Den Kerwe-Baum durch die Stadt getragen

So oder so ähnlich muss es schon vor über 130 Jahre in Beerfelden zugetragen haben. Denn so lange ist die Brauchtumsveranstaltung überliefert. Junge Männer, damals der Tradition nach noch alle unverheiratet, schleppten einen prächtig geschmückten Baum von der Kirche zum Kerweplatz, um ihn dort nur mit Manneskraft aufzustellen. Der Verein Beerfelder Kerwe hält die alte Tradition mit einem Zug über Metzkeil und Gammelsbacher Straße in die Stried hoch. Danach gibt’s Freibier.

Die Kirchweih ist auch in der Stadt am Berge ein ursprünglich religiös geprägtes Fest. Dabei soll in erster Linie der Danksagung für das vergangene Jahr, aber auch der Hoffnung auf ein unfallfreies, erntereiches, neues Jahr Ausdrucke gegeben werden. Da die Kerwe, neben dem Schützenfest, in früheren Zeiten das bedeutendste Fest im Ort war, wurde und wird hierfür ein großer Aufwand betrieben.

In Beerfelden wird traditionell am ersten Oktober-Wochenende gefeiert, obwohl der Namenstag des Heiligen Sankt Martin am 11. November begangen wird. Dies ist auf den Großbrand 1810 und den Wiederaufbau der Martinskirche zurückzuführen. Der geschah relativ schnell, jedoch musste auf die Orgel, manche Stücke der Inneneinrichtung sowie den Kirchturm verzichtet werden, da die benötigten Gelder fehlten. Erst 1887 wurde der Turm eingeweiht. Der Kirchenvorstand bestimmte damals, dass als Erinnerung an dieses Datum die Kirchweih immer am ersten Sonntag im Oktober begangen werden soll.

Der prächtig geschmückte Baum, eine Birke von stolzen 15 Metern Höhe, steht im Mittelpunkt des Geschehens und zeigt von weithin allen Besuchern den Weg. In früheren Zeiten wurde die ganze Woche vor der Kirchweih gebacken und gekocht, damit am Wochenende die Arbeit getan war und der ganze Ort Zeit zum Feiern hatte. Dies tat man meist in der Wirtschaft mit dem größten Saal. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde dies auch in Beerfelden lange so praktiziert.

Als besonderen Kirchweih-Gast gibt es eine mit Stroh gestopfte, hübsch gemachte und nett angezogene Bobbe, welche von den Kerweburschen und -mädchen über die Festtage mehrmals zum Tanz auf die Bühne oder den Festsaal geholt wurde. Hierbei hatten sie besonders darauf zu achten, dass die Bobbe nicht in falsche Hände fiel und entführt wurde. Dies bedeutete eine große Blamage und es wurde in der Regel teuer, sie wieder auszulösen.

Einen schönen Zuspruch gab’s dieses Jahr trotz bedecktem Himmel für den samstäglichen Kerwebaum-Marsch. Seit 2008 wird dieses alte Brauchtum wieder gepflegt. Viele Gäste schlossen sich gleich an und drängten sich dann ins Zelt. Von 15 Mann wurde das Nadelholz der alten Tradition folgend getragen und am Ziel nur mit Manneskraft aufgestellt. Den Richtspruch hielt Kerwebub Jochen Neff.

Die Nächte sind auf der Beerfelder Kerwe traditionell kurz. Erst freitags die Mallorca-Party, dann samstags Tanzmusik mit Stefan & Jay – da bleibt nicht viel Zeit für Schlaf. Der Sonntag ist seit jeher eine Bank, wenn die Feuerwehrkapelle mittags aufspielt und es nach dem Fassanstich Freibier gibt. Die 25 musikalischen Frauen und Männer sind schon seit Jahren ein fester Bestandteil.

Am Gottesdient, gehalten von Pfarrer Roland Bahre, wirkte auch der Posaunenchor unter der Leitung von Gernot Spielmann mit. Der Geistliche predigte, dass das Gebet wie eine Umarmung Gottes ist. Glaube bedeutet Geborgenheit, innere Gelassenheit und Frieden. Genauso wie Kerwe ein Fest ist, zu dem alle, die unterwegs sind, in die Heimat zurückkehren, bedeutet Kirche seinen Worten zufolge ebenfalls Heimat. Man ist zuhause in seiner Heimat, dem Odenwald, und zu Hause bei Gott, dem Vater, so Bahre.

Wehe dem, der sich im vergangenen Jahr in Beerfelden etwas zu Schulden kommen ließ. Die Kerweschar hatte eifrig mitnotiert. Dieses Mal stand die Truppe gleich zu zehnt auf der Bühne, um allerlei kund zu tun. Abends war das Wehklagen groß, als dann das Kerwebobbe der Tradition folgend verbrannt wurde.

 

 

 

Die 14. Auflage der beliebten Beerfelder Zeltkerwe beweist, dass das Konzept des Vereins aufgeht und man aufs Neue ein breites Publikum erreicht. 75 Helfer waren über drei Tage im Einsatz. Inzwischen hat der Kerweverein über 160 Mitglieder, die sich um Erhaltung, Pflege und Förderung der Beerfelder Kerwe kümmern. Der wachsende Zuspruch ist für die Aktiven der beste Beweis dafür, dass der 2010 gegründete Verein seinen Satzungszweck aufs Beste erfüllt: nämlich Brauchtum und Mundart durch die Ausrichtung am Leben zu erhalten.

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