Wo der Oberzenter den Most holt

Wenn der Herbst Einzug hält, dann wird im Odenwald gekeltert. Ob es das gleichnamige Fest in Kortelshütte, Hebstahl oder auch Olfen ist: Einige Oberzent-Stadtteile haben bereits ihre Tradition bei der flüssigen Verwendung der Streuobstwiesen-Äpfel entwickelt. Im nordwestlichsten Zipfel, in Olfen, ist Keltermeister Lui Jahn-Kellermann gefordert, wenn die Dorfgemeinschaft feiert.

Aber nicht nur an diesem Tag: Aus vielen Ecken kommen in dieser Jahreszeit die Freunde des „Sießen“ zusammen, um bei ihm ihren Apfelmost herstellen zu lassen. Jahn-Kellermann macht aber noch mehr: Eigene Brände und Liköre, Gin und Öle stellt er in seiner Brennerei her. In der dem Dorfgemeinschaftshaus angeschlossenen Kelter ist er im Dauereinsatz.

In diesem Spätjahr werden die Freunde des frisch gepressten Apfelmosts allerdings irgendwann auf dem Trockenen sitzen. Keiner weiß warum, aber auf den Bäumen hingen dieses Mal weitaus weniger Äpfel als 2018, obwohl das durch einen trockenen Sommer glänzte. Auch an einen späten Frost, der die Blüten in Mitleidenschaft zog, kann man sich nicht erinnern. Dafür gibt’s aber haufenweise Mirabellen.

Die alte Kelter, von Lui Jahn-Kellermann mit viel Wissen bedient, stammt aus dem Jahr 1961, weiß der Vorsitzende der Dorfgemeinschaft, Horst Schnur. Fast wäre sie nicht mehr in Betrieb gewesen, da sie kaputt ging und es keine Ersatzteile mehr gibt. Doch über den Kontakt zu Bernd Weinthäter, dem „Daniel Düsentrieb des Odenwalds“, wie Schnur schmunzelnd meint, ließ sich das gute Stück wieder herrichten. Denn der stellte die benötigten Teile selbst er. „Weinthäter weiß Dinge, die heute kein Techniker mehr kann“, meint Schnur ehrfürchtig.

Eine Kelter gab es früher in den Orten, „wo es gewünscht war“, erzählt der regionalgeschichtlich bewanderte ehemalige Landrat. Etwa auch im Hesselbacher Dorfgemeinschaftshaus. Zuerst kommen die Äpfel ins Wasserbad, und dann über ein Förderband zur Mühle, die aus ihnen die benötigte Maische macht. Die lässt Jahn-Kellermann dann „portionsweise“ in die Form gleiten.

Über die ausgebreitete Maische schlägt er ein poröses Keltertuch, das die Flüssigkeit durchlässt. Dann ein Holzrost obendrauf, darüber wieder das nächste Tuch und noch eine Ladung Maische: Vier bis fünf Lagen können auf diese Weise entstehen. Die Hydraulikpresse sorgt danach dafür, dass unten der begehrte ungefilterte Apfelmost herausschießt.

Mit Anhänger, Bulldog oder auch dem Kombi kommen die Oberzentler mit ihrem Streuobst angefahren. Schleppen müssen sie selbst, „denn Lui bedient nur die Technik“, lacht Schnur. Der übrig gebliebene Trester wird dann unter anderem für die Wildfütterung verwendet. Es sind die alten Sorten wie Boskop, Elstar, Schafsnase, Kaiser Wilhelm oder Wintergold, die sich besonders für den Apfelmost eignen. Jahn-Kellermann ist einer der wenigen, die das Keltern in kleinem Rahmen noch anbieten.

Nach ein paar Tagen wird der Most dann zu Rauscher. Die Schwebstoffe gären raus. Im Keller gelagert, kann im Winter durch den Alkoholzusatz dann „Ebbelwoi“ daraus entstehen. In Hessen werden jährlich etwa 65.000 Tonnen Äpfel zu Saft und Wein verarbeitet. Die säurehaltigen älteren Sorten von Streuobstwiesen eignen sich dafür besonders.

 

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