Fastnachter legen in Unter-Sensbach ihre Kappen ab

Er rief sie herein und alle kamen. „Invocavit“ (lateinisch „hereinrufen“) lautete der Titel des Gottesdienstes in der evangelischen Kirche Unter-Sensbach, in dessen Rahmen (am ersten Sonntag nach Aschermittwoch) das Kappenablegen der Sensbachtaler Fastnachter stattfand. Quasi ein „kirchlicher“ Abschluss der närrischen Tage und Start in die Fastenzeit bis Ostern. Pfarrer Roland Bahre freute sich über den guten Besuch dieser Premiere.

In den vergangenen Jahren hielt der Geistliche immer ein „lustiges Grußwort“, gemeinhin auch Büttenrede genannt, auf der Sensbachtaler Fastnacht. Da alles ein Geben und Nehmen ist, bewegte der Pfarrer die Narren mit seiner Überredungskunst dazu, doch auch mal ins Gotteshaus zu kommen. Nach dem Motto: „Wenn ich in die Bütt steige, können die auch in die Kirche gehen“, schmunzelte er. „Es ist schön, den Kontakt zwischen Kirche und Fastnacht zu haben“, betonte Bahre.

„Bewahrt den Narren in euch“, lautete die Kernaussage seiner Predigt. Denn, so sein Rückgriff auf den Korintherbrief, „auch das Christentum war in den ersten Jahren eine Narretei“. Dort steht zu lesen: „Wir aber predigen Christus, den Gekreuzigten, den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit.“

Die Sensbachtaler Fastnachter waren in großer Zahl erschienen, neben den Sitzungspräsidenten Thomas Johe und Marcel Daub auch Elferrat und Gardemädchen. Von befreundeten Verein aus Schönnen-Ebersberg, den Schönberger Fastnachtern, kamen Vertreter mit Sitzungspräsident Thomas Hallstein an der Spitze vorbei. „Alle waren sofort mit dabei“, unterstrich Johe das gute Verhältnis im Ort. „Ich musste nicht kämpfen“, lächelte er. Er zeigte sich erfreut über die große Resonanz.

Pfarrer Bahre wünschte sich, dass dieser „endgültige Abschluss der Fastnacht“ am ersten Sonntag der Fastenzeit zu einer schönen Tradition im Ort werden soll. Die Fastnachtzeit als „schöne, freudige Zeit“ gehört für den Pfarrer ebenfalls zum Leben wie die Hinwendung zu Jesus und dem Kreuzestod in der Fastenzeit. Die folgende Auferstehung sei wieder ein freudiges Ereignis.

Ob denn die Fastnachtszeit zur Kirche gehört? Roland Bahre beantwortete für sich diese Frage mit einem klaren „Ja“. Denn: „Die Kirche gehört zu den Menschen“, hob er hervor. Wer Fastnacht feiern kann, steht mitten im Leben, „so wie die Kirche auch in der Mitte steht“, so der Pfarrer. Denn die eine oder andere Schuld wurde in dieser Zeit auf sich geladen, erläuterte er. So etwa, wenn man über die Stränge schlägt und die Fastenzeit nutzen kann, um Buße zu tun, merkte Bahre lächelnd an.

Die andere Form des Gottesdienstes stieß auf viel Zuspruch. „Es waren einige da, die ich sonst noch nicht in der Kirche gesehen habe“, fiel dem Geistlichen auf. Die Resonanz war sehr gut, stellte Bahre bei der Verabschiedung fest. „Die Besucher fanden es toll“, nahm er mit. Und wollen wieder kommen. Die Stimmung war seiner Beobachtung nach sehr gut, weil beides vereint wurde: die Leichtigkeit von Fastnacht und der Schwere der Fastenzeit. Gesungen wurde unter anderem das „Dona nobis pacem“ als dreistimmiger Kanon gesungen und in Reimform das „Kappengebet“ gesprochen.

Aus seiner Gemeinde weiß er, dass manche bis Ostern auf Alkohol und/oder Fleisch verzichten. „Das war eine typische Aktion eines Ortspfarrers“, sagte Bahre. Denn ein solcher ist er nun schon seit fast vier Jahren in seiner Funktion als Geistlicher für die Pfarrei Beerfelden-Ost mit ihren 1900 Gemeindegliedern. Für ihn ist es „sehr, sehr wertvoll und unersetzlich, dass die Gemeinde in dieser Form mitwirkt“, betonte er. Die Kooperation mit den Bürgern und Vereine ist wichtig. „Das Leben als Ortspfarrer ist einfach schön“, bekräftigte der 35-Jährige.

Heute verbindet man Fastnacht mit Karneval und ausgelassenem Treiben auf der Straße. Ursprünglich bezeichnete die Fastnacht allerdings nur das, was sie ihrem Namen nach ist: Die Nacht vor dem Beginn des Fastens. Und auch die Bezeichnung „Karneval“ hat ihren Ursprung im religiös motivierten Fasten. „Carne vale“ heißt im Lateinischen „Fleisch, leb wohl“. Wenn die Passionszeit und mit ihr das Fasten am Aschermittwoch beginnt, dann sind (theoretisch) viele Speisen und Getränke für die nächsten 40 Werktage verboten. Alkohol gehört dazu, Fleisch ebenfalls.

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