich, weil die Renovierung Anfang der 1960 Jahre den Untergrund zerstörte.

Sukzessive kamen unter dem Verputz alte Elemente zum Vorschein. Zuerst an einem Absatz im Schiffbereich sichtbar, entdeckte man dann eine Vorhangmalerei im Chorraum. „Danach haben wir geschaut, ob es Ornamente gibt“, schildert der Pfarrer die Suche. Tatsächlich wurde eine Ranke, ein florales Muster, gefunden. „Wir wollen die Kirche so wieder herstellen, wie sie damals gemeint war“, macht der Geistliche deutlich.

Je mehr vom Ursprünglichen zum Vorschein kommt, desto besser wird die Erinnerung der älteren Ortsbevölkerung aufgefrischt. „Als ich erzählte, die Kirchendecke wird wieder blau, meinten einige: Stimmt, das war sie ja mal“, schmunzelt er. Leider gaben die alten Schwarz-Weiß-Bilder diese Nuancen nicht her. Die Blautöne finden sich auch in den Fensterfarben wieder.

Die aufwändige Arbeit kostet (mehr) Geld. Ursprünglich auf 300.000 Euro veranschlagt, rechnet Hoffmann derzeit mit einem Drittel mehr. Zum Glück zahlt die evangelische Landeskirche von den 400.000 Euro zwei Drittel, weshalb sie auch in die Beschlüsse eingebunden ist. Der Rest sind Eigenmittel und Spenden. „Wir sparen seit zehn Jahren dafür“, macht der Pfarrer deutlich.

Deckenornamentik, Wände, Brüstung, Elektrik, Sandsteinboden und Bänke heißen die weiteren Schritte vor der geplanten Fertigstellung im Juni. Während der Bauzeit finden die Gottesdienste im evangelischen Gemeindehaus statt. Bei Bestattungen kann man in die benachbarte evangelisch-lutherische Kirche ausweichen.

Die evangelische Pfarrkirche wurde Anfang der 1880er Jahre anstelle eines älteren Vorgängerbaus aus lokalem Sandstein erbaut. Vorher stand an dieser Stelle etwa 500 Jahre lang eine Wehrkirche, die aufgrund Baufälligkeit aber abgerissen wurde. Es handelt sich um ein schmuckes neogotisches Bauwerk mit Querhaus und Polygonalchor, dessen spitzer Turmhelm aufgrund der Lage der Kirche im höchsten Teil des Unterdorfs weithin sichtbar ist, heißt es im Denkmalbuch. Im Bericht der Befunduntersuchung sind folgende zeitliche Einordnungen und Renovierungen aufgeführt: Juni 1882 bis September 1883 Bauzeit und Einweihung, ca. 1940 Renovierungsarbeiten während des 2. Weltkrieges, ca. 1960 oder 1963 Renovierung, danach Ausbesserungsarbeiten.

 

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