Die Zukunft mit seinen eigenen Händen aufbauen

Er ist ein wenig der Traum eines jeden Arbeitgebers. „Es gibt nichts Schöneres als zu arbeiten“, meint Mehdi Hashemi, seit vergangenen August Auszubildender bei der Schreinerei Pracht. Der knapp 20-jährige junge Mann, gebürtig in Afghanistan, kam 2015 als Flüchtling aus dem Iran nach Deutschland und fand schnell Anschluss. „Ich mag handwerkliche Tätigkeiten“, sagt er. Sein Traum ist irgendwann das mit den eigenen Händen errichtete Haus.

„Ohne Fleiß kein Preis“ hat sich Mehdi ein deutsches Sprichwort gemerkt, das gut zu ihm passt. Seit er Ende 2015 in eine deutsche Pflegefamilie kam, die Wilstermanns in Affolterbach, arbeitet er zielstrebig an seinen Vorstellungen. Bereits im Iran probierte er sich an einigen handwerklichen Berufen wie Fliesenleger, Maurer oder Schneider aus. Letzterer wäre eigentlich auch sein Wunsch in Deutschland gewesen, aber „davon gibt es hierzulande leider nicht so viele“, bedauert er in seinem sehr guten Deutsch.

Auf den 19-Jährigen würde auch gut das schwäbische Sprichwort vom „Schaffe, schaffe, Häusle bauen“ zutreffen. Zwölf- oder 13-Stunden-Tage waren früher für ihn keine Seltenheit, „kurz vor Weihnachten mussten wir in der Schneiderei sogar 18 Stunden ran“, erzählt er. Da sind die deutschen acht Stunden am Tag für ihn ein Leichtes. „Ich will was anpacken“, verdeutlicht er. Die Arbeit macht ihm Freude, verschafft Befriedigung, er hat Spaß daran.

Im ersten Lehrgang geht es mehr darum, dass die Azubis den Profis über die Schulter schauen, die Handgriffe lernen, wissen, was man wie tut, erläutert Ausbilder Peter Schäfer. Eine Woche Maschinenkurs liegt gerade hinter Mehdi. Er versucht so viel Praxis wie möglich zu sammeln. Denn die ist es, die zählt, weiß er. Wenn er seine Ausbildung geschafft hat, will der 19-Jährige im Beruf weitermachen. Und später? „Vielleicht meine eigene Firma“, träumt er ein wenig.

Beim Betrieb fällt das Talent des jungen Mannes positiv auf. „Er schlägt sich sehr gut und zeigt viel Interesse“, freut sich neben dem Ausbilder auch Juniorchef Daniel Pracht. „Wir sind sehr zufrieden“, sagt er über das Auftreten von Mehdi. Dass der einmal als Azubi in einer Odenwald-Schreinerei landen würde, hätte sich der im Iran aufgewachsene sicher auch nicht träumen lassen.

Mit ein paar Freunden machte er sich 2015 auf den gefährlichen Weg Richtung Europa. Ohne Familie kam er in Heppenheim unter, weil dort bereits ein Freund wohnte. Neben den allgemein bekannten Problemen in Persien wäre er als Volljähriger dort vor zwei Alternativen gestellt worden, die in Wirklichkeit keine waren, schildert er: entweder zurück nach Afghanistan oder für den Iran nach Syrien in den Kampf gegen den IS geschickt zu werden.

Relativ schnell ging es weiter nach Affolterbach, wo er jetzt seit dreieinhalb Jahren wohnt. Diverse Deutschkurse folgten – mit Erfolg, wie sich heraushören lässt. Erst besuchte der 19-Jährige die Metzendorf-Schule in Bensheim, dann die Freudenberg-Schule in Weinheim und machte dort seinen Hauptschulabschluss. „Ich habe bestimmt 20 bis 25 Bewerbungen geschrieben“, erzählt er über die Verwirklichung seines Berufswunsches. Dazu kamen Praktika in verschiedenen Schreinereien. Manche Bewerbungen wie etwa die für Falken-Gesäß brachte er persönlich vorbei. Das beeindruckte.

Um über den Buckel zu gelangen, wo kein Bus fährt, musste dann nicht nur ein fahrbarer Untersatz her, sondern auch die Erlaubnis, das Auto fahren zu dürfen. „Die Theorie war leicht“, erzählt der Jugendliche über die Führerscheinprüfung. „Man muss einfach die Fragen verstehen.“ Die Praxis fiel ihm dann ein wenig schwerer.

Nicht nur in Affolterbach bei seiner Pflegefamilie, sondern auch in der Schreinerei fühlt er sich zuhause. „Ich kann mit allen Problemen zu ihnen kommen und sie kümmern sich darum“, ist Mehdi dankbar. Denn seine eigene Familie lebt noch im Iran. Letztes Jahr durfte er sie für elf Tage besuchen. Sein größter Wunsch über allen anderen ist natürlich, die Lieben hierzulande um sich haben zu dürfen.

Drei Jahre lang dauert die Schreiner-Ausbildung, erläutert Peter Schäfer. Im ersten Jahr sind die Azubis drei Tage im Betrieb und zwei Tage in der Berufsschule. Dieser Zeitraum dient der Vorbereitung, sagt er. Die jungen Leute stellen Übungsstücke her, schauen zu oder helfen bei bestimmten Arbeiten. Sie fahren mit auf die Baustellen und lernen dort von den schon länger Aktiven. Im zweiten Jahr wird das Ganze dann ein wenig anspruchsvoller, die jungen Leute dürfen auch mal selbst ran. Aktuell hat die Schreinerei Pracht fünf Azubis.

 

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