Die sechste Generation steht in den Startlöchern

Kleine Läden auf dem Land haben es heute schwer. Die Leute kaufen immer mehr im Supermarkt ein, parallel steigen die Auflagen und fehlt der Nachwuchs, um die oft seit Generationen bestehenden Geschäfte weiterführen zu könne. Wenn aber einer wie der 15-jährige Luis bei der Rothenberger Metzgerei ganz begierig drauf ist, in die elterlichen Fußstapfen zu treten, dann sind das beste Voraussetzungen. Zum 1. Januar übernehmen seine Eltern Corina und Heiko Postawa den Betrieb und geben ihm auch ihren Namen.

Luis wird ab kommenden Sommer das Handwerk erlernen, um später ins Geschäft einsteigen zu können und damit die seit 1896 bestehende Familientradition der Metzgerei Beisel in sechster Generation fortführen. Nach seinem Realschulabschluss an der Oberzent-Schule beginnt der 15-Jährige eine Lehre bei der Landmetzgerei Beisel in Heiligkreuzsteinach, um ein paar Ecken Verwandtschaft mit Corinas Mutter Christel Jehle.

Die 63-Jährige wuchs quasi „in den Betrieb rein“ und begann 1972 eine Ausbildung als Fleischerfachverkäuferin. Mit ihrem Mann Rainer Jehle (67), aus Igelsbach stammend und vorher Koch auf dem Hirschhorner Schloss, übernahm sie die Metzgerei 1987. Die Eltern Erhard und Gretel Beisel blieben weiterhin Teilhaber. Die bisherige OHG Beisel & Jehle wird nun zum 1. Januar aufgelöst. Dann heißt es nur noch Metzgerei Postawa als GbR, erläutert der Chef.

„Wir haben uns die Übernahme länger überlegt“, war es laut Heiko Postawa keine einfache Entscheidung, den traditionsreichen Laden in fünfter Generation weiterzuführen. Zum einen ist da die Wirtschaftlichkeit angesichts allgemein steigender Fleischpreise. Dazu kommen die ständig steigenden Auflagen vor allem durch EU-Vorschriften, die den kleineren Betrieben die gleichen Ausgaben wie den großen aufbürden – bei viel geringerem Umsatz.

Postawa erwähnt in diesem Zusammenhang die Anschaffung einer neuen Betäubungsanlage für 4500 Euro, weil alle Vorgänge digital aufgezeichnet werden müssen. Die Gesetzestexte, sagt er, „werden in Deutschland 1:1 durchgesetzt“ – bis ins kleinste Details. Anderswo in Europa wird alles laxer gehandhabt, so sein Eindruck. „Die Leute vom Veterinäramt machen ja auch nur ihre Arbeit“, weiß der Metzgermeister jedoch.

Als dritten Faktor nennt er eine gewisse Verpflichtung für die Versorgung im Ort. Nachdem der Bäcker weiter oben zumachte, ist die Metzgerei nun das letzte Geschäft im Dorf. Brötchen gibt’s hier jetzt auch von der Bäckerei Riesinger in Beerfelden, Milchprodukte aus Hüttenthal und auch sonst einiges für den täglichen Bedarf. „Wer kein Auto hat, kommt nicht weg“, nennt Postawa die wichtige Funktion des Ladens.

Die Kundschaft ist bunt gemischt von Jung bis Alt. Die Inhaber-Familie beobachtete in der vergangenen Zeit, dass die Kunden immer mehr Wert auf Frische, Regionales und Qualität legen. Denn geschlachtet wird noch selbst, die Schweine werden mit dem Viehauto beim Bauern im Buchener Raum geholt. „Das wollen wir beibehalten“, versichert Postawa. Trotz steigender Preise, „weil die Chinesen viel Fleisch aufkaufen“.

Wo es früher Hausmacher und vier oder fünf Sorten Brühwurst gab, ist heute die Angebotsvielfalt um einiges größer. „Wir haben 80 Sorten in der Auslage“, weist Postawa auf die veränderten Kundenwünsche hin. Denn die kleinen Metzgereien müssen mit dem Sortiment in den Supermärkten konkurrieren können.

Als ob die kleineren Betriebe nicht schon mit genug Schwierigkeiten kämpfen, wurde in den vergangenen Jahren auch immer schwieriger, Personal zu finden. „Keiner will sich mehr die Hände schmutzig machen“, beklagt Corina Postawa die fehlende Wertschätzung des Berufs.

Doch mit der Großfamilie im Hintergrund und im eigenen Haus, zusammen mit zwei Gesellen und vier Verkäuferinnen, sehen sie sich – so gut es geht – für die Zukunft aufgestellt. Wenn dann Luis nach der dreijährigen Lehre ins Stammhaus zurückkehrt, kurz nach dessen 125-jährigem Bestehen, geht’s in die nächsten Jahrzehnte.